1. tz
  2. München
  3. Region

Rätsel um Brunnen im Münchner Umland gelüftet: Entdeckung sorgte deutschlandweit für Furore

Erstellt:

Von: Josef Ametsbichler

Kommentare

Das war im Juli 2022: Grabungsleiter und Höhlenarchäologe Bernhard Häck wird an mehreren Seilen gesichert in den Brunnenschacht abgelassen. In der Tiefe wird er die Deichel bergen. Der historische Brunnen war wohl über 600 Jahre in Betrieb – die Ziegeleinfassung wurde ihm erst Jahrhunderte nach dem Bau aufgesetzt.
Das war im Juli 2022: Grabungsleiter und Höhlenarchäologe Bernhard Häck wird an mehreren Seilen gesichert in den Brunnenschacht abgelassen. In der Tiefe wird er die Deichel bergen. Der historische Brunnen war wohl über 600 Jahre in Betrieb – die Ziegeleinfassung wurde ihm erst Jahrhunderte nach dem Bau aufgesetzt. © Stefan Roßmann

Der geheimnisvolle Brunnen im Ebersberger Forst beschäftigt die Region. Nun ist mit der Altersfrage ein entscheidendes Rätsel gelöst. Andere Fragen sind noch offen.

Landkreis – Der geheimnisvolle Brunnen im Ebersberger Forst ist um ein Geheimnis ärmer: Die Wissenschaftler, die das historische Loch auf seine Geschichte untersuchen, konnten nachweisen, wie alt es ist. Diese Information lässt eine ganze Reihe weiterer Schlüsse darauf zu, wer den Brunnen angelegt hat und weshalb.

Als mitteilsam hat sich der hölzerne Brunnenkasten unter der in zehn Metern Tiefe liegenden Wasserlinie erwiesen. „Die Steine geben uns keine Auskunft“, sagt der Ebersberger Historiker und Kreisheimatpfleger Thomas Warg. Doch die Eichenbalken, auf denen die Brunnenwand aus unvermörtelten Flusssteinen ruht, haben eine Altersbestimmung des Bauwerks per C14-Datierung zugelassen.

Brunnen im Ebersberger Forst: C14-Datierung deutet auf 15. Jahrhundert hin

Über das auch Radiokarbonmethode genannte Verfahren wird der Anteil eines radioaktiven Kohlenstoff-Isotops im untersuchten Material bestimmt. Dessen Zerfallsgrad lässt aufs Alter schließen. Im Fall des Ebersberger Brunnens hat das Labor laut dem Archäologen Bernhard Häck vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege ermittelt: Der Brunnen wurde zwischen 1441 und 1444 angelegt und, bis er in den 1950er-/60er-Jahren zugedeckelt und vergessen wurde, als Wasserquelle genutzt. „Der Brunnen war also über 600 Jahre in Verwendung“, lautet Häcks Fazit.

Rätseln im Wald: Kreisheimatpfleger Thomas Warg an einer Senke unklarer Herkunft nahe dem Brunnen.
Rätseln im Wald: Kreisheimatpfleger Thomas Warg an einer Senke unklarer Herkunft nahe dem Brunnen. © Peter Kees

Für Kreisheimatpfleger Warg ein Anlass zum Jubeln und ein kleiner Rückschlag zugleich. Bestätigt hat sich nun die Hoffnung, dass es sich bei dem Brunnen um einen jahrhundertealten archäologischen Schatz handelt. Dennoch ist er etwas jünger, als zunächst gedacht: Wargs Lieblingstheorie lautete, dass er als eine Art Raststätte diente – für die aus Südosten kommenden Salzfuhrwerke, die vor der Gründung Münchens (1158) nah an der Entdeckungsstelle vorbei durch den Forst fuhren. Und so mancher hatte die alten Römer noch im Spiel gesehen, die eine Straße durch das Gebiet gebaut hatten.

Exklusives Video aus vergessenem, jahrhundertealtem Brunnen tief im Forst

Mysteriöses Loch tief im Wald bei Ebersberg: Benediktinermönche wohl beteiligt

Nun sagt Warg, der als Wissenschaftler weiß, dass man sich mal täuschen kann: „Der Brunnen hat mehr mit dem Wald zu tun, als wir dachten.“ Er zeigt eine historische Karte, auf der eine Linie den Ebersberger Forst hälftig von Nord nach Süd durchtrennt. Im Westen gehörte der Wald zur fraglichen Zeit im 15. Jahrhundert den Wittelsbacher-Herzögen. Im Osten, wo der Brunnen liegt, hatten die Benediktinermönche aus dem Kloster Ebersberg das Sagen.

Beide hatten Verwalter, die die Waldordnung durchsetzen sollten, etwa was Jagd, Holzeinschlag und Weiderechte anging. Und das ist für Heimathistoriker Warg nun die plausibelste Theorie: Das Kloster unterhielt für einen zu diesem Zweck im Wald eingesetzten Unterförster einen „Waldhufe“ genannten Sitz. Mit einem Grundwasserbrunnen, damit der Mann nicht durstig im Wald hocken musste. Damals sei der nun zugewachsene Ort eine gerodete Lichtung gewesen, sagt der Historiker. Und er lag nahe an einer ehemals gräflichen Verbindungsstrecke zwischen Ebersberg und Sempt – der heutigen Staatsstraße 2080, die nur einen Steinwurf entfernt verläuft.

Hightech im Einsatz: Mit einer Kamerasonde erkundet 2020 eine Spezialfirma erstmals den Brunnen.
Hightech im Einsatz: Mit einer Kamerasonde erkundet 2020 eine Spezialfirma erstmals den Brunnen. © Stefan Roßmann

Die Erforschung des mysteriösen Brunnens im Ebersberger Forst geht weiter

Dass der altersgebende Brunnenkasten im Lauf der Jahrhunderte einmal ausgetauscht worden wäre und der Brunnen doch noch älter sein könnte, halten die Forscher der Bauweise wegen für unplausibel. Etwas Spielraum Richtung 14. Jahrhundert sieht Warg noch bei der Kohlenstoffdatierung: Er forscht nun, welcher Ebersberger Abt den Brunnen beauftragt haben könnte. „Geschichte ist nicht wie ein Kreuzworträtsel, das man lösen kann, und dann ist man fertig“, sagt er. Eher wie ein Puzzle, bei dem jedes Stück hilft, die Entwicklung der Region besser zu verstehen.

Weitere Informationen soll die Datierung der im Brunnen gefundenen hölzernen Wasserleitung („Deichel“) liefern. Und der Archäologe Häck, angesteckt von der Begeisterung, die der Fund in Ebersberg ausgelöst hat, will im Frühjahr nach weiteren Spuren jenes Förster-Sitzes von damals suchen. In der Forstverwaltung von heute überlegen sie derweil schon, wie der Brunnen künftig als Sehenswürdigkeit zugänglich gemacht werden kann. Eventuell mit einem Brunnenhäuschen überbaut – und vielleicht sogar in einem Zustand, dass man dort wieder Wasser schöpfen kann.

Die Nachricht von der Wiederentdeckung des jahrhundertealten Brunnens im Ebersberger Forst hatte 2020 überregional für Aufsehen gesorgt. Reaktionen kamen aus ganz Deutschland - trotz pandemiebedingter Verzögerungen bei der Erforschung machte eine Kamerafahrt in die Tiefe den Fund für Archäologie-Begeisterte erlebbar. Ohnehin ist der Ebersberger Forst von Mythen umrankt. Die Schauergeschichte von der Weißen Frau an der Hubertuskapelle lehrt Besucher seit vielen Jahren das Gruseln.

Noch mehr Nachrichten aus der Region Ebersberg lesen Sie hier. Übrigens: Alles aus der Region gibt‘s auch in unserem regelmäßigen Ebersberg-Newsletter

Auch interessant

Kommentare