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Arbnor Segashi verlor Schwester bei Münchner Amoklauf - Hier erzählt er seine bewegende Geschichte

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Von: Christoph Seidl

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Am 22. Juli 2016 hat der Amokläufer Ali David Sonboly (†18) neun Menschen vor dem OEZ erschossen. Unter ihnen war Armela, die Schwester von Arbnor Segashi. Sie wurde nur 14 Jahre alt. In der schlimmsten Zeit seines Lebens war seine Fußballmannschaft für ihn da.

Auf dem Platz spürt Arbnor Segashi, dass seine Schwester immer noch bei ihm ist. Hier erzählt er seine Geschichte.

Pipinsried war die schlimmste und schönste Zeit meines Lebens. Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich das sage. Viele denken: Wie kann er das über eine Zeit sagen, in der er seine Schwester verloren hat? Es gibt nichts Schlimmeres, als seine Schwester bei einem Amoklauf zu verlieren. Ich frage mich immer wieder: Warum passiert so etwas? Warum passiert das meiner Schwester? Warum müssen Familien solch ein Leid ertragen? Nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünscht man, dass er nur einen Tag die Gefühle ertragen muss, die wir als Familie immer noch haben. Für die Menschen in München ist der Amoklauf Vergangenheit. Es ist ja schon drei Jahre her. Für mich ist der Amoklauf Alltag. Es gibt keinen Tag, an dem ich vergesse, was passiert ist. Es vergeht kein Tag, an dem mir nicht bewusst wird, dass mir ein Mensch fehlt, der jeden Tag da war.

Armela war wie ich, nur als Mädchen. Immer wenn ich sie gesehen habe, habe ich mich in ihr gesehen. Sie war erst 14. Aber ich konnte mit ihr über Dinge sprechen, die ich meinem besten Freund nicht gesagt habe. Das ist mir erst später aufgefallen, als ich mich gefragt habe: Wie war sie als Mensch? Armela war mein größter Fan. Sie war bei jedem Spiel dabei. Wenn mir Armela beim Fußball zugeschaut hat, hat mir das alles bedeutet.

Pipinsried-Trainer Fabian Hürzeler: „Wir gewinnen das Spiel für Armela“

Bei meiner ersten Station im Herren-Fußball habe ich die Freude am Fußball verloren. Beim FC Unterföhring wurde ich nicht ernst genommen. Ich durfte kaum spielen. Dort war ich immer nur „der Kleine“. Nach meinem Wechsel zum FC Pipinsried in die Bayernliga war ich gefühlsmäßig ganz oben. Endlich durfte ich spielen. Das war richtig geil. Dann kam der Tag, als meine Schwester gestorben ist.

Ich habe Armela gesucht. Die ganze Nacht. Als ich um sechs Uhr morgens erfahren habe, was passiert ist, habe ich meinem Trainer Fabian Hürzeler als Erstes geschrieben: „Fabi, sie ist tot.“

Ich bin in den Kosovo geflogen, um meine Schwester zu beerdigen. Fabi hat in dieser Zeit den richtigen Ton getroffen. Dafür werde ich ihm immer dankbar sein. Er hat mir geschrieben: „Du kannst zurückkommen, wann du möchtest. Aber an dem Tag, an dem du kommst, wirst du bei mir spielen. Das erste Spiel, bei dem du wieder dabei bist, werden wir für deine Schwester spielen.“ In der schlimmsten Zeit meines Lebens, in der ich zu keiner Sekunde an Fußball gedacht habe, hat es Fabi geschafft, mich für ein Spiel zu motivieren.

Ich konnte es kaum erwarten, aus dem Flugzeug zu steigen und zum Spiel zu fahren. In der Kabine schossen mir tausend Gedanken durch den Kopf: Ist es richtig? Meine Schwester ist vor einer Woche gestorben und ich laufe dem Ball hinterher, statt bei meinen Eltern zu sein und ihnen zu helfen. Ich habe die Ansprache von Fabi gehört. Er sagte: Wir gewinnen das Spiel für Armela.

„Ich bekomme Freundschaftsanfragen von Menschen, die den Mörder als Profilbild haben“

Auf dem Platz gab es eine Schweigeminute. 700 Leute waren leise. Ich habe realisiert: Das passiert gerade alles, weil meine Schwester nicht mehr lebt. In diesem Moment wäre ich am liebsten weggelaufen. Das Spiel lief ab wie ein Film. Bei jedem meiner Ballkontakte hat das Stadion gejubelt. Das war unglaublich schön. Ich habe gespürt, die Menschen machen das aus Liebe. Sie wollen mir zeigen, dass sie für mich da sind. Auch die Mannschaft hat sich nach dem Tod von Armela unglaublich verhalten. Ich werde jeden Spieler für immer im Herzen tragen. Die Mannschaft war in der schlimmsten Zeit meines Lebens für mich da. Das werde ich nie vergessen.

Wir waren Tabellenletzter, als Armela gestorben ist. Nach ihrem Tod haben wir eine Siegesserie gestartet. Wir haben 14 Spiele am Stück gewonnen und sind in die Regionalliga aufgestiegen. Zum ersten Mal bin ich mit einem Ziel auf den Platz gegangen. Es waren die Worte von Fabi. Ich wollte für Armela gewinnen. Seitdem spiele ich nicht mehr, um Spaß zu haben. Ich spiele für meine tote Schwester. Für Armela. Für meinen größten Fan.

In den Wochen nach ihrem Tod war die Anteilnahme enorm. Ich habe viele Nachrichten erst ein halbes Jahr später öffnen können, weil ich wusste: Jedes Wort ist ein Schlag in die Fresse, egal, wie nett es gemeint ist. In jedem Text steht: Tut mir leid, dass deine Schwester tot ist. Mit jeder Nachricht ist ein Teil meines Herzens kaputt gegangen. Viele Menschen wollten mir und meiner Familie helfen.

Aber es gibt auch eine andere Seite: Ich bekomme heute noch Nachrichten von Nazis und AfD-Wählern, die mir schreiben: „Schade, dass es nur deine Schwester war und nicht deine ganze Familie.“ Wenn ich ehrlich bin: Früher waren mir Nazis einfach egal. Wenn ich heute Wahlplakate oder Videos sehe und mir denke, dass meine Schwester von einem Irren umgebracht worden ist, der dieses Gedankengut geteilt hat, sollte man sich schon fragen: In welche Richtung entwickelt sich unsere Gesellschaft gerade? Ich bekomme bei Facebook täglich Freundschaftsanfragen von Menschen, die den Mörder meiner Schwester als Profilbild haben.

„Immer wenn ich auf dem Platz stand, kam für einen kurzen Moment die Sonne raus“

Nach Armelas Tod konnte ich das nicht verarbeiten. Viele können nicht verstehen, wie ich eine Woche nach der Beerdigung wieder Fußball spielen konnte. Ich war ein Wrack, habe nichts mehr gespürt. Die 90 Minuten auf dem Platz habe ich gebraucht, um überhaupt etwas fühlen zu können. Im Spiel gab es Momente, in denen ich am liebsten geheult hätte. Beim Fußball habe ich am meisten gemerkt, dass meine Schwester nicht mehr lebt. Armela war bei jedem Spiel da. Wenn ich auf dem Platz stehe, habe ich das Gefühl, dass Armela immer noch zuschaut. In der Aufstiegssaison mit Pipinsried war es wirklich verrückt: Immer wenn ich auf dem Platz stand, kam für einen kurzen Moment die Sonne raus.

Nach Armelas Tod hat der Fußball nicht mehr denselben Stellenwert in meinem Leben. Er ist mir immer noch wichtig. Aber wenn ich morgen aufhören müsste, dann wäre es so. Ich muss ohne meine Schwester leben. Dann kann ich auch ohne Fußball leben. Wenn ich nach Hause komme, sehe ich meine Mutter, meinen Vater und meine große Schwester. Es geht uns gut – trotz allem. Ich habe meine Mutter nach der Tat ein Jahr nicht mehr lächeln sehen. Wenn ich das Haus verlassen habe, hat sie geweint. Es gibt Familien, die an einem Schicksalsschlag zerbrechen. Wir sind als Familie stärker als je zuvor.

Keiner kann sich vorstellen, wie schlimm diese Situation wirklich ist. Jeder denkt: Die Trauer muss unendlich sein. Aber viel schlimmer ist, dass das Leben stehen bleibt. Alles andere läuft aber weiter. Du musst deine Steuererklärung machen, einen Kredit abbezahlen. Meine Eltern konnten nicht mehr arbeiten. Irgendwann wusste ich: Ich muss etwas machen. Ich habe eine Bar eröffnet. Heute kann ich meinen Eltern endlich etwas zurückgeben. Mein Geld reicht für uns.

„Jetzt hat mein Engel auch wirklich Flügel“

Nach dem Tod meiner Schwester habe ich auf Instagram einen Text für sie geschrieben: „Jetzt hat mein Engel auch wirklich Flügel. Ruhe in Frieden, geliebte Schwester.“ Seitdem veröffentliche ich Gedichte für Armela. Ich möchte zeigen, was sie für ein toller Mensch war. Niemand soll vergessen, was ihr passiert ist. Ich fahre jeden Tag an dem McDonald’s vorbei, in dem sie erschossen worden ist. Ich lege Blumen ans Denkmal. Ich finde es unglaublich, wie kalt viele Menschen sind. Ich könnte dort nie wieder essen, wenn ich weiß: Genau hier hat ein Verrückter neun unschuldige Kinder erschossen.

Wenn ich dann lesen muss, dass die Familien der Opfer langsam wieder Fuß fassen, frage ich mich: Wie kann das jemand schreiben? Noch heute denken Angehörige der Opfer über Selbstmord nach. Die Familien haben nicht zurück ins Leben gefunden. Sie werden nie wieder zurück in dieses Leben finden. Es ist ein anderes Leben. Ein Leben ohne meine Schwester. Ich wache jeden Tag auf und Armela ist nicht mehr da. Ich gehe jeden Tag mit dieser unendlichen Last aus dem Haus. Keiner trägt sie für mich.

Am Anfang war es ein Kampf zu akzeptieren, dass Armela nicht mehr da ist. Ich wollte es nicht wahrhaben. Heute kämpfe ich dagegen an, dass es für andere normal ist, dass sie nicht mehr hier ist. Ich will nicht, dass in Vergessenheit gerät, dass in München neun unschuldige Menschen erschossen worden sind. Jeden Tag wünsche ich mir, dass Armela wieder bei einem Spiel vorbeikommt. Oder dass meine kleine Schwester nur für eine Stunde in meiner Bar wäre. Ich würde ihr so gerne zeigen, was ich in meinem Leben geschafft habe.

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