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Missbrauch in der Kirche: Austrittswelle erschüttert bayerischen Landkreis - „Es ist der Wahnsinn“

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Viele Menschen kehren der Kirche nach dem Missbrauchsskandal den Rücken. Auch die Standesämter im Landkreis verzeichnen zahlreiche Austritte.
Viele Menschen kehren der Kirche nach dem Missbrauchsskandal den Rücken. Auch die Standesämter im Landkreis verzeichnen zahlreiche Austritte. © Ingo Wagner/DPA

Nach dem neuen Gutachten treten viele Menschen aus Bayern aus der Kirche aus. Viele Katholiken, die länger darüber nachdachten, haben jetzt genug.

Bad Tölz-Wolfratshausen – Das vor einer Woche veröffentlichte Gutachten über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche zeigt bereits Folgen: Die Zahl der Kirchenaustritte im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen ist signifikant angestiegen.

Missbrauch in der Kirche: Austrittswelle in Bad Tölz-Wolfratshausen - „Es ist der Wahnsinn“

„Unsere Termine für eine Abmeldung von der Kirchensteuer sind alle ausgebucht“, berichtet Thomas Loibl, Pressesprecher der Stadt Geretsried.Um aus der Kirche auszutreten, muss man sich im Standesamt seines Wohnorts anmelden und dann persönlich erscheinen. Der Austritt kostet 25 Euro plus 10 Euro für eine schriftliche Bescheinigung und wird sofort wirksam.

Seit vergangenem Freitag, dem ersten Tag nach Bekanntwerden des Gutachtens, verzeichnete die Stadt bis Mittwoch 16 Austritte von Geretsriedern aus der römisch-katholischen Kirche. In den vom Geretsrieder Standesamt mitbetreuten Gemeinden traten vier Personen aus Icking, zwei aus Münsing und zwei aus Dietramszell aus. Die Standesbeamten fragten nicht nach den Gründen, das dürften sie gar nicht, so Loibl. „Aber diesmalhaben viele von sich aus den Missbrauchsskandal genannt.“ Austritte gebe es über das Jahr verteilt immer wieder, aber die aktuelle Häufung sei „schon beachtlich“.

Bad Tölz: Viel mehr Austritte aus katholischer Kirche - „Wahnsinn“ in Wolfratshausen

Auch in Bad Tölz wenden sich einige Menschen von der katholischen Kirche ab. Nach Auskunft von Falko Wiesenhütter, Geschäftsleiter im Rathaus, lag ihre Anzahl am Dienstag bei 13. Darunter sind nicht nur Einwohner der Stadt Bad Tölz, sondern auch Bürger der zum Standesamtsbezirk gehörigen Gemeinden Wackersberg, Bichl, Benediktbeuern und Bad Heilbrunn. Seit Anfang Januar gab es im Tölzer Standesamt 31 Austritte gegenüber 19 Austritten im selben Zeitraum des Vorjahrs.

Im Wolfratshauser Rathaus vergibt Standesbeamtin Petra Konrad täglich Termine für Kirchenaustritte. „Es ist der Wahnsinn“, sagt sie. Bis Dienstag habe sie 18 Austritte aus der katholischen Kirche beurkundet. Sie kenne solche Wellen: „Immer nach Negativ-Schlagzeilen stehen die Leute bei uns Schlange.“ Viele hätten ihr in den vergangenen Tagen berichtet, sie hätten über den Schritt schon länger nachgedacht. Aber jetzt sei das Fass voll, jetzt würden sie es durchziehen. Im Standesamt der Loisachstadt gab es bereits im vergangenen Jahr einen deutlichen Anstieg an Kirchenaustritten, nämlich 200 statt wie üblich 100 bis 150. Das könne eventuell daran liegen, dass die Menschen in der Pandemie vielleicht Steuern sparen wollten.

Trotz Missbrauchsgutachten und Skandalen in der Kirche: Viele Gläubige bleiben treu

In Lenggries „tröpfeln die Kirchenaustritte so vor sich hin, aber auffallend viele sind es nicht“, bilanziert hingegen der dortige Standesamtleiter Helmut Potstada. „Wir haben bisher sechs Kirchenaustritte im Januar gehabt“, berichtet er auf Nachfrage unserer Zeitung. 2021 seien insgesamt 101 Bürger aus Lenggries und der mitbetreuten Gemeinde Jachenau aus der Kirche ausgetreten, davon 80 aus der römisch-katholischen.

In der Verwaltungsgemeinschaft Reichersbeuern, Sachsenkam und Greiling sind laut Standesamt innerhalb der vergangenen sechs Tage vier Bürger aus der Kirche ausgetreten. Das Standesamt Kochel am See verzeichnet seit vergangenem Donnerstag 13 neue Austritte, so Verwaltungsleiterin Nicole Lutterer. „2021 gab es insgesamt 57 Austritte.“ TANJA LÜHR und FELICITAS BOGNER

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