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Bayerns gefährlichster Bürgersteig bei München? Anwohner sauer - „Das kann doch nicht sein“

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Von: Jennifer Battaglia

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Mit hoher Geschwindigkeit fahren Verkehrsteilnehmer auf der Staatsstraße 2064 am Bürgersteig vorbei. Ein Tempolimit an dieser Stelle ist aber wegen der geltenden Gesetzeslage nicht so einfach durchsetzbar.
Mit hoher Geschwindigkeit fahren Verkehrsteilnehmer auf der Staatsstraße 2064 am Bürgersteig vorbei. Ein Tempolimit an dieser Stelle ist aber wegen der geltenden Gesetzeslage nicht so einfach durchsetzbar. © Jennifer Battaglia

Mit bis zu 100 Sachen an einem Bürgersteig vorbeirasen? Das passiert regelmäßig vor dem Ortsschild der Gemeinde Seeshaupt am Starnberger See. Viele Bürger machen sich deshalb Sorgen und Anwohner beklagen neben der Gefahrenlage auch den Verkehrslärm – für ein Tempolimit scheint das alles aber nicht auszureichen.

Seeshaupt – „Da rauschen die Autos mit Tempo 100 an mir vorbei, wenn ich täglich mit meinem Hund spazieren gehe“, sagte Bernd Habich in der vergangenen Seeshaupter Gemeinderatssitzung. „Das kann doch irgendwo nicht sein“, so der zweite Bürgermeister. „Ich kenn keine andere Straße, an der es sowas gibt.“

Gemeint ist die Staatsstraße 2064. Zwischen der Kreuzung zur Seeseitener Straße und dem Ortsschild von Seeshaupt verläuft auf einer Stecke von circa 400 Metern ein Bürgersteig, an dem Verkehrsteilnehmer mit bis zu 100 km/h an Fußgängern vorbeirasen. Ein Schild mit einem Tempolimit gibt es nicht. „Kinder benutzen den Bürgersteig und das manchmal sogar mit Rädern“, sagte Habich an die Gemeinderäte gerichtet. Im Sommer würden viele Fußgänger auch die Staatsstraße kreuzen, um über die Seeseitener Straße direkt an den See zu gelangen. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung sei deshalb dringend notwendig.

Laut Behörde liegt keine konkrete Gefahrenlage vor

Die zuständige Verkehrsbehörde sieht das anders. Laut dem Sachgebiet Verkehrswesen des Landratsamtes ist ein Tempolimit an dieser Stelle nicht erforderlich. In Absprache mit der Polizei Penzberg und dem Staatlichen Bauamt liege hier keine konkrete Gefahrenlage vor und es würde auch kein über das normale Maß hinausgehende Unfallrisiko bestehen. Zwar gab es an der Kreuzung zur Seeseitener Straße Verkehrsunfälle – seit 2015 waren es nach Auskunft des Staatlichen Bauamt sechs an der Zahl – mindestens die Hälfte davon sind aber auf eine Missachtung des dortigen Stopp-Schildes zurückzuführen. „Für das Unfallgeschehen ist nicht die Geschwindigkeit unfallursächlich“, äußert sich dazu Andreas Lenker vom Staatlichen Bauamt.

Präventive Verkehrsbeschränkungen gibt es nicht

Aber wäre es nicht sinnvoll, die Geschwindigkeit vorsorglich herabzusetzen, bevor ein Unfall mit Fußgängern passiert? Wolfgang Mini, Leiter des Sachgebiets Verkehrswesen am Landratsamt, antwortet: „Aus rein präventiven Gründen Verkehrsbeschränkungen anzuordnen ist nach der Gesetzeslage nicht möglich.“ Und weiter: „Das Vorhandensein eines Bürgersteigs spielt bei der Beurteilung der Situation grundsätzlich keine Rolle.“ Mini verweist auf die Straßenverkehrsordnung.

Darin steht, dass Verkehrsteilnehmer sich so zu verhalten haben, dass niemand geschädigt oder gefährdet wird. „An Fußgängern darf man deshalb auch nicht mit 100 km/h vorbeifahren“, so Mini. Zwar würden das einzelne Fahrzeuge in Seeshaupt tun, jedoch ergab eine Messung der Durchschnittsgeschwindigkeit für den genannten Streckenabschnitt einen Wert von nur circa 78 km/h. Wer sich als Fußgänger auf dem Bürgersteig nicht wohl fühlt, könne einen anderen Weg benutzen.

„Wir können nicht alles absichern“

Auf die Frage, ob ihm denn ähnliche Konstellationen, also Bürgersteige an viel befahrenen Straßen, außerorts und ohne Tempolimitschild bekannt seien, verneint Mini. „Vielleicht nicht bei uns im Landkreis“, sagt er. „Aber die gibt es bestimmt.“ Die Einschätzung einer Gefahrenlage ist laut ihm auch immer subjektiv. „Ich habe Verständnis dafür“, sagt er. „Aber ich bitte auch um Verständnis. Wir können nicht alles absichern.“

Verkehrslärm für Anwohner unerträglich

Anlass für den Austausch im Gemeinderat war die Antwort der Verkehrsbehörde auf ein Schreiben der an die Staatsstraße angrenzend lebenden Anwohner. Anliegerin Katharina Fischer hatte sich bereits im Sommer vergangenen Jahres in einem Brief an Bürgermeister Fritz Egold gewandt, in dem sie eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 km/ h forderte.

Dem Schreiben lag eine Unterschriftenliste von circa 40 weiteren Anwohnern bei. Fischer schilderte, dass die Beeinträchtigung durch den Verkehrslärm extrem und unerträglich geworden sei, einige Anlieger klagten bereits über Schlafstörungen und Nervosität. Die eigenen vier Wände sollten eigentlich ein Rückzugsort sein. „Stattdessen wird man gerade an Ausflugstagen dazu gezwungen, sich selbst ins Auto zu setzen und wegzufahren, um etwas Ruhe zu finden“, so Fischer wörtlich. Besonders während der Sommermonate ist die Gemeinde am Starnberger See ein beliebtes Ausflugsziel, das viele Besucher anlockt.

Egold leitete das Anliegen der Anwohner an die zuständige Verkehrsbehörde am Landratsamt weiter, die Antwort fiel jedoch negativ aus: „Beschränkungen zum Schutz der Bevölkerung vor Lärmimmissionen nach der Straßenverkehrsordnung setzen eine dementsprechende Lärmberechnung bzw. die Durchführung eine Lärmaktionsplans voraus.“ Auf Nachfrage teilte Wolfgang Mini mit, dass auch nach einer Lärmberechnung mit entsprechenden Werten nicht zwangsläufig Tempolimitschilder aufgestellt werden würden, sondern andere Maßnahmen, wie zum Beispiel ein Wechsel des Fahrbahnbelags oder die Errichtung einer Schallschutzmauer, vorrangig in Frage kämen.

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