Münchner Reaktor läuft weiter!

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Ein Blick ins Innere des Forschungsreaktors (Archivfoto aus dem Jahr 2004)

Garching - Bis zum Jahr 2022 werden alle Kernkraftwerke stillgelegt. Doch der Forschungsreaktor München II ist davon nicht betroffen. Von wegen Atomausstieg! Die Kernkraftgegner sind aufgebracht.

Deutschland schaltet ab, das hat die Bundesregierung beschlossen: Bis zum Jahr 2022 werden alle Kernkraftwerke stillgelegt – aber nicht der Münchner Atomreaktor. Der Atomausstieg habe keine Auswirkung auf den Forschungsreaktor München II, den die Technische Uni in Garching betreibt, bestätigte eine Sprecherin der tz. Die Kettenreaktion geht weiter und die Kernkraftgegner der Stadt protestieren.

Acht Meiler hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung nach der Katastrophe von Fukushima sofort vom Netz genommen, darunter Isar 1 bei Landshut. Die weiteren neun Kraftwerke werden zwischen 2015 und 2022 ausgeknipst, zuletzt Isar 2. Nicht vorgesehen sind die drei Forschungsreaktoren in Berlin, Mainz und Garching, die nach genau dem gleichen Prinzip arbeiten, allerdings wesentlich kleiner ausfallen. So leistet der hiesige Meiler als stärkster unter den Kleinen 20 Megawatt, Isar 2 dagegen 1400 Megawatt. Auch die Opposition wird sich kaum für deren Abschaltung starkmachen, schließlich gehörten die Forschungsreaktoren auch nicht zum rot-grünen Atomausstieg von 2002. Im Jahr darauf war es der grüne Umweltminister Jürgen Trittin, der Garching genehmigte.

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Die TU hält ein Abschalten auch nicht für nötig. Schließlich erzeuge der Meiler keinen Strom und diene auch nicht der Atomforschung, sagte eine Sprecherin. Derzeit arbeite nicht einmal ein Kernphysik-Student der TU mit. Dafür stehen bundesweit noch fünf kleinere Unterrichtsreaktoren. Stattdessen entstünden in Garching ausschließlich Neutronen, mit denen vor allem drei Bereiche erforscht würden:

Medizin: Krebs-Therapien und Diagnose-Strahlen interessierten die Wissenschaft. So will die Uni ab 2014 halb Europa mit Molybdän-99 beliefern, das etwa bei Szintigraphien der Schilddrüse nötig ist.

Industrie: Silizium könne nach einer Bestrahlung als Halbleiter Gleichstrom zu Wechselstrom umwandeln. Das sei nötig, um die Elektrizität über lange Strecken zu transportieren, etwa wenn sie aus Sonnenkollektoren in der Wüste kommt.

Material: Grundlagenforschung werde zum Beispiel mit Wasserstoff betrieben, damit er vielleicht einmal wie ein leistungsstarker Akku fungieren kann.

Aus diesen Gründen hält auch die Gesellschaft für Reaktorsicherheit die Forschungsmeiler für notwendig. Außerdem seien sie viel kleiner als Kernkraftwerke. „Die Gefährdung ist nicht vergleichbar“, sagt Sprecher Horst May der tz. Dennoch müssten die Forschungsreaktoren den gleichen Anforderungen an Sicherheit standhalten.

Kernkraftgegner wie die des Münchner Umweltinstituts sehen das freilich ganz anders. In Reaktoren könne es immer zu einer Kernschmelze kommen, schließlich bestünden die Brennstäbe in Garching aus acht Kilo atombombenfähigen Uran – und das nur zehn Kilometer vom Flughafen entfernt, mit der Gefahr auf Flugzeugabstürze, auch durch Terroristen erzwungene, vor den Toren der Stadt München. „Garching gehört abgeschaltet“, fordert darum Christina Hacker vom Umweltinstitut.

Auch sei für die Forschung mit Neutronen kein Reaktor nötig. Mit einer Art Beschleuniger, einer sogenannten Spallationsquelle, könnten Wissenschaftler die Teilchen ebenso herstellen. Das Verfahren habe sogar Vorteile und werde in der Medizin schon seit Jahren angewandt. Dabei müsse man sich auch nicht um Störfälle sorgen wie jüngst im Februar, als Rost an einer Buchse am Kühlsystem unter dem Reaktor gefunden wurde. Auch über Rost an der Wand des Reaktorbeckens stritten Kritiker und Betreiber zuletzt heftig. „Wie kommt der Rost da hin?“, will Hacker wissen. Die Technische Uni und das bayerische Umweltministerium sehen in den meldepflichtigen Ereignissen keine Gefahr. Seit Oktober vergangenen Jahres steht der Reaktor wegen einer Wartung ohnehin schon still, bis er wieder angeschaltet wird, kann es August werden. Die Sprecherin versichert: Alles nach Plan.

David Costanzo

Garchinger Atom-Ei

Erst strahlte das berühmte Garchinger Atom-Ei (1957–2000), vier Jahre danach ersetzte es die Forschungs-Neutronenquelle Heinz Maier-Leibnitz (FRM II), wie der Reaktor im Forschungszentrum Garching offiziell heißt. Die 1,80 Meter dicken Stahlbeton-mauern sollen Jets abhalten, Erdbeben und Isar-Hochwassern trotzen – sowie die Radioaktivität beim GAU einhalten. Zu dem kann es laut Betreiber gar nicht kommen: Selbst beim Ausfall aller Kühlsysteme würde sich das Wasser im zehn Meter tiefen Becken von der Temperatur 51 Grad auf maximal 80 Grad Celsius erhitzen, damit könne es nicht verdampfen. Gegen Auslaufen sei das Becken durch Schwerbetonmauern geschützt, die baulich vom Rest des Gebäudes getrennt seien. Kritiker bezweifeln aber die Stabilität. In sieben Jahren brachte es der Reaktor auf 15 meldepflichtige Ereignisse, die in die unterste Sicherheitskategorie eingestuft wurden.

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