Müller-Brot: Jetzt bangen Mitarbeiter und Pächter

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Müller-Brot-Pächter André Weber und Verkäuferin Bianca Gerstmann halten die Entscheidung, das Werk nicht freizugeben, für falsch.

München - Nach der verweigerten Freigabe der Produktion bei Müller-Brot haben viele Angestellte und Filialbetreiber die Hoffnung bereits verloren. Die ersten Mitarbeiter bekamen bereits ihre Kündigungen.

Vor der Filiale an der Theatinerstraße sitzen Kunden in der Sonne. Innen stehen André Weber (38) und seine Angestellte Bianca Gerstmann (35) hinter dem Tresen und lächeln. Gequält wirkt das. „Meine Hoffnungen sind zerstört“, sagt Weber. „Dass Müller-Brot wegen neun toten Schaben nicht mehr backen darf, ist für mich reine Politikmache.“

Am Mittwoch beriet der Gläubigerausschuss, ob der insolvente Back-Konzern jetzt zerschlagen werden soll - aber ohne Ergebnis. Die Arbeitsagenturen in München und Freising rüsten sich derweil für den Ernstfall, auch wenn noch nicht klar ist, ob die 1250 Beschäftigten von Müller-Brot in zwei Wochen auf der Straße stehen. Ab Donnerstag informieren sie täglich im Betrieb in Neufahrn, auch haben sie dort bereits Daten erfasst, falls Insolvenzgeld gewährt werden sollte.

Auch Pächter Weber hat Angst vor seiner Zukunft. Ein wenig tröste ihn das Mitgefühl der Kunden, aber dass es mit der Freigabe nicht klappte, trotz den 700 000 Euro, die der vorläufige Insolvenzverwalter Hubert Ampferl in Hygiene investierte, kann er noch immer kaum glauben. „Wer Einblick hat in das Backgewerbe, weiß, dass einzelne Schädlinge in fast jedem Betrieb zu finden sind. Dass die bei Müller-Brot tot waren, beweist, dass sie bekämpft wurden“, sagt Weber. Gestern hat er seinen drei Mitarbeitern kündigen müssen. „Wir waren ein Superteam. Es ist unbeschreiblich traurig.“

Das findet auch Alfons W. (50), der seit 18 Jahren eine Müller-Brot-Filiale in der Innenstadt betreibt. „Erst schauen die Behörden zwei Jahre lang zu, dann verweigern sie das grüne Licht wegen einer Handvoll toter Schädlinge. Da ist doch etwas faul!“ Entsetzt ist auch der 32-jährige Pächter einer anderen Filiale in der Innenstadt. Er hat Angst, seinen Namen zu nennen. Erst vor drei Monaten - also vier Wochen vor der Schließung - hat er die Filiale gepachtet und 7000 Euro Kaution gezahlt. Das Geld ist weg. „Unfassbar. Anfang Januar hieß es, Müller-Brot habe keine Probleme.“

Firmengründer Hans Müller: „Dann müsste man auch andere schließen“

Die Stilllegung des Müller-Brot-Werks in Neufahrn sorgt für Entsetzen - nicht nur bei den Pächtern. „Ich denke, dass da vieles eine Rolle spielte, nicht nur die Fragen der Hygiene“, sagt Armin Juncker, Sprecher des Verbands Deutscher Großbäckereien, zur tz. Er fragt sich, ob sieben tote und zwei halbtote Küchenschaben, zwei Ameisen und eine Maus, ein schwarzer Fleck und etwas Staub auf dem 54 000 Quadratmeter großen Gelände von Müller-Brot es rechtfertigen, der Backfabrik die Freigabe zu verweigern. Auch andere Fachleute halten die Entscheidung für überzogen. Laut Juncker haben die Schädlingsbekämpfer gute Arbeit geleistet, „weil fast alle der wenigen Schädlinge, die auf dem riesigen Betriebsgelände gefunden wurden, tot waren.“ Auch wenn er aus dem fernen Düsseldorf die Verhältnisse nicht genau beurteilen könne, sei das Nein der Behörden verwunderlich.

Auch der ehemalige Firmen-Patriarch Hans Müller (81), der das Unternehmen vor neun Jahren verkauft hat, hält die Verweigerung der Freigabe vom Dienstag für überzogen. „Eine Schabe in einem Elektrokasten, das kommt überall mal vor.“ Wenn man Schädlinge in geringer Zahl und tot auffinde, rechtfertige das keine Stilllegung: „Sonst müsste man viel mehr Bäckereien schließen.“ Nach seiner Meinung haben die Behörden „erst jahrelang viel zu wenig gemacht - und jetzt zu viel“. Noch am Samstagabend, also zwei Tage vor der Prüfung durch die Hygienekontrolleure, hatte ein Gutachten dem vorläufigen Insolvenzverwalter Hubert Ampferl Schädlingsfreiheit bescheinigt. Erstellt hatte es ein öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Schädlingsbekämpfung.

S. Sasse

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