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Miesbacher Familie kauft Handtasche im Antiquitätenladen – der Inhalt lässt sie nicht mehr los

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Von: Sebastian Grauvogl

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Eine Familie im Geschichtsfieber: (v.l.) Ann-Sophie, George und Anna Hoser mit der Feldpost und der Handtasche, in der sie diese gefunden haben.
Eine Familie im Geschichtsfieber: (v.l.) Ann-Sophie, George und Anna Hoser mit der Feldpost und der Handtasche, in der sie diese gefunden haben. © Steffen Gerber

Einen überraschenden Fund hat eine Miesbacher Familie in einer Handtasche aus dem Antiquitätenladen gemacht. Jetzt sind alle im Geschichtsfieber. Der Grund: eine mögliche Romanze anno 1942.

Miesbach – Hätte man Ann-Sophie Hoser die alte Feldpost im Geschichtsunterricht vorgelegt, wäre ihr Interesse an den teils schwer leserlichen Briefen eines gewissen Werner an Fräulein Ursula Senger wohl überschaubar geblieben. Es sei schon eher die Handtasche aus der frühen Nachkriegszeit gewesen, die ihre Neugier geweckt hatte, gibt die 13-jährige Miesbacherin lächelnd zu.

„Eine Clutch“, erklärt sie und öffnet behutsam den goldenen Verschluss des cremefarbenen Kuverts. Die Damen hätten sie mangels Träger unter dem Arm oder in der Hand getragen, weiß Ann-Sophie. Beispielsweise, um Geld oder Make-up stilvoll zu verstauen. Was sie aber in der Handtasche, die ihre Stiefmutter Anna Hoser (46) in einem Miesbacher Antiquitätenladen erstanden hatte, entdeckte, überraschte die 13-Jährige sehr: zwei Briefe, abgeschickt vor 80 Jahren.

Briefe aus der Nazi-Zeit entdeckt

Als Ann-Sophies Vater George Hoser (46) die Feldpost mit dem Hakenkreuz im Stempel sah, wusste er sofort um deren historischen Wert: „Meine Frau und ich sind sehr geschichtsbegeistert.“ Die nächste Generation – Ann-Sophie und ihren elfjährigen Bruder Constantin – hätten sie damit bislang aber nicht anstecken können. „Da sind wir auf eine Betonmauer gestoßen“, erzählt Hoser und lacht. Doch die begann zu bröckeln, als er beim Sonntagsfrühstück aus den Briefen vorzulesen begann. Es war der Einstieg in eine faszinierende Zeitreise ins Jahr 1942, die nicht nur die Familie, sondern auch Freunde und sogar Ann-Sophies Klassenkameraden der 8d am Gymnasium Miesbach in den Bann ziehen sollte.

Liebesgeschichte oder nur Freundschaft? Zwei Briefe aus dem Lazarett

Eigentlich sind es nur zwei Briefe, die ein Werner Reischke aus dem Lazarett in Regensburg an seine „liebe Ursel“ in Schwerin geschickt hat. Einer datiert auf den 16. November 1942, einer auf den 11. Dezember. Und schon in dieser Anrede steckt eins der großen Rätsel dieser Feldpost. Wie nah standen sich Werner und Ursel? Einerseits schwelgt der verwundete Soldat von den Stunden, die er mit ihr in der „Oase“ Schwerin verbringen durfte, andererseits erzählt er ihr ausführlich von einer „fesselnden Reisebekanntschaft“ mit einer Wienerin, die er im Zug kennenlernte.

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Trotzdem ist Hoser überzeugt, dass da was knistert zwischen Werner und Ursel. Nicht zuletzt diese geheimnisvolle Romanze ist es, die auch Ann-Sophies Mitschüler dahinschmelzen ließ, als die 13-Jährige die Briefe im Unterricht vorstellte. „Okay, wir sind auch fast nur Mädchen in der Klasse“, fügt die Miesbacherin schmunzelnd an.

Soldat berichtet über seinen Alltag im Lazarett

Ihr Vater versucht sich derweil an der Rekonstruktion der Person und der damaligen Lebensumstände von Werner Reischke. Aus der Tatsache, dass er sich freut, nach dem Ausheilen seiner Verletzung zum Studieren nach Wien zu dürfen, schließt Hoser, dass es sich um einen gebildeten Soldaten gehandelt haben muss. Weitere Indizien dafür seien seine Schilderungen über das „abgestumpfte, rohe Sanitätspersonal“ und der „Trostlosigkeit seines Daseins in einem Saal mit 37 Betten“ oder über die „Unzulänglichkeiten dieser Stadt“, über die sich „alle Nicht-Einheimischen im Klaren“ seien. „Ein reflektierter Beobachter“, beschreibt Hoser den Absender der Feldpost.

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Spannende Einblicke in die Gedanken eines Soldaten

Dieser Eindruck verstärkt sich, als Werner Reischke im zweiten Brief mit der allgemeinen Kriegslage nach Stalingrad und den Verlusten an der Ostfront hadert und sogar Missstände offen kritisiert. Sehr mutig, findet Hoser, sei doch Feldpost meist geöffnet und dann zensiert worden. Angesichts der Tatsache, dass selbst Kranke wie er noch einrücken müssen (woran letztlich auch sein Studium scheitert), scheint es Werner Reischke zu dämmern, wie schlecht es um die deutschen Truppen wirklich bestellt ist. „So knapp sind wir schon“, schreibt er und stellt frustriert fest, dass es offenbar keine Unterschiede mehr zwischen Akademikern und ungelernten Arbeiten gibt. Dass die Absurdität des Krieges selbst einem offensichtlich gebildeten Mann wie Werner Reischke erst zu diesem späten Zeitpunkt langsam klar wird, wertet Hoser als Zeichen, wie wenig die meisten Deutschen über die wahre Lage ihres Landes Bescheid wussten.

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Je mehr sich der Miesbacher in die Feldpost vertieft, desto mehr spürt er, „wie viel da eigentlich drinsteckt“. Gleichzeitig wuchs aber auch der Wunsch von ihm und seiner Familie, die Briefe fast auf den Tag genau 80 Jahre nach ihrer Entstehung Ursula Senger (der vermutlich auch die Handtasche gehörte) oder ihren Nachkommen zukommen zu lassen. Also nahm George Hoser Kontakt mit dem Bürgerbüro in Schwerin auf. Da habe man ihm leider etwas Trauriges mitgeteilt: „Ursel ist ohne Nachkommen verstorben.“ (sg)

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