Fünf Monate Leben

Mutter trauert um ihren Engel - Spendenaktion für Grabstein

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Die kleine Ella war nur 620 Gramm schwer, als sie zur Welt kam. Ihre Mutter Melanie Cardaci durfte sie lange nicht im Arm halten. Ella hat ihren Kampf ins Leben nicht geschafft. Sie wurde nur fünf Monate alt.

Ottobrunn - Weihnachten ist das Fest der Geburt. Das Fest der Familie. Für Melanie Cardaci werden es dieses Jahr schlimme Tage sein. Sie wollte das Fest zum ersten Mal als Mutter feiern – mit ihrer kleinen Tochter. Doch Ella lebt nicht mehr.

Der erste Ton, den Ella in diese Welt entlässt, ist ein Quietschen. Nicht laut, aber hoch. Nicht traurig, aber herzerweichend – zumindest für Melanie Cardaci. Sie liegt auf einem Operationstisch und sieht ihre Tochter nicht. Nur das Quietschen, das hört sie. Sie wird dieses Geräusch niemals vergessen. Ihre Ella ist gestorben. Und diese grässliche Gewissheit packt Melanie Cardaci Tag für Tag. Sie raubt ihren Lebensmut. Die Traurigkeit überschattet alles – besonders jetzt zur Weihnachtszeit.

Ihren ersten zaghaften Quietscher macht Ella am 15. Februar im Kreißsaal des Klinikums Schwabing. Draußen wirbeln Schneeflocken – und das dürfte eigentlich nicht sein. Denn Ella hätte erst Mitte Mai zur Welt kommen sollen. Nach einer Routineuntersuchung schickt ihr Frauenarzt Melanie Cardaci ins Krankenhaus. Dort wird eine Gestose diagnostiziert – Schwangerschaftsvergiftung. Als sich der Zustand von Mutter und Kind rapide verschlechtert, entscheiden die Ärzte, das Baby per Kaiserschnitt zu holen. In der 27. Schwangerschaftswoche.

Ella kommt unterversorgt auf die Welt

„Das generelle Problem bei Frühgeburten ist, dass die unreifen Babys enorm empfindlich sind“, sagt Uwe Hasbargen, Leiter des Perinatalzentrums Großhadern am Klinikum der Universität München. Etwa ab der 24. Schwangerschaftswoche kann ein Neugeborenes außerhalb des Mutterleibs überleben – sofern die Lunge ausreichend entwickelt ist. Kommt das Kind zwischen 28. und 33. Woche zur Welt, gilt es zwar als Frühgeburt. „Doch die Überlebenschance, wenn es keine Fehlbildung hat, liegt bei 95 Prozent“, sagt Hasbargen.

In Ellas Fall gibt es aber ein Problem: Das Baby ist unterversorgt. Ella ist bloß 28 Zentimeter groß, wiegt 620 Gramm. Melanie Cardaci wiederholt diese Zahlen, zweimal, dreimal – in der Hoffnung, dass sie ihr Halt geben. Dann kramt sie aus ihrer Tasche eine Plastikflasche hervor, hält sie hoch und sagt: „So klein war Ella bei der Geburt.“ Auf ihrem Smartphone zeigt die 28-Jährige ein Foto. Ella inmitten von Kabeln und Schläuchen, ihre Hand umklammert den Zeigefinger des Vaters. Genauer gesagt: Sie umklammert nur das oberste Fingerglied – so winzig ist das Händchen.

Der Anblick des winzigen Gesichts zerreißt ihr das Herz

Sofort nach der Geburt – ohne dass die Mutter sie gesehen hat – kommt Ella in einen Brutkasten, wird beatmet und künstlich ernährt. Erst am nächsten Tag wird Melanie Cardaci im Rollstuhl zu ihrer Tochter geschoben. Der Anblick des winzigen Gesichts hinter der Plastikscheibe zerreißt ihr das Herz. Bis die Kleine erstmals auf ihrer Brust liegt, vergehen drei Wochen – und zwei Darmoperationen. „Als sie auf mir lag, habe ich gemerkt, wie sie ruhiger geworden ist“, erzählt Melanie Cardaci. „Dieses Gefühl war einfach unbeschreiblich.“

Jeden Tag fährt sie aus Ottobrunn im Kreis München nach München in die Klinik. Ihr ganzes Leben spielt sich nur noch dort ab. Und ihre Ella macht Fortschritte: Zwar bringt sie zu Ostern immer noch kein ganzes Kilo auf die Waage, dafür kann sie längere Zeit alleine atmen. Und sie zieht von der Intensiv- auf die Frühchenstation um. „Es ging bergauf, wir hatten Hoffnung“, erzählt Melanie Cardaci. Doch Mitte Mai geht es Ella wieder schlechter; ein Keim macht ihr zu schaffen. Außerdem diagnostizieren die Ärzte einen Herzfehler. Immer mehr Medikamente fließen in Ella hinein. „Man musste ihr ständig Blut abnehmen“, erzählt Melanie Cardaci.

Ella stirbt im Arm ihrer Eltern

Vier typische Komplikationen, so sagt es der Experte Uwe Hasbargen, bereiten extremen Frühgeburten besonders oft Probleme: Verletzungen der unreifen Lunge mit langfristigem Sauerstoffbedarf, Darmprobleme, Hirnblutungen und Schäden an der Netzhaut infolge der künstlichen Beatmung. In Ellas Fall sind es vor allem Darm und Lunge. Dazu kommen die Nieren. Und das Herz. „Es gibt für eine Mutter nichts Schlimmeres, als sein Kind so leiden zu sehen“, sagt Melanie Cardaci.

Am 10. Juli hat das Leiden ein Ende. Ein letztes Mal fahren die Eltern ins Krankenhaus, packen Ella und ihr Lieblingskuscheltier in ihre Lieblingsdecke, halten sie im Arm – zum ersten Mal überhaupt sind da weder Schläuche noch Kabel. Sie verabschieden sich von ihr. Bis Ella stirbt.

„Ich weiß nicht, wie ich ohne Ella leben kann“

Kurz nach der Beerdigung geht die Beziehung mit Ellas Vater in die Brüche. Melanie Cardaci schließt sich daheim mit ihrer Trauer ein, sucht nach einem Sinn – vergebens. „Ich weiß nicht, wie ich ohne Ella leben kann.“ Das sagt sie heute noch. Doch sie sagt auch: „Ich glaube, ich bin auf einem guten Weg.“ Inzwischen lebt Melanie Cardaci in München, sie ist in psychologischer Behandlung, geht wieder raus und knüpft neue Kontakte, im Frühjahr will sie wieder arbeiten. „Ich muss ja, denn langsam geht mir mein erspartes Geld aus.“

Nun kommt Weihnachten – jenes Fest, das sie eigentlich mit Ella feiern wollte, immer wieder hat sie sich das ausgemalt. „Früher war ich immer bei meinen Eltern und bei meiner Cousine“, sagt Melanie Cardaci, zögernd, bevor sie den Kopf schüttelt. Die Cousine hat eine fünfjährige Tochter. „Ich liebe dieses Kind, aber ich weiß nicht, ob ich es schaffe, das an diesem Tag zu sehen“, sagt Melanie Cardaci. „Es tut einfach noch so weh.“

Spendenaktion für Ellas Grabstein - So können Sie helfen

Nach dem Tod ihrer Tochter ist Melanie Cardaci täglich am Grab gewesen; noch heute fährt sie mindestens einmal die Woche zum Friedhof in den Landkreis München. „Das ist der einzige Ort, wo ich in Ruhe mit Ella reden kann“, sagt die 28-Jährige. Nur einen Grabstein gibt es noch nicht, er kostet mindestens 2000 Euro. So viel Geld hat sie im Moment nicht. Deshalb hat ihre Freundin Jasmin Keller eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Gut 1500 Euro sind bislang zusammengekommen. Mehr Infos dazu gibt es auch einer eigens für Ella eingerichteten Homepage.

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