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„Lebenstraum ermöglicht“: Tiny-Haus-Projekt in Oberbayern - Rundgang durch neuen Ortsteil

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Tiny-Haus-Siedlung in Unterammergau
Ist das die Zukunft? Kleine Holzhäuser reihen sich in der Tiny-Siedlung in Unterammergau aneinander. © Laetizia Foerster

„Wir haben ihnen einen Lebenstraum ermöglicht.“ Manuela Schädle blickt zufrieden auf das rund 1000 Quadratmeter große Gelände in Unterammergau. Mit Tiny-Häusern entstand hier ein neues Ortsviertel.

Unterammergau - Schon im Jahr 2020 hatte der Gemeinderat den ambitionierten Plänen zugestimmt. Sechs dieser sogenannten Tiny-Häuser plus Gemeinschaftsraum bereichern seit März 2022 das Ortsbild. Nachdem sich der Bau im November um ein halbes Jahr verzögert hatte (wir berichteten), konnten vor drei Monaten endlich die ersten Bewohner einziehen. „Wir freuen uns, dass es in diesem Rahmen so zusammengeführt hat“, sagt Schädle.

Tihy-Häuser in Unterammergau: Bürgermeister auf Besichtigungstour

Nun konnten sich die Rathauschefs aus Oberau, Bad Kohlgrub und Unterammergau vor Ort ein Bild machen, sich sozusagen inspirieren lassen. Unterammergaus Bürgermeister Robert Stumpfecker fuhr – passend zu dieser Minwelt – mit seiner 250er BMW-Isetta vor. Viele weitere Amtskellegen und Landrat Anton Speer indes waren der Einladung nicht gefolgt.

Darüber zeigten sich Schädle und ihr Lebensgefährte Bernd Klöpper regelrecht enttäuscht. „Solches Desinteresse bei einem Thema zu bekunden, das sich bei einem nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung immer größerer Beliebtheit erfreut, lässt auf grundsätzliche Ablehnung und Missachtung der Wünsche der Bevölkerung schließen“, schlussfolgert Schädle daraus.

Der Unterammeraguer Bürgermeister Robert Stumpfecker rollt mit einer Isetta zum Ortstermin an
Passend zu den Mini-Häusern: Bürgermeister Robert Stumpfecker rollt mit einer Isetta zum Ortstermin an. © Laetizia Foerster

Ihr Lebensgefährte Klöpper, ein Handwerker, baut die Häuschen. Unterstützt wird er von der Zimmerei Gaida. „Uns ist es wichtig, dass alles örtlich und regional gebaut wird“, versichert Schädle beim Rundgang durch das Tiny-Viertel. Alles aus Holz, alles Handarbeit.

Die Häuser sind mit einer Länge von 6,7 Metern, einer Breite von drei Metern und einer Höhe von rund dreieinhalb Metern konzipiert. Für die Bewohner reichen die 75 Kubikmeter vollkommen aus. „Die Häuser sind sehr schlicht und bestehen hauptsächlich aus Holz“, erklärt Klöpper. Bis auf die Dach- und Abklebefolien sind die Mini-Gebäude komplett plastikfrei. „Man braucht auch wenig Energie, um zu heizen.“ Jedes Häuschen ist ein bisschen anders, ganz nach den Wünschen der Besitzer konzipiert. Der Gemeinschaftsraum kann von allen Bewohnern genutzt werden. „Dort gibt es Waschmaschinen und Abstellmöglichkeiten“, erklärt Schädle.

Tiny-Häuser in Unterammergau: „Uns ist es wichtig, dass alles örtlich und regional gebaut wird“

Den Grund verpachtet die Unterammergauerin an die Tiny-Bewohner. 200 Euro im Monat kostet sie der Stellplatz. Schädle könnte sich das bisher einmalige Konzept auch für andere Gemeinden vorstellen. „Das ist doch durchaus sinnvoll. Mit 12 000 Euro Erschließung ist schon viel bezahlt.“ Geht es nach Schädle, sollte es nicht bei dieser einen Siedlung bleiben. „Wohnraum zu schaffen, ist auch Auftrag der Gemeinden. Mit einem kleinen Haus schafft man viel mehr Wohnraum“, versichert Schädle. Außerdem gebe ein Tiny viel mehr her als eine Wohnung. Es ist alles da, was man zum Leben braucht. „Es ist kein Hype, sondern eine dauerhafte Lösung.“

Du musst die Einstellung dazu haben.

Franz Degele

Ihr zufolge würde sich das angrenzende Bahnhofsgelände als Erweiterungsfläche anbieten. Stumpfecker steht diesem Ansinnen noch kritisch gegenüber. „Wir schauen erst einmal, wie sich das entwickelt.“ Ob das Pilotprojekt sich durchsetzt, bleibt abzuwarten. „Unsere Sorge ist, dass es sich die Bewohner dann noch mal anders überlegen und das Tiny dann nur zu ihrem Zweitwohnsitz machen“, befürchtet der Unterammergauer Bürgermeister.

Ein berechtigter Einwand, finden auch seine Amtskollegen. „Du musst die Einstellung dazu haben“, bemerkt Franz Degele. Auf so engem Raum dauerhaft zu leben, ist laut Kohlgrubs Rathauschef nicht für jeden etwas. „Für Alleinstehende wäre es sicher eine interessante Lösung. Für zwei wird es dann wahrscheinlich zu eng.“

Tiny-Ferienhäuser in Region Garmisch: Bürgermeister zeigt sich offen

Schädle lässt sich nicht beirren, sieht zudem in der Ferienvermietung eine Möglichkeit. Einen Musterhaushalt für Urlauber vermietet sie bereits am Roßanger. „Es wird extrem gut angenommen.“ Ein Konzept aus Tiny-Ferienhäusern kann sich auch der Oberauer Bürgermeister Peter Imminger vorstellen. „Da sehe ich eher, dass sowas funktioniert.“

Die Besitzer der Minihäuser zeigen sich zufrieden. „Ich habe mich schon länger darauf vorbereitet, reduziert zu leben“, berichtet eine Bewohnerin. Die 57-Jährige ist aus Wolfratshausen in die Tiny-Siedlung nach Unterammergau gezogen. „Es hat mich bereichert und war ein schöner Prozess.“ Ein Eigenheim war für die Sozialpädagogin vorher aus finanzieller Sicht nie möglich gewesen. Als sie von dem Projekt über eine ehemalige Studienkollegin erfuhr, war die 57-Jährige sofort Feuer und Flamme. „Ich lebe nah an der Natur und bin im Nu draußen.“

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Auch eine dreiköpfige Familie hat in dem Viertel ihr Zuhause gefunden. Dafür stellten die frisch gebackenen Eltern aus Murnau zwei Tinyhäuser aneinander. „Wir haben so insgesamt 50 Quadratmeter plus fünf Quadratmeter Obergeschoss“, erzählt Lorenz Töpfer. Für die Familie ist das Winkeltiny genau die richtige Lösung. Töpfers Nachwuchs bekommt sogar sein eigenes Zimmer, wenn er groß ist. „Es reicht aus. Und man hat so auch manchmal einen Anreiz rauszugehen“, stellt der 29-Jährige fest. Im Wesentlichen sei das Winkeltiny laut Töpfer nichts anderes als eine Wohnung mit Garten.

Auch sonst erfreuen sich die Häuschen wachsender Beliebtheit. Der Andrang ist groß. Laut Schädle warten bereits rund 200 Aspiranten auf ihren Tiny-Wohntraum. Der Knackpunkt ist die Genehmigung. „Wir bekommen unbegründete Absagen“, beschwert sich Anwärterin Caroline Dirscherl. Sie und viele andere warten schon seit Baubeginn auf einen Stellplatz für ein Kleinheim.

„Ein paar Flächen wären schon nicht schlecht“, bemerkt Schädle. Doch die Suche gestaltet sich eher schwierig. Die Unterammergauerin hofft deshalb auf Privatanbieter, die ihren Grund zu diesem Zweck verpachten würden. Interessenten können sich per E-Mail an info@ tiny-wohn-t-raum.de oder unter der Telefonnummer 0 88 22/9 41 01 melden. Laetizia Foerster

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