„Das ist unsere Hauptsorge“

Freiwillige Feuerwehren am Limit: Sind die Brandretter noch einsatzfähig?

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Die Ehrenamtlichen der Feuerwehren im Landkreis München sind an der Belastungsgrenze (Symbolbild).

Viele Freiwillige Feuerwehren im Landkreis München sind an der Belastungsgrenze. Im Notfall fehlt das Personal. Die Gemeinden suchen nach Lösungen. Ein Konzept sorgt bereits überregional für Begeisterung.

Landkreis München – Immer mehr Menschen, immer mehr Verkehr, immer mehr Firmen. Der Landkreis München wächst immens. Volle Straßen, dichtere Bebauung und die zunehmende Technologisierung bedeuten für die Feuerwehren aber gleichzeitig immer mehr und auch anspruchsvollere Einsätze. Vor allem Wehren in den Städten und städtisch geprägten Kommunen des Landkreises stellen Jahr für Jahr neue Einsatzrekorde auf. Manche rücken inzwischen mehrmals täglich aus.

Doch den Feuerwehren geht langsam aber sicher das aktive Personal aus, das ehrenamtlich vor allem tagsüber dieses Pensum leisten kann. Lösungen müssen her, um auch in Zukunft einsatzfähig zu sein. Die Zeiten, in denen die Freiwillige Feuerwehr ein rein ehrenamtliches Geschäft war, sind vorbei. Viele Kommandanten im Landkreis sagen ganz klar, dass das System über kurz oder lang nur noch über zusätzliche hauptamtliche Kräfte und neue Konzepte funktionieren wird.

Dem Bauboom hilflos ausgeliefert: Vier Kräne an der Robert-Koch-Straße in Ottobrunn symbolisieren das enorme Wachstum vieler Gemeinden, mit denen die Feuerwehren kaum Schritt halten können. Der First Responder, den auch die Feuerwehr Ottobrunn stellt, wird neben dem täglichen Einsatzgeschehen oft zur Zusatzbelastung. 

Ottobrunn etwa ist ein gutes Beispiel für die ganze Problematik. Die Gemeinde mit ihren gut 20 000 Einwohnern ist die am dichtesten besiedelte Kommune in ganz Deutschland. Trotzdem ist noch lange nicht Schluss mit Wachstum. Viele Grundstücke werden bis zum letzten Quadratmeter ausgenutzt und bebaut. Wo früher ein Einfamilienhaus stand, kommt ein Vierspänner hin. „Die Nachverdichtung ist bei uns ganz krass“, sagt Ottobrunns Kommandant Eduard Klas (45). „Und mit jedem Einwohner mehr geht das Einsatz-Potenzial nach oben.“

Eduard Klas ist seit 2003 Kommandant der Feuerwehr Ottobrunn. 

Freiwillige Feuerwehren an Belastungsgrenze: Tagsüber kaum Helfer verfügbar

Was den Ottobrunner Einsatzkräften das Leben zusätzlich schwer macht, sind die städtischen Zustände vor allem auf den Straßen. Die gesetzlich vorgegebene Hilfsfrist von zehn Minuten bei dichtem Verkehr einzuhalten, ist gerade zu Stoßzeiten eine echte Herausforderung. Klas: „Es wird einfach immer mehr ein Hexenkessel.“

180 Aktive engagieren sich bei der Ottobrunner Feuerwehr. Eine stolze Zahl. Auf den ersten Blick. Doch die meisten von ihnen arbeiten nicht im Ort und können tagsüber nicht ausrücken. Oder sie haben einen Job, bei dem sie nicht einfach den Arbeitsplatz verlassen können. Dann bleiben am Ende vielleicht nur noch 15 bis 20 Einsatzkräfte am Tag übrig. Ohne die drei hauptamtlichen Gerätewarte, die Schichtarbeiter und die Selbstständigen würde es gar nicht gehen, sagt Klas.

Wohnungsnot lässt Junge wegziehen: Freiwillige Feuerwehren leiden

Und auch der Nachwuchs aus der Jugendfeuerwehr ist überschaubar. Nicht weil den jungen Leuten das Interesse fehlt, ganz im Gegenteil. Die Jugendgruppe in Ottobrunn erfreut sich großer Beliebtheit. „Aber wir verlieren viele junge Leute, weil sie auf unserem angespannten Mietmarkt keine Wohnung finden“, erklärt Klas. Die Konsequenz: Viele ziehen weg aus der Gemeinde – und sind dann für die Feuerwehr für immer verloren. Gemeindlicher Wohnraum für die Ehrenamtlichen müsse her.

Aktuell gibt es eine Drei-Zimmer-Wohnung und ein Apartment am Gerätehaus. Doch das reicht bei weitem nicht. Klas hat bei der Gemeinde inzwischen einen Vorstoß gewagt – mit Erfolg. Die Planungen für 20 neue Wohnungen, die direkt am Gerätehaus entstehen sollen, hat der Gemeinderat bereits freigegeben. Ganz reibungslos lief das allerdings nicht ab. Eine Gemeinderätin kritisierte laut Klas, dass doch erst das Gerätehaus umgebaut worden ist, und jetzt komme die Feuerwehr schon wieder mit einer neuen Forderung. So was ärgert Klas. „Viele Gemeinderäte und auch der Bürgermeister vergessen manchmal: Wir sind nicht zum Selbstzweck da, sondern erfüllen die Pflichtaufgabe der Gemeinde.“

Freiwillige Feuerwehren am Limit: Neue Technik birgt neue Herausforderungen

Über all dem steht für Klas aber immer noch die Motivation des Einzelnen. „Wer dieses Hobby nicht liebt, der bleibt auch nicht.“ Denn die Aufgaben bei der Feuerwehr werden immer vielschichtiger und zeitaufwendiger. Komplexe Gebäude, wie der hohe Büroturm in Ottobrunn, Elektromobilität oder Unternehmen, die mit speziellen Chemikalien oder Technologien arbeiten, erfordern für die Feuerwehrleute auch mehr Fachwissen und neue Ausrüstung im Falle eines Einsatzes. Das heißt: Auch der Schulungs- und Übungsaufwand wird größer. Doch das Kontingent an den Feuerwehrschulen ist begrenzt. Das neue Kreisausbildungszentrum, das in Heimstetten entsteht, soll Abhilfe schaffen.

Entlastung für Ehrenamtliche: Freiwillige Feuerwehren brauchen Unterstützung

Dazu kommt für die Führungsebene ein immenser Verwaltungsaufwand. Einsatzberichte, Statistiken, Haushaltsplanungen. Da würde sich Klas mehr Unterstützung wünschen seitens der Kreisbrandinspektion bis hin zum Innenministerium. „Ich sehe nicht, dass da oben jemand sitzt, der sich Gedanken macht, wie man die Ehrenamtlichen entlasten kann“, sagt Klas. Und auch die Politik sollte sich langsam Gedanken darüber machen, wie sich die Gemeinden im Landkreis überhaupt noch entwickeln können oder ob es nicht langsam an der Zeit wäre, auf die Bremse zu treten.

Aufgaben wie eine Berufsfeuerwehr: Freiwillige Brandhelfer überlastet

Mit ähnlichen Problemen hat die Feuerwehr Unterschleißheim zu kämpfen. Zu den knapp 30 000 Einwohnern kommen etwa 17 000 Arbeitsplätze am Ort. „Alles Menschen, die hier jeden Tag ein- und auspendeln, vor allem mit dem Auto“, sagt Kommandant Markus Brandstetter. Dicht bebaute Wohngebiete, Hochrisiko-Betriebe wie Linde, eine Bundesstraße und die Autobahn gehören in den Zuständigkeitsbereich der Unterschleißheimer Wehr. „Wir haben eigentlich das gleiche Einsatzspektrum wie die Stadt München“, sagt Brandstetter, der neben seinem Ehrenamt als Kommandant selbst Berufsfeuerwehrmann in der Landeshauptstadt ist.

Markus Brandstetter ist seit 2015 Kommandant der Feuerwehr Unterschleißheim.

Freiwillige Feuerwehr im Landkreis München: 987 Einsätze im Jahr - ehrenamtlich!

Zu 987 Einsätzen musste die Feuerwehr im vergangenen Jahr ausrücken – Rekord. Darunter fallen nicht nur Technische Hilfeleistungen und Brände, sondern auch First-Responder-Einsätze. Viele Feuerwehren im Landkreis haben den Ersthelfer-Dienst freiwillig übernommen. Doch mit steigendem Einsatz-Pensum wird der Responder-Dienst zunehmend zur Zusatzbelastung. „Manchmal ist es wie ein Klotz am Bein vom Aufwand her, nicht von den Einsätzen an sich, wir helfen ja gerne“, betont Brandstetter.

Auch er hat immer mehr damit zu kämpfen, tagsüber genügend Aktive stellen zu können. Von den 120 Aktiven stehen unter tags gerade mal rund 14 zur Verfügung. „Das ist unsere Hauptsorge.“ Dabei profitiert die Unterschleißheimer Wehr zumindest von den immens vielen Unternehmen am Ort. Hier findet sich doch immer wieder mal jemand, der sich bei der Feuerwehr engagieren will. „Etwas mehr Planungssicherheit würde ich mir aber schon wünschen“, sagt der Kommandant. Für ihn führt der Weg in die Zukunft nur über mehr hauptamtliche Kräfte. Ebenso ist der Job des Kommandanten inzwischen so aufwendig, dass Brandstetter es durchaus für sinnvoll hält, auch hier über ein Hauptamt nachzudenken.

Von der Stadt fühlt sich Brandstetter gut unterstützt. Vier hauptamtliche Gerätewarte sind über die Stadt angestellt, und auch bei der Finanzierung von Ausrüstung oder Gemeindewohnungen stoße man auf offene Ohren. „Andererseits wäre es gut, wenn sich noch mehr Stadt-Beschäftigte bei der Feuerwehr engagieren würden, um auch tagsüber einen Stamm an Leuten zu haben, die ausrücken können.“ Denn was nütze die beste Ausrüstung, wenn es irgendwann niemanden mehr gibt, der sie am Ende bedienen kann.

Hilfe für Freiwillige Feuerwehren: Neue Ideen in Pullach versprechen Entlastung

Im Vergleich zu Ottobrunn und Unterschleißheim ist die Gemeinde Pullach flächenmäßig und mit ihren rund 9000 Einwohnern recht beschaulich. Von heimeliger Ruhe für die Freiwillige Feuerwehr kann hier aber keine Rede sein. Die Pullacher Einsatzkräfte werden beinahe täglich gerufen. 321 Einsätze waren es im vergangenen Jahr. Das liegt unter anderem an der besonderen Lage und Struktur. Viele Unternehmen, darunter auch große Firmen wie Linde, Sixt und United Initiators haben hier ihren Sitz. Der Bundesnachrichtendienst und zwei große Gymnasien kommen dazu.

Werksfeuerwehr muss Abhilfe schaffen: Freiwillige kommen nicht mehr nach

Das bedeutet auch einen extremen Pendlerstrom. „Tagsüber wachsen wir auf etwa 14 000 Menschen im Ort an“, schätzt Kommandant Harald Stoiber (42). Linde und United Initiators verfügen über eine eigene Werkfeuerwehr. Sonst wäre das Pensum für die 74 Aktiven der Pullacher Wehr kaum zu bewältigen. Unfälle, Zimmerbrände, Rauchwarnmelder, Brandmelde-Anlagen, Tierrettungen und Wohnungsöffnungen gehören zum täglichen Geschäft. Immer öfter werden die Pullacher auch zu Notfällen gerufen, bei denen sie die Erstversorgung übernehmen. „Unsere Bevölkerung wird immer älter, da steigen auch die Einsätze dieser Art“, erklärt Stoiber.

Überlastung der Freiwilligen Feuerwehr: First-Responder als zusätzliche Belastung

Einen eigene Responder-Dienst hat die Pullacher Wehr ganz bewusst nicht. Stoiber „Das können wir nicht auch noch leisten.“ Als der 42-Jährige vor drei Jahren zusammen mit seinem Stellvertreter Thomas Maranelli (41) die Führung der Pullacher Feuerwehr übernommen hatte, war für ihn klar, dass sich etwas ändern muss, damit die Wehr leistungsfähig und attraktiv für Ehrenamtliche bleibt. Das immer größere Aufgabenspektrum, die steigenden Einsatzzahlen, die viele zeitlich nur noch schwer mit Job und Familie vereinbaren können, erforderten neue Strukturen. Tagsüber können die Pullacher derzeit noch auf Schichtdienstleistende, Gemeindemitarbeiter und auf Selbstständige zurückgreifen. Sich darauf verlassen, dass das auch in Zukunft so bleibt, will Stoiber aber nicht. 

Starre Hierarchien bergen Probleme: Mehr Eigenverantwortung für Ehrenamtliche

Und da seiner Meinung nach auf Kreisbrand-Führungsebene vieles zur Weiterentwicklung der Freiwilligen Feuerwehren noch stark verbesserungswürdig sei, hat er einiges eben selbst angepackt. Als langjähriger Disponent in der Feuerwehreinsatzzentrale des Landkreises bekommt der 42-Jährige einen guten Einblick, wo es bei den Wehren hakt. Die starre Hierarchie, in der die Kommandanten für alles verantwortlich sind, haben Stoiber und Maranelli aufgeweicht. Auch um nicht selbst in der Flut der Aufgaben unterzugehen. Sie haben Leiter für Fachbereiche wie Atemschutz, Erste Hilfe oder Ausbildung eingesetzt, die eigenverantwortlich arbeiten und Entscheidungen treffen. „Das motiviert die Leute und bindet sie an die Feuerwehr“, sagt Stoiber.

Bezahlbare Wohnungen und Unterstützung der Jugend: Pläne zur Rettung der Freiwilligen Feuerwehren

Außerdem ist die Jugendfeuerwehr ein wichtiges Puzzleteil für Stoiber, um den Nachwuchs zu sichern. Ebenso wie bezahlbarer Wohnraum im Ort. „Da haben wir einen sehr guten Kontakt zur Gemeinde und bekommen eigentlich zu hundert Prozent Wohnungen für unsere Ehrenamtlichen“, sagt Stoiber. In Zukunft soll es auch Dienstwohnungen für Feuerwehrleute geben, die aus anderen Gemeinden kommen. Das fehlende Schulungskontingent an den Feuerwehrschulen fangen die Pullacher damit auf, dass sie selbst Schulungen mit externen Experten organisieren.

Im vergangenen Jahr waren das über 4700 Stunden. Auch das sei laut Stoiber nur mit der finanziellen Unterstützung der Gemeinde möglich. Kürzlich berichtete sogar das österreichische Feuerwehr-Magazin über das Pullacher Konzept. An das Ehrenamt glaubt Stoiber auch in Zukunft fest. „Aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es in ein paar Jahren im Landkreis die ersten hauptberuflichen Stützpunktwachen gibt.“

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