1. tz
  2. München
  3. Region

Junger Firmenchef führt Vier-Tage-Woche ein: „Sicher, dass wir anfangs Überstunden anhäufen werden“

Erstellt:

Von: Sebastian Tauchnitz

Kommentare

Der Countdown läuft: Ab 1. September arbeiten die Mitarbeiter der Firma Osenstätter weniger für das selbe Geld – und haben jeden Freitag frei.
Der Countdown läuft: Ab 1. September arbeiten die Mitarbeiter der Firma Osenstätter weniger für das selbe Geld – und haben jeden Freitag frei. © Foto: Hans-Helmut Herold

Angesichts des immer stärker werdenden Fachkräftemangels in der Region überbieten sich die Unternehmen bei der Bezahlung neuer Mitarbeiter. Und am Ende bewirbt sich doch kaum jemand. Nico Osenstätter, Geschäftsführer der gleichnamigen Holz- und Furnierfirma in Schongau, macht da nicht mehr mit und startet einen radikalen Versuch.

Landkreis – Früher, da war alles noch anders. Da buckelte man sich ab, schob Überstunden – die Gehaltserhöhung lockte, vielleicht der Dienstwagen, ein Firmenhandy. Das war früher. „Wenn wir ganz ehrlich sind: Gerade in Oberbayern sind die Gehälter hoch genug. Sie decken die Kosten fürs Wohnen, fürs Leben, das Auto, den Urlaub. Der wahre Luxus ist freie Zeit“, sagt Nico Osenstätter.

Man merkt, er hat lange über das Thema nachgedacht. Der Wettbewerb zwischen den Firmen um Fachkräfte, er nimmt mittlerweile immer absurdere Züge an. Mehr Geld, mehr Zulagen, Zuschüsse zum Radl-Leasing oder dem Fitnessstudio – das alles gibt es schon.

In den Werkstätten baut man Möbel für Super-Wolkenkratzer in New York

„Ich kann keine höheren Löhne zahlen als die Industrie“, sagt der 31-Jährige, der das Familienunternehmen vor einigen Jahren als operativer Geschäftsführer übernommen hat. Der Betrieb läuft super – die feinen Furniere, die auf dem Schongauer Firmengelände hergestellt werden, sind weltweit gefragt. In den Werkstätten entstehen gerade Tische, Eimer und Tabletts aus Edelholz für den neuen Wolkenkratzer „The Spiral“, der in New York gebaut wird.

Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Schongau-Newsletter. Und in unserem Weilheim-Penzberg-Newsletter.

Doch dem Traditionsbetrieb fehlen Mitarbeiter – wie fast jedem Unternehmen in der Region. Osenstätter zählt auf, was er so alles sucht: „eine Assistenz, Facharbeiter in der Produktion, Vertriebler...“. Während er so überlegte, wie er neue Mitarbeiter für die Firma finden könnte, tauchte immer wieder dieser eine Gedanke auf.

Vier-Tage-Woche in Schongau: Keine hippe IT-Firma, sondern ein mittelständisches Unternehmen

Schon seit einigen Monaten wird darüber berichtet, dass Unternehmen für ihre Mitarbeiter die Vier-Tage-Woche einführen. In Island startete ein groß angelegtes Modellprojekt. Die Ergebnisse sprechen für sich: Die Motivation der Mitarbeiter steigt, die Produktivität nimmt zu, die Leute sind weniger gestresst und Burn-Out ist eigentlich kein Thema mehr.

Klar, in einer hippen IT-Firma oder einer Werbeagentur, da kann man die Vier-Tage-Woche leicht einführen. Aber in einem großen Betrieb mit teuren Maschinen? Osenstätter rechnete und redete. Mit seinen Freunden, die bei großen Wirtschaftsberatungsunternehmen arbeiten, seinen Eltern, die zwar nicht mehr operativ tätig, aber dennoch weiter Geschäftsführer des Unternehmens sind, mit seinem Team. Die Idee wuchs und wurde ausgearbeitet.

Abstimmung bei Betriebsversammlung: „Kein einziger, den ich gefragt habe, war dagegen“

Vergangene Woche gab es dann die denkwürdige Betriebsversammlung. Osenstätter stellte sein neues Modell vor. Bislang haben die 45 Mitarbeiter im Unternehmen 41,5 Stunden pro Woche gearbeitet – von Montagmorgen bis Freitagmittag. In Zukunft arbeiten sie – bei gleichem Gehalt – nur noch 38 Stunden pro Woche. Sie arbeiten dabei täglich eine halbe Stunde mehr. Dafür haben sie jeden Freitag frei. „Kein einziger, den ich gefragt habe, war dagegen“, so der Firmenchef,

Kurzurlaub am Gardasee, ganz ohne Urlaub zu nehmen

Kein Wunder, wenn man ihn so schwärmen hört: „Das ist schon schön. Wir arbeiten von 7 Uhr morgens bis 17.15 Uhr – eine Dreiviertelstunde ist dabei Mittagspause. Stellen Sie sich mal vor: Sie machen am Donnerstag um 17.30 Uhr Feierabend, dann springen Sie ins Auto. Um 22 Uhr sind sie am Gardasee. Und dann haben sie drei volle Tage Kurzurlaub, ohne einen einzigen Urlaubstag zu nehmen.“

Was halten Sie von dem Vorstoß? Diskutieren Sie mit auf unserer Facebook-Seite

Klar, „schaut man nur auf die Zahlen, ist das eine Katastrophe“, räumt Osenstätter ein. Weniger Arbeit für das gleiche Geld, „das entspricht eine Gehaltserhöhung von neun Prozent“. Seine Mutter Sabine sei dennoch begeistert gewesen, sein Vater Othmar allerdings eher skeptisch.

Endlich wieder genügend Bewerber, um die Auswahl zu haben

Denn es gibt durchaus Risiken. Die Auftragsbücher sind voll, Arbeit ohne Ende, und dann arbeiten die Leute weniger. „Ich bin mir sicher, dass wir anfänglich Überstunden anhäufen werden“, räumt der Geschäftsführer ein. Wie soll es anders gehen. Aber er setzt darauf, dass er den Knopf gefunden hat, den er drücken muss, um die Leute dafür zu begeistern, sich bei Osenstätter zu bewerben. „Ich hab natürlich auch mit dem Dienstleister gesprochen, der für uns nach Mitarbeitern sucht. Als ich ihm von dem Modell erzählt habe, meinte der nur: ,Wann kann ich bei euch anfangen?’“.

Ein Scherz, klar, aber durchaus eine erwartbare Reaktion. Genau darauf hofft Osenstätter. Wenn sich die Leute bewerben, weil sie von dem neuen Arbeitszeitmodell überzeugt sind, dann hat er – endlich wieder mal – die Auswahl, kann diejenigen raussuchen, die ins Team passen, die motiviert sind, das Unternehmen nach vorn bringen. Je mehr neue Mitarbeiter eingestellt werden können, umso schneller schmelzen die Überstundenkonten ab. Und umso mehr Aufträge kann das Unternehmen annehmen. Aufträge, die weiteres Geld in die Kassen spülen.

Startschuss fällt am 1. September, dann beginnt die Testphase

Am 1. September geht es los. Dann ändern sich die Zeiten bei der Osenstätter GmbH. Als erster großer Arbeitgeber im Landkreis wird der Betrieb die Vier-Tage-Woche einführen – bei gleichbleibendem Gehalt. Vorerst im Rahmen einer Testphase: „Natürlich müssen wir Erfahrungen sammeln, schauen, ob wir die Arbeit schaffen und sich die Erfolge, auf die wir hoffen, auch wirklich einstellen“, meint Osenstätter offen. Aber er ist zuversichtlich, dass er die Zukunft der Arbeit eingeläutet hat.

Auch interessant

Kommentare