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Bundeswehreinsatz in Mali: Eine Soldatin und Mutter berichtet über Erlebnisse

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Von: Tobias Gmach

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Rosi Hart am Fluss Niger in Mali.
Rosi Hart am Fluss Niger in Mali. © Bundeswehr

Weihnachten ist das Fest der Familie: Rosi Hart war heuer vier Monate von ihrem Mann und ihren zwei kleinen Söhnen getrennt. Die in Pöcking stationierte Berufssoldatin war im Einsatz in Mali. Was sie dort erlebte und wie sie mit charmanten Ideen den Kontakt nach Hause hielt.

Pöcking – Als Berufssoldatin versteht Rosi Hart einiges von strategischen Überlegungen. Eine besonders gute Taktik legte sie sich heuer aber als Mutter zurecht. Entscheidend für den Erfolg der Mission waren: ein Puzzle, Gummibärchen und ein paar Bücher.

Berufssoldatin aus Gera ist jetzt in Pöcking stationiert

Rosi Hart (Name aus Sicherheitsgründen des Bundesverteidigungsministeriums geändert) ist 35 Jahre alt und liebt körperliche Herausforderungen. „Der Bergsport in seinen ganzen Facetten ist mein Steckenpferd“, sagt sie. Aufgewachsen ist sie in flacheren Gefilden, in Gera, der Thüringer Akzent klingt ganz sanft durch. In ihrem Sprachgebrauch dominieren Wörter wie konfigurieren, administrieren und Netzwerkverbindung – wenn man sie auf ihren Beruf anspricht. Hart, Dienstgrad Major, ist IT-Führungskraft. Seit 2020 führt sie die VII. Inspektion der Schule für Informationstechnik der Bundeswehr in der Pöckinger General-Fellgiebel-Kaserne. Sie hat die Oberhand über die Ausbildung, wenn es um lokale verlegefähigen Netze und dezentrale Serversegmente geht. Komplexe IT-Systeme erfordern ganz offensichtlich komplexe Begrifflichkeiten.

Vier Monate war die 35-Jährige von ihrem Mann und den Söhnen Michael und Andreas getrennt – so lange wie nie zuvor.
Vier Monate war die 35-Jährige von ihrem Mann und den Söhnen Michael und Andreas getrennt – so lange wie nie zuvor. © Hans Lippert

So einfach wie möglich wollte Hart, die im nördlichen Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen wohnt, ihrer Familie heuer die Zeit zwischen Anfang Juni und Ende September machen. Ihrem Mann und ihren Söhnen Michael (5) und Andreas (3). Schließlich war sie Teil von „Minusma“ in Mali, der UN-Mission, die als die gefährlichste überhaupt gilt. „Die Einsatzverpflichtung gehört für mich als Berufssoldatin dazu. Wegen der Kinder war das eine Zeit lang schwierig. Als es wieder ging, wollte ich die Möglichkeit so schnell wie möglich ergreifen“, erzählt Hart in ihrem Pöckinger Büro. Das geräumige, mit Bundeswehr-Erinnerungen gestaltete Zimmer tauschte sie vier Monate gegen einen Container ohne Fenster in Westafrika. Zum Glück mit funktionierender Klimaanlage. Denn draußen war es in der Regel 45 Grad heiß. Im Schatten.

Soldatin Hart soll in Mali für Stabilität sorgen

Das Camp Castor, der Einsatzstandort nahe der malischen 100.000-Einwohner-Stadt Gao, besteht aus Containern und rudimentären Festbauten. Eine Militärbasis für 1300 Soldaten, die meisten von ihnen deutsche, mitten in der Wüste. Immer mal wieder wird sie von starken Sandstürmen bedrängt, braune Wälle, so hoch, dass man den Horizont nicht mehr sieht. Die Soldaten steigen dann auf Dächer, schießen Handyfotos. Ein Sturm-Selfie gibt es auch von Hart.

Wenn Bundeswehr-Bilder aus Mali in der Tagesschau zu sehen sind, sind es meist Aufklärungstruppen, die durch die Gegend fahren. Das Ziel der Friedensmission, die für die deutschen Soldaten 2013 begann und im Mai 2024 enden soll, lautet ja auch: Erkenntnisse sammeln, vermitteln und so für Stabilität im Land sorgen. Die Bundeswehr setzt dafür unter anderem Spähpanzer sowie unbemannte und unbewaffnete Drohnen ein. Seit der Machtübernahme einer Militärjunta im August 2020 hat sich die Sicherheitslage deutlich verschlechtert.

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Hart hat sich „zu 99,9 Prozent sicher gefühlt“

„Ich habe mich zu 99,9 Prozent sicher gefühlt“, sagt Hart. Ihre Einsätze außerhalb des Camps waren überschaubar. Neben Dienstreisen ins Camp Senou nahe der Hauptstadt Bamako und ins Camp Vie Allemand in Niamey im benachbarten Niger war sie einmal auf Patrouille in Gao, bei Schießübungen und einem Sprengen dabei. „Es musste IT-Material vernichtet werden“, sagt sie knapp.

Rosi Hart, stationiert bei der Bundeswehr in Pöcking, war im Mali-Einsatz federführend zuständig für die IT-Systeme.
Rosi Hart, stationiert bei der Bundeswehr in Pöcking, war im Mali-Einsatz federführend zuständig für die IT-Systeme. © Falk Bärwald

Harts Job war kein lauter, sie agierte im Hintergrund – und wie in Pöcking in leitender Funktion: als Chefin des Stabs S6, zuständig für die komplette technische und digitale Infrastruktur. Damit alle Soldaten arbeiten können und vernetzt bleiben – trotz der Hitze, trotz des wahrhaftig vielen Sands im Getriebe. Der Auftrag der Mission bedingt einen ständigen Datenaustausch, sowohl im Einsatzland selbst als auch mit dem Heimatland. „Die Arbeitsbelastung war durchweg hoch, im Schnitt zwölf Stunden pro Tag“, schildert Hart. Und dann sagt sie: „Ich hatte nie das Gefühl, dass die Zeit steht. Ich war extrem beschäftigt, das hat mich natürlich auch abgelenkt.“

Harts Mann ist ebenfalls Berufssoldat

Um nicht zu sehr zu grübeln, wie es der Familie daheim wohl geht, ihrem Mann, der in den vier Monaten „alles samt Kind und Kegel gemanagt“ habe. War der Abschied schwierig für die Kinder, die ihre Mama so lange wie nie zuvor nicht sehen würden? „Nö“, sagt Hart. Erst als sie selbst weinen musste, taten es auch Michael und Andreas. „Sie sind es seit ihrer Geburt gewöhnt, dass immer mal einer von uns beiden nicht da ist.“ Ihr Mann ist auch Berufssoldat. Als Truppenfachlehrer unterrichtet er an der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München im Bereich Taktik. Seine Frau berichtet: „Er hat gesagt, ich soll mich auf meine Aufgabe konzentrieren. Auch wenn wir mal ein, zwei Tage nichts voneinander hören, kann ich mir sicher sein, dass zu Hause alles funktioniert.“

Aber die Mama in Mali hat sich trotzdem ihre Gedanken gemacht. Sie zählte die Tage des Einsatzes schon vor der Abreise – um genau so viele Gummibärchen für ihre Buben in Gläser zu füllen. Und sie bestellte ein Familienfoto in Puzzle-Form. Die Teile nahm sie mit nach Mali und schickte sie in kleinen Paketen zurück. Die Idee: „Wenn das Puzzle fertig ist, ist die Mama wieder daheim.“ Als sie noch weit weg in Westafrika war, traf sich die Familie virtuell zur Vorlesestunde. Rosi Hart las aus einem kleinen Kinderbuch, ihre Söhne schauten zeitgleich die Bilder des gleichen Buchs im Großformat an.

Sandstürme sind im Camp Castor, der Militärbasis der UN-Mission Minusma in Gao, nicht selten.
Sandstürme sind im Camp Castor, der Militärbasis der UN-Mission Minusma in Gao, nicht selten. © Bundeswehr

Als sie davon erzählt, zieht Hart ein weiteres Buch aus dem Regal ihres Pöckinger Büros. Es heißt „Lena und Mamas Auslandseinsatz – das Mutmachbuch für Soldatenfamilien“. Ein Bilderbuch mit einer Geschichte, die die Szenen und Gefühle durchspielt, die ihre Familie durchlebt hat: den Abschied, die Sehnsucht, die Sorgen, das Kontakthalten, die Rückkehr. Auf den letzten Seiten des Buchs findet sich eine ganze Liste mit spezieller Ratgeber-Literatur.

Rosi Hart fühlte sich zwar sicher, aber „passieren kann immer was“

Das Familienbetreuungszentrum (FBZ) der Bundeswehr in München sei eine wichtige Anlaufstelle gewesen, sagt Hart. Vor dem Mali-Einsatz besuchte die Familie Veranstaltungen des Zentrums, tauschte sich mit anderen Familien in der gleichen Situation aus. „Mir hat es sehr geholfen, dass jemand da ist, an den sich mein Mann wenden kann. Das gab mir die Sicherheit, dass er nicht ganz alleine ist.“ Ein weiteres Plus: Wenn das Handynetz in Mali nicht funktioniert, erreicht das FBZ die Soldaten über andere Kanäle.

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Eines war Rosi Hart in den vier Monaten immer klar: „Allein die Tatsache, dass ich im Einsatz in Mali bin, birgt eine Gefahr. Passieren kann immer was.“ An ihrer Überzeugung als Berufssoldatin rüttelt diese Gewissheit aber nicht im Geringsten. Sie sagt: „Wir sind uns als Familie sicher, dass das nicht der letzte Einsatz war.“

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