Bürokratie funkt dazwischen

Münchner Familie will Flüchtling helfen - und darf nicht!

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Alaa mit Ekkehard (l.) und Beate Glönkler.

München - Eine Familie aus Zorneding will einem jungen syrischen Flüchtling unbürokratisch eine Bleibe bieten. Doch die Behörden machen ihnen einen Strich durch die Rechnung.

Die Ansage war deutlich: „Deutsche Gründlichkeit ist super“, sagte Kanzlerin Angela Merkel (61/ CDU) im Sommer. Um die Probleme – den Andrang der Flüchtlinge – angehen zu können, sei jetzt aber „deutsche Flexibilität“ nötig. In Ordnung, dachte sich Beate Glönkler (54) aus Zorneding – und bot einem Syrer an, bei ihr einzuziehen. Spontan, ein Impuls. Flexibel eben. Auch ihr Mann war einverstanden. Fünf Wochen ist das her. Jetzt sitzt Alaa Alkhatib (26) in einem Camp in der hessischen Provinz und kommt nicht fort. Dabei ist alles vorbereitet. Glönkler ist verzweifelt: „Ich will helfen – aber man lässt mich nicht!“

Die Geschichte des Kennenlernens ist schnell erzählt. Am ersten September-Wochenende kommen hunderte Flüchtlinge nach Keferloh in ein altes Tennis-Center. Beate Glönkler, Körpertherapeutin mit einer Praxis in Dachau, sortiert Kleider, freundet sich mit Alaa an. Sie vertraut ihm. Er, dessen Mutter starb, als er 11 Jahre alt war, nennt Glönkler „Mom“. Sie arbeitet das ganze Wochenende, der Job erfüllt sie. Am Dienstag dann sollen die Flüchtlinge weggebracht werden. Also bietet Glönkler Alaa die dritte Etage ihres Reiheneckhauses an: 25 Quadratmeter, Fenster nach Osten und Süden, ein eigenes Bad. Alaa sagt sofort zu.

In einer Nachtschicht räumt Glönkler ihr altes Sportzimmer frei. Gleich mitnehmen will sie Alaa nicht. Er soll keine Probleme bekommen, alles soll den offiziellen, regulären Weg gehen. Deutsch und gründlich eben. Eine Dolmetscherin rät den beiden: Alaa soll den Bus nach München nehmen, sich dort registrieren. Dann werde man weitersehen. Als Alaa in den Bus steigt, sitzt Glönkler in ihrem Auto und weint. Hat sie alles richtig gemacht? War es falsch, Alaa nicht gleich mitzunehmen? Nach zwei Stunden wird sie ungeduldig. Warum schreibt Alaa keine Nachricht, so wie abgemacht? Er müsste doch schon längst in München sein …

„Bist du schon angekommen und weißt du, wo du bist?“, fragt sie ihn per WhatsApp. Alaa antwortet: „Nein, Mom. Wir sind noch nicht da. Ich habe keine Ahnung, wo die uns hinbringen!“ Gegen 5 Uhr morgens schickt Alaa per Smartphone endlich seinen Standort: Biebesheim am Rhein, Hessen.

„Ich war total schockiert“, sagt Glönkler. Zwei Tage später sitzt sie mit ihrer Tochter Katharina im Auto Richtung Hessen: 500 Kilometer einfach. In Biebesheim empfängt sie ein verdutzter Wachmann: „Sie fahren 500 Kilometer – für einen fremden Menschen?“ Sie antwortet ihm, was sie allen antwortet, die ihr Naivität unterstellen: „Klar. Ich habe eine exzellente Menschenkenntnis. Ich vertraue Alaa blind.“

Alaa mit Katharina (M.), Leonie und Beate

Aber Glönklers Glaube versetzt offenbar keine Berge – schon gar keine deutschen Aktenberge. In der Unterkunft kann ihr niemand helfen. Der zuständige Landrat verweist sie an das Landratsamt in Ebersberg. Dort will man ihr ihrer Aussage nach keinen Termin geben. Zu viel Arbeit, zu wenige Mitarbeiter. Glönkler schreibt an Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck (75). Man dankt ihr, begrüßt ihren „bürgerschaftlichen Einsatz“ – man sei aber nicht zuständig. Die Kompetenz liege beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge – Glönkler solle sich an ihr Landratsamt wenden.

„Ich verstehe gar nichts mehr“, sagt Glönkler. Sie will helfen, darf aber nicht. So sieht sie es. „Alaa beginnt sich zu verändern, er wirkt traurig, fast depressiv.“ Dabei könnte er es so gut haben, eine liebe Familie um sich, die ihm hilft und Deutsch lernt. „Aber wir schaffen lieber Ghettos. So schafft man sich Probleme!“, schimpft Glönkler. „Bei Promis wie Sarah Connor dauert es 30 Minuten bis sie vom Amt Bescheid bekommen.“ Trotzdem: Sie werde kämpfen wie ein Löwe. „So lange, bis Alaa kommt.“

Sarah Connor: "Es dauerte keine halbe Stunde"

Vor mehr als vier Wochen hat Sängerin Sarah Connor (35) und ihr Mann eine sechsköpfige Familie aus Syrien bei sich Zuhause aufgenommen. In der Wochenzeitung Die Zeit nahm die in Berlin lebende Musikerin dazu Stellung. Sie habe dem Jugendamt angeboten, ein Kind oder eine Familie aufzunehmen. „Es dauerte keine halbe Stunde, da klingelte mein Telefon.“ Jetzt wohnt eine 39-jährige Frau aus Syrien mit ihren fünf Kindern in der Einliegerwohnung ihres Hauses, so Connor, die selbst drei Kinder hat. „Wir reden mit Händen und Füßen, mit Wörterbüchern und mithilfe einer Übersetzungs-App.“ erzählt Connor. „Nach vielen Ämtergängen“ hätten die beiden Mädchen Kitaplätze, der Elfjährige gehe zur Schule. Connor: „Ich maße mir nicht an, ein Vorbild zu sein. Ich kann verstehen, dass nicht jeder Flüchtlinge aufnehmen kann oder will.“ Oder darf - wie im Fall oben.

Tobias Scharnagl

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