Schauspieler Dieter Bellmann verstorben

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Wenn das Gefühl zurückkommt

Jonas (25) kämpft sich nach Fallschirmsturz zurück ins Leben

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Neue Hobbys wie der Lenkdrache helfen Jonas Lütke auf seinem Weg zurück zur Normalität.

Fürstenfeldbruck – Fallschirmspringen war seine große Leidenschaft – bis der Unfall kam. Seit fast einem Jahr ist Jonas Lütke querschnittgelähmt. Mit Humor und eiserner Disziplin kämpft er sich zurück ins Leben.

1800 Sprünge lang ist nichts passiert: Als Fallschirmlehrer in Australien machte Jonas Lütke sein Hobby zum Beruf – bis er im April des vergangenen Jahres einen tragischen Unfall hatte. Seitdem ist der 26-Jährige querschnittgelähmt.

Es ist der 9. April 2014, frühmorgens 5 Uhr in Europa. Im australischen Brisbane ist es schon später Nachmittag, als das Leben von Jonas Lütke eine dramatische Wende nimmt. Der damals 25-jährige Fallschirmspringer kollidiert mit einem neben ihm fliegenden Kollegen. Jonas überlebt, ist aber seitdem querschnittgelähmt. Das ist fast ein Jahr her. Seitdem durchlebt seine Familie daheim in Bayern ein Dasein zwischen Hoffen und Bangen. Der aus Mainfranken stammende Vater Hendrik ist evangelischer Diakon in München, die Großeltern leben in Fürstenfeldbruck.

Jonas Lütke ist schon rein optisch das, was einen Aussteiger ausmacht: Rasta-Locken, Typ Abenteurer, etwas verwegen und doch irgendwie bodenständig. Vor sechs Jahren hat es ihn nach Australien verschlagen. Zuvor war der gebürtige Würzburger IT-Techniker bei der Telekom. Doch erst in Down-Under machte er sein Hobby zum Beruf: Jonas, der bis dahin schon 1800 Sprünge absolviert hatte, wurde Fallschirm-Lehrer im Traumland der Auswanderer. Sein Geld verdiente er sich hauptsächlich als Tandemspringer und Tauchlehrer.

Der Schicksalstag am 9. April 2014 ist ein Mittwoch. Jonas und sein Fallschirm-Team sind für das Funny-Farm-Festival, einer alljährlichen Freizeitspaß-Veranstaltung für die ganze Familie, in der Nähe von Brisbane engagiert. Zusammen mit drei Kollegen springt er aus dem Flugzeug. Mit einem von ihnen kommt es kurz darauf zur Kollision in der Luft. Benommen vom Zusammenprall kann Jonas den Schirm nicht öffnen. Im freien Fall erreicht einer der drei Springer gerade noch den wie ein Stein zur Erde stürzenden Deutschen und zieht die Reißleine. Doch Jonas hat bereits das Bewusstsein verloren, kann den Flug nicht steuern und landet auf einem offenen Feld. Ob der unkontrollierte Aufprall die Verletzungen noch verschlimmert hat, konnten die Ärzte hinterher nicht mehr feststellen. Jonas wird sofort in die Klinik geflogen. Alle übrigen Beteiligten sind traumatisiert und werden psychologisch betreut.

Drei Stunden später klingelt bei den Eltern im fränkischen Reichenberg das Telefon. Am anderen Ende der Leitung aus dem Princess-Alexandra-Hospital in Brisbane: Mareen, die Lebensgefährtin von Jonas. Die schicksalsträchtige Nachricht: Der 25-Jährige werde gerade operiert, Lebensgefahr bestehe nicht, aber die Sache sei doch sehr ernst. Wie ernst, sollte sich erst in den nächsten Tagen herausstellen. Daheim in der Nähe von Würzburg organisiert der Vater eine Telefonkonferenz mit den Ärzten in der Klinik. Sein Sohn ist kurzzeitig aus dem künstlichen Koma erwacht und reagiert auf Berührungen. Er hat Gefühl in den Händen, kann Schulterblätter und Oberarm bewegen. Mutter Claudia bucht sofort einen Flug nach Brisbane und verbringt dann vier Wochen an der Seite ihres Sohnes. Der Vater kommt über Ostern nach.

In Australien ist unterdessen bereits eine von den Freunden initiierte Hilfsaktion angelaufen. Denn die Diagnose steht zu diesem Zeitpunkt schon fest: Jonas wird querschnittgelähmt bleiben. Er kann zwar die Handgelenke bewegen, hat aber in den Fingern kaum Greifkraft.

Zehn Tage nach dem Unfall, es ist Karfreitag, wird Jonas von der Intensivstation in ein Vier-Bett-Zimmer verlegt. Er bekommt einen Fensterplatz, darf wieder normal essen und trinken. Die Mutter erinnert sich: „Er hat sich Smoothies gewünscht und war ganz happy, als er den ersten Schluck vom Fruchtgetränk nahm.“ Und sie beobachtet: Mit den Armen probiert er ständig herum, was geht und was nicht. „Die Füße hat er immer im Blickfeld und schickt ihnen positive Gedanken.“ Eine Bekannte brachte Lesestoff: „Die Möwe Jonathan“ – sie sagt, zu diesem Buch haben viele Fallschirmspringer einen tiefen Bezug.

Anfang Mai meldet sich Jonas erstmals persönlich mit einer Rund-Mail bei seinen Freunden: „Nach drei Tagen im künstlichen Koma habe ich mich entschieden, unter den Lebenden zu verweilen.“

Im fernen Deutschland erfahren die Angehörigen am 17. Mai: „Jonas kann Daumen und den rechten kleinen Finger minimal bewegen“, schreibt Claudia Lütke. „Man muss aber scharf hinschauen, um das zu erkennen.“ Es ist ein Anfang, für den ihr Sohn tagelang mental geübt hat. Seine Kumpels haben einen Facebook-Account eingerichtet: „For Jonas ;-)“ steht mit fast 1100 „Gefällt-mir“-Klicks noch immer im Netz.

Zehn Wochen nach dem Unglück bekommt Jonas wieder Besuch aus Deutschland. Diesmal ist sein Bruder Frederik gekommen. Und der erlebt hautnah, wie der Patient mit immenser Muskelkraft versucht, sich aus eigener Kraft vom Bett in den Rollstuhl zu hieven. Mit Bruder und Freundin unternimmt Jonas dann den ersten Rollstuhl-Ausflug: Im Bus geht’s ins Zentrum von Brisbane. Zunächst in den Stadtpark, dann per Schiff in den botanischen Garten. Viel wichtiger ist aber ein Behördengang: Der Reisepass muss in der deutschen Botschaft verlängert werden. Fingerabdrücke sind erforderlich, deshalb muss Jonas persönlich erscheinen. Gleichzeitig läuft ein Verfahren bei den australischen Behörden: der Antrag für eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Davon hängt ab, ob Jonas eine kleine vorübergehende Rente erhält. Für die monatlich zur Pflege notwendigen 2100 Euro reicht das Geld trotzdem nicht. In der mainfränkischen Heimat haben die Eltern deshalb ein Spendenkonto eingerichtet.

Mittlerweile ist Jonas wieder daheim in Cairns. Daheim – das ist für ihn jetzt Australien. Der erste Schritt zurück in ein „normales“ Leben ist gemacht. Seinen 26. Geburtstag hat er auf Green Island verbracht. Schwimmen und schnorcheln sind kein Problem. Und seit Anfang Januar ist Jonas auch ein richtiger Australier: Der „Permanent Resident“ hat ein dauerhaftes Visum. Mareen hat die Pflege ihres Freundes übernommen und bekommt sie vom Staat auch verrechnet. Neben einer kleinen Grundsicherung hilft das Geld vom deutschen Spendenkonto.

Doch irgendwann will Jonas auch wieder unabhängig sein – zumindest finanziell. Um sich beruflich eine neue Existenz aufzubauen, bildet er sich fort und strebt in die Tourismusbranche. Als Tour-Agent will er von seiner Fallschirm-, Tauch- und Australien-Erfahrung profitieren. Zurück nach Deutschland will Jonas Lütke nicht. „Ich bin hier besser aufgehoben“, sagt der 26-Jährige, der in Australien viele neue Freunde gefunden hat. Zeitweilig aufkommendes Heimweh lindert er mit regem Mail-Verkehr, Skypen und den Kontakten auf seiner Facebook-Seite, wobei er die Tastatur am Computer per Sprachsteuerung bedient.

Und er hat ein neues Hobby gefunden. „Ich werde nun weiterrollen. Es gibt hier einige gute Südostwinde, um meine Fertigkeiten mit dem Lenkdrachen zu verbessern. Damit ich das Landen auf fremden Köpfen perfektioniere.“

Peter Loder

Das Spendenkonto

Sparkasse Mainfranken IBAN: DE0879050000004763 6212 BIC: BYLADEM1SWU Stichwort: For Jonas

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