1. tz
  2. München
  3. Region

Wegen Personalmangel: Stillstand in bayerischen Betrieben - „Arbeitsmarkt plötzlich leergefegt“

Erstellt:

Von: Cornelia Schramm

Kommentare

Viele Firmen haben angesichts des Personalmangels derzeit schwer zu kämpfen. Wir stellen drei betroffene Betriebe aus Bayern vor.

Bad Tölz/Ebersberg/Holzkirchen - In der Bäckerei Büttner in Bad Tölz müssen die Mitarbeiter sechs Tage die Woche arbeiten, im Restaurant „Papst“ in Holzkirchen wird im August kein Mittagessen serviert und im Kreis Ebersberg sind vier Buslinien stillgelegt, weil Fahrer fehlen. Drei Unternehmer aus Bayern berichten von ihrer aktuell schwierigen Lage.

Wegen Personalmangel: Tölzer Bäcker schließt samstags - „Haben alles versucht“

Leicht fällt Sandra Büttner (50), Chefin der Bäckerei Büttner in Bad Tölz, die Entscheidung nicht. „Wir haben alles versucht“, sagt sie. „Aber unsere Filialen bleiben ab sofort samstags geschlossen.“ Sandra und Leo Büttner betreiben drei Filialen und ein Verkaufsmobil. „Es ist schwer, Personal zu finden“, sagt Büttner. „Wir bräuchten jemanden für das Mobil – und drei Bäcker.“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus der Region rund um finden Sie auf bei Merkur.de/Bad Tölz.

Büttner sucht schon ein halbes Jahr. „Für das Mobil haben sich Fahrer gemeldet, aber die müssten auch Waren verkaufen.“ Die Interessenten lehnten ab. So auch in der Backstube: „Wir beschäftigen Hilfskräfte“, sagt Büttner. Brezn drehen, Gebäck glasieren – kein Problem. „Zum Teiganmischen und Brotaufmachen brauchen wir aber ausgebildete Bäcker, die ihr Handwerk verstehen.“

Personalmangel Bayern: Mitarbeiter müssen sechs Tage die Woche arbeiten

Inserate, die Agentur für Arbeit und der Kontakt zu einer Integrationsorganisation halfen bisher nichts. Für die Mitarbeiter hieß das: Sechs-Tage-Woche. „Zur Not schafft man das, aber auf Dauer wollen wir sie nicht am Limit sehen“, sagt Büttner. „Außerdem wollen wir sie ja halten – und attraktiv sein.“

Sandra Büttner von der Bäckerei Büttner
Die Regale in der Bäckerei Büttner bleiben samstags ab sofort leer. Chefin Sandra Büttner erklärt ihren Kunden auf einem Flyer, warum. © Anrdt Pröhl

Viele Mitarbeiter hätten Kinder, freie Samstage sind beliebt. Aber eine Bäckerei, die am Wochenende zu hat? „Viele Kunden verstehen das. Wir suchen aber weiter nach Personal und wollen Ende Oktober samstags wieder öffnen.“ Probleme gibt es nicht erst seit der Pandemie. „Früh aufstehen und am Wochenende arbeiten, das ist für viele auch ein Lifestyle-Problem.“

Holzkirchen: Wegen Personalmangel kein Mittagessen mehr in beliebtem Lokal

Mittagessen wird es im August im „Papst“ in Holzkirchen (Kreis Miesbach) nicht geben. Im Ort war das Restaurant von Manfred und Claudia Papst 16 Jahre lang die Anlaufstelle – zum Brunch, Mittag- und Abendessen. Jetzt ist alles anders. Schon seit zwei Monaten hat das beliebte Lokal samstags und sonntags geschlossen, jetzt auch mittags. Für mehr Schichten gibt es nicht genug Personal.

„Wir wollen unseren Mitarbeitern den wohlverdienten Urlaub ermöglichen“, sagt Claudia Papst. „Bei uns gab es nie Urlaubssperren und das soll trotz allem so bleiben, auch wenn es uns als Betreiber umsatzmäßig schmerzt.“

Manfred Papst vor seinem Restaurant
Mit Essen „to go“ hat Manfred Papsts Restaurant den Lockdown während der Pandemie überlebt. © Andreas Leder

Bayerns Gastronomen wollen Stammpersonal „nicht verheizen“

Seit Pandemiebeginn sind vier Mitarbeiter gegangen – in der Küche brennt es personell. Im Lockdown wurde keiner ausgestellt, nur minimal Kurzarbeit angemeldet, sagt Papst. „Wir haben dank Abholservice durchgehalten und zusammengehalten.“ Samstag und Sonntag frei und übertarifliche Bezahlung – das gibt’s kaum in der Gastro. „Selbst darauf springt keiner an“, sagt Papst. „Man findet keinen Koch.“ Seit Anfang des Jahres suchen sie – und reduzieren die Öffnungszeiten, „um das Stammpersonal nicht zu verheizen“. Die Frage, die sich Papst und viele andere Wirte stellen: „Wer beruflich umsattelt, hat individuelle Gründe – aber wieso ist ein ganzer Arbeitsmarkt plötzlich so leer gefegt?“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Miesbach, Holzkirchen und der Tegernsee-Region finden Sie auf Merkur.de/Holzkirchen.

Von 4.45 Uhr bis 1.30 Uhr rollen Herbert Larchers Busse über die Straßen. Der 60-Jährige hat das Familienunternehmen in Markt Schwaben im Kreis Ebersberg 1997 übernommen. „So was wie jetzt habe ich aber noch nie erlebt“, sagt der Busunternehmer. „Gerade stehen vier Linien still: zwei in Poing und je eine in Vaterstetten und Erding.“ Der Grund: zu wenig Personal. „Obwohl es immer mal krankheitsbedingt Ausfälle gibt, ist die Pandemie nicht schuld. Durch die steigenden Energie- und Wohnkosten gehen immer mehr unserer osteuropäischen Fahrer zurück. Die Arbeit lohnt sich für sie nicht mehr.“

Buslinien stehen still - Weil Personal fehlt

Larcher ist wie andere Busunternehmer aber auf sie angewiesen. „Vor 15 Jahren war das anders, aber jetzt kommen 80 Prozent unserer Fahrer aus dem Ausland.“ Larcher hat sich gerüstet, etwa Zimmer gemietet und eine Deutschlehrerin eingestellt. Aber da ist auch noch das Problem mit dem Führerschein: „Der kostet 11.000 Euro und wer ihn gewerblich nutzen möchte, muss zudem eine Prüfung auf Deutsch ablegen – da fallen viele durch.“

erbert Larcher (rechts) und Thomas Harant
Zu wenig Bus-Fahrer haben Herbert Larcher (rechts) und Thomas Harant. © Rossmann

Larchers Stiefsohn und Geschäftsführer Thomas Harant (31) fragt sich: „Wie sollen Verkehrswende und ÖPNV-Ausbau kommen, wenn die Öffentlichkeit den Fachkräftemangel schon jetzt so zu spüren kriegt?“ Da die Stadt München eine Zulage zahlt, wandern viele Fahrer ab. „Der Ballungsraum braucht diese Zulage ebenfalls“, sagt Harant. „Und der Führerschein müsste etwa wie in Österreich günstiger sein.“

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Ebersberg finden Sie auf Merkur.de/Ebersberg.

Auch interessant

Kommentare