Fürstenfeldbruck Teil 2

Vergessene Orte im Landkreis Fürstenfeldbruck: Der Tümpel, der einmal ein Schwimmbad werden sollte

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Zwei Stufen einer Treppe sind noch zu sehen. Sie sollten in den Badeteich führen.

Vergessene Orte faszinieren viele Menschen. Das Tagblatt ist aus Spurensuche gegangen – und dabei teils ganz tief ins Dickicht vorgedrungen. Ins Unterholz aus Büschen und Bäumen genauso wie ins Dickicht alter Überlieferungen. 

Der Tümpel am Germeringer See, Teil 2 der Serie

Germering - Wer in Germering Erholung sucht, für den ist der See oft erste Anlaufstation. Am Fuße des Parsbergs gelegen, bietet das Areal zahlreiche Möglichkeiten, die Seele baumeln zu lassen. Für die Kleinen gibt es einen Spielplatz, für die Großen einen Grillplatz und den Kiosk. Und natürlich lässt es sich im See ausgiebig planschen. Das war freilich nicht immer so. Denn der See wurde erst Anfang der 1970er-Jahre angelegt. 

In diesem Verschlag sollte wohl die Pumpe für den Schwimmteich untergebracht werden.

Doch auch davor muss die Gegend einen Reiz gehabt haben. Sonst wäre wohl niemand darauf gekommen, sich am Waldrand häuslich einzurichten. Ein Häuschen samt Schwimmbad sollte dort entstehen. Bauherr soll ein Germeringer Unternehmer gewesen sein. Heute ist von den Plänen nicht mehr viel übrig. Nur ein paar verwitterte Stufen führen noch zu einem Tümpel. Wenige Meter entfernt gibt es einen kleinen unterirdischen Verschlag – wohl für eine Pumpe für den Pool. Und genauso dürftig sind die Informationen, die es über dieses Kapitel am Parsberg gibt. Einer der wenigen, die sich noch an die Geschichten von damals erinnern kann, ist der frühere Bauhof-Leiter Sepp Schwarz. 

Er kam 1962 nach Germering. Und schon damals sei das Bad angelegt gewesen. „Der Bau war aber wohl nicht genehmigt und wurde deshalb nie fertig gestellt“, sagt Schwarz. So haben es ihm die älteren Kollegen bei der Stadt damals erzählt. Wann genau das heutige Biotop zur Gartenlaube samt Badeteich werden sollte, weiß niemand mehr. Und auch wer der Bauherr war, kann keiner mehr sagen. Fest steht nur: Gebadet wird dort noch heute. Doch statt eines gestressten Firmen-Chefs tummeln sich heute seltene Insekten, Amphibien und andere tierische Bewohner in und um den Tümpel. Das Gebiet ist biologisch von großer Bedeutung. Deshalb hat die Stadt vor knapp drei Jahren das damals recht zugewucherte Gelände aufgelockert, damit wieder mehr Sonne durchkommt. Denn auch manch tierischer Badegast mag es halt gerne warm.

Die Hitlerbrücke bei Eichenau und die Bahnlinie, Teil 1 der Serie

Emmering/Eichenau –  „Das kahle Schotterbett, die leere Eisenbahnbrücke, der Stacheldraht – all das erinnerte mich an Bilder von unterbrochenen Strecken an der Zonengrenze. Nach Südwesten schien das Schotterbett unter einer Straßenbrücke hindurch und quer durch ein fernes Wäldchen ins Unendliche zu führen. Die Neugier war geweckt. Nun wollte ich wissen, wo dieser Bahndamm endete.“

So beschreibt Andreas Knipping den Tag in den Sommerferien 1961, an dem er eine Eisenbahnstrecke aus der NS-Zeit entdeckte. Neun Jahre war er damals alt. Heute, fast 60 Jahre später, weiß der Eisenbahnhistoriker aus Eichenau genau, wohin die Strecke führte, wofür sie da war und wer sie baute.

Bekannt vor allem ist die Hitlerbrücke auf der Bahnstrecke

Das einzige historische Foto der Trasse zeigt den unterspülten Bahndamm bei einem Amper-Hochwasser 1940.

Der bekannteste Teil der vergessenen Bahnstrecke zwischen Emmering und Olching ist vielen Menschen im Landkreis als so genannte Hitlerbrücke ein Begriff. Trotzig thront der riesige Betonbau im Wald. Dass mittlerweile Bäume auf ihr wachsen, dass sie überzogen ist von Graffittis und dass Kletterer Haken in ihre Wände getrieben haben, scheint die Brücke stoisch hinzunehmen. Seit 80 Jahren steht das Bauwerk dort – unvollendet, rätselhaft und gerade deshalb so faszinierend.

Sie war Teil des so genannten Nordrings, einer Bahnstrecke, die nördlich rund um München herumführte. Die Trasse war hauptsächlich für den Güterverkehr bestimmt und sollte einen riesigen Rangierbahnhof zwischen den Münchner Stadtteilen Allach sowie Milbertshofen bedienen.

Geplant war ein monumentaler Bahnhof

Auf dieser Brücke fuhren die Züge damals über den Starzelbach. Sie steht noch heute noch.

Dieses Vorhaben hatte nach den Recherchen des Historikers nicht nur pragmatische Gründe. Für die „Hauptstadt der Bewegung“ wollte Hitler einen monumentalen Bahnhof mit einer 141 Meter hohen Kuppel errichten lassen. Er sollte nahe der heutigen Friedenheimer Brücke entstehen. Der Güterverkehr sollte raus aus der Stadt.

Deshalb bauten die Nazis eine 6,7 Kilometer lange Bahntrasse. Diese zweigte bei Emmering von der Linie der heutigen S 4 ab und führte nach Olching, wo sie an die Güterbahn angeschlossen war. 80 Jahre später ist davon erstaunlich viel übrig. Neben der Hitlerbrücke gibt es noch ein Bauwerk über den Starzelbach sowie eine Brücke über die Bahnstrecke München-Augsburg. Über letztere führt heute ein Fußweg. Knipping bezeichnet sie als „stabilste Fußgängerbrücke Deutschlands“.

Alter Bahndamm noch zu sehen

Auch der ursprüngliche Bahndamm mit den Schottersteinen ist noch in großen Teilen erhalten. Am deutlichsten sieht man das im äußersten Nordwesten von Gröbenzell. Dort durchschneidet der Damm die Gemeinde förmlich – nur eine schmale Röhre, die sich der Ascherbach und Radfahrer teilen, durchsticht den Wall.

Rund vier Jahrzehnte standen noch zwei weitere Brücken der ehemaligen Bahntrasse. Über die zur Hitlerbrücke baugleichen Betonkonstruktionen führten die Straßen zwischen Olching und Eichenau sowie zwischen Olching und Gröbenzell. Tragische Ironie: Auf den längst überflüssigen Brücken ereigneten sich laut Knipping mehrere tödliche Unfälle auf Glatteis. Über die Hitlerbrücke selbst, die sich über die NS-Bahn spannte, ist nie Verkehr geflossen.

Bahnstrecke bald wieder stillgelegt

Und auch die Bahnstrecke selbst stand unter keinem guten Stern. 1939 eröffnet, wurde sie zehn Jahre später wieder stillgelegt. „Sie ist damit eine der kurzlebigsten Strecken in ganz Deutschland“, sagt Knipping. Der Eichenauer kennt auch den Grund: Auf der Bahntrasse von und nach Lindau wurden nie viele Güter transportiert. Und die Schienen wurden nach dem Krieg anderswo benötigt.

Heute ein Fußweg: Die Brücke aus den 1930er Jahren über die Bahnlinie München-Augsburg.

Knipping weiß auch um ein besonders trauriges Kapitel der kurzen Bahnstrecke. Ende April 1945, also kurz vor Kriegsende, verluden die Nazis irgendwo auf offener Strecke rund 13 000 KZ-Häftlinge, die sie zuvor auf so genannte Todesmärsche geschickt hatten. Sie wurdenspäter in Seeshaupt von den Amerikanern befreit.

Wo der Bahndamm endete, fand Andreas Knipping als Neunjähriger übrigens nicht mehr heraus. Mit seinem kleinen Bruder im Schlepptau war die Expedition in der Sommerhitze bald vorbei. In einer seiner vielen Veröffentlichungen zur Bahnhistorie erinnert er sich: „Der Horizont, an dem das Schotterbett mit fernen Hügeln und dem Himmel in sommerlich flirrender Luft zusammenfloss, war nicht nähergerückt. Zufällig kam mein Vater mit dem Auto vorbei und erlöste uns. Wenn es einer genau wissen will: Wir hatten 1,015 Kilometer geschafft.“

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