Henning Wiesner soll entlaufene Tiere einfangen

Mit Rinderhandy: Ex-Tierpark-Chef auf Färsen-Jagd

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Einsatz im Starnberger „Busch“: Tierarzt Henning Wiesner aus München bringt die entlaufenen Rinder zurück in ihren Stall in Hausen.

Ein paar Färsen hat Ex-Hellabrunn-Chef Henning Wiesner bereits am Wochenende erwischt. Für die übrigen arbeitet er an einer Falle, die schon mal funktioniert hat. Ein Interview mit dem Färsen-Fänger.

Hausen – In Hausen sind die Rinder los. Anfang Februar hat nachts jemand das Gitter am Stall von Familie Führer so eingedrückt, dass rund 50 Kühe ausgebrochen sind. Die meisten konnten wieder eingetrieben werden. 14 Färsen – junge Milchkühe, die noch nicht gekalbt haben – blieben allerdings verschwunden. Sie verstecken sich im Wald und können nicht eingetrieben werden. Jetzt wurde Henning Wiesner (72), ehemaliger Chef des Tierparks Hellabrunn, zu Hilfe gerufen. Er hat auch schon Kuh Yvonne nach ihrer spektakulären Flucht vor knapp sechs Jahren heimgebracht. Vier der 14 entlaufenen Tiere hat Wiesner am Wochenende gefangen.

Herr Wiesner, Sie sind die letzte Rettung für die entlaufenen Färsen. Warum sind Sie der Spezialist für solche Fälle?

Das ist mein Steckenpferd. Ich bin Fachtierarzt für Zoo- und Wildtiere und habe maßgeblich seit den 1970er Jahren weltweit Wildtiere narkotisiert, ob Elefant, Leopard, Rind oder Pferd. Ich habe das Blasrohr in die Tiermedizin eingeführt und quasi hoffähig gemacht. Deswegen stolpert man immer wieder über mich, wenn man Tiere narkotisieren will.

Wie kamen sie dazu?

Mich hat die Technik mit dem Blasrohr fasziniert. Es ist eine fliegende Spritze. Ich kann bis zu 30 Meter weit schießen, ohne das Tier zu verletzen. Das Blasrohr ist lautlos, der Einstich wird so gut wie nicht empfunden. Die Tiere bleiben einfach stehen und schauen.

Sie haben schon mehrere tausend Tiere narkotisiert. Auch mal 14 auf einmal so wie jetzt in Hausen?

Das ist schon außergewöhnlich. Ich habe in der Krim mal 103 Przewalski-Urwildpferde innerhalb von drei Tagen narkotisiert, weil ein Gentest gemacht wurde. Die waren aber in einem Nationalpark und konnten auf einer ganz großen Koppel eingetrieben werden. Jetzt sind die Rinder natürlich unter freiem Himmel.

Also ist es schwieriger?

Ja, weil ich nicht rankomme. Im Wald kann ich nicht schießen, weil die Pfeile durch die Zweige abgelenkt würden.

An Kuh Yvonne sind sie ja auch nicht rangekommen, als sie damals ausgerissen ist.

Yvonne ist die Kuh für die Ewigkeit (lacht). Auf sie werde ich immer wieder angesprochen. Sie stand damals mitten im Maisfeld. Deswegen habe ich vorgeschlagen, sie mit einer Mutterkuh herauszulocken. Yvonne ist aber vorher freiwillig auf eine Koppel gegangen.

Ihr geht’s übrigens gut. Sie lebt immer noch auf Gut Aiderbichl. Nun haben Sie wieder vorgeschlagen, die Rinder mit einer Mutterkuh zu locken?

Genau, wir überlegen aber noch, wo der günstigste Platz für die Falle ist. Ich bin jetzt immer auf Abruf. Wenn eine Kuh beschussfähig ist fahre ich mit dem Traktor heran – das Geräusch akzeptieren sie, weil sie es mit dem Futterbringen verbinden. Vier konnte ich am Freitag schon betäuben. Die übrigen wollen wir mit einer Mutterkuh anlocken. Die trennen wir von ihrem Kalb, sodass sie nach ihm ruft. Ihr Ruf ist quasi ein Rinderhandy. Die Jungrinder werden hingehen.

Warum hören die Rinder auf den „Anruf“ einer fremden Mutter?

Dass ist wie beim Menschen, der im Bergwald verirrt ist. Wenn die Rinder die Stimme einer erwachsenen Kuh hören, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie ihr folgen.

Wie geht es den Färsen im Wald?

Sie haben genug Wasser und finden auch was zu knabbern. Die Temperaturen sind sie aus ihrem Offen-Stall gewöhnt. Aber sie merken schon, dass sie in einer fremden Umgebung sind. Und es geht ums Überleben: Sie könnten auf die Gleise oder die Straße laufen.

Wie kommt es eigentlich, dass Kühe von einer Alm zurückgetrieben werden können, die Färsen aber nicht?

Da kommt jede Woche einer und gibt ihnen Salz. So ist der permanente Mensch-Tier-Kontakt da. Je länger die Färsen im Wald sind, desto scheuer werden sie.

Wie geht es mit den Rindern weiter, wenn sie betäubt wurden?

Sie kommen zurück in den Stall, bekommen zu Fressen und meine Mission ist beendet.

Interview: Susanne Weiß.

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