„Wo sollen wir denn jetzt einkaufen?“

Schock für Kunden: Edeka macht nach rund 50 Jahren zu - Räumungsverkauf läuft

+
Kasse bitte: Bald wird der 72-jährige Volker Neef seinen Laden in der Ortsmitte von Isen schließen.

„Wo sollen wir denn einkaufen, wenn ihr zusperrt?“, fragen viele Kunden - für sie ist es ein Schock: Ihr kleiner Edeka macht zu. Und der Räumungsverkauf ist in vollem Gange.

Isen Seit November läuft der Räumungsverkauf im Edeka Nah-und-Gut-Geschäft von Volker Neef mitten in Isen. Der Laden muss leer werden, denn es wird umgebaut. Ob er selbst noch einmal in einem – in Fläche und Sortiment verkleinerten – Geschäft hinter der Ladentheke stehen wird, kann der 72-Jährige noch nicht sagen.

„Wo sollen wir denn einkaufen, wenn ihr zusperrt?“ ist die Frage, die Neef und seinem Verkaufspersonal in den letzten Monaten häufig gestellt wurde. Gefragt haben vor allem ältere Kunden, denen der Weg in die Supermärkte am Ortsrand zu weit ist. Doch auch junge Leute, wie die 25-jährige Maria Rappold, bedauern, dass der Laden schließt, den sie seit ihrer Kindheit kennen. In dem sie Schulhefte, Lutscher und immer die neuesten Panini-Sammelbilder kaufen konnten.

Für Hermine Neef allerdings steht fest, dass „man von dem Laden nicht mehr leben kann“. Verantwortlich macht sie dafür das veränderte Einkaufsverhalten sowie die schlechte Parksituation in der Bischof-Josef-Straße und am St. Zeno-Platz. „Die Leute sagen zu uns, ich fahr drei Mal rundum, um einen Parkplatz zu finden, das vierte Mal fahr ich weiter“, erzählt sie. Seit Jahren habe man versucht, eigene Parkplätze ausgewiesen zu bekommen. Erst seit November des vergangenen Jahres steht ein Schild vor dem Laden, das zwei Plätze als Kundenparkplätze ausweist.

Ende der 70er-Jahre hat Volker Neef den Kramerladen seiner Eltern endgültig übernommen. Sein Vater, ein gelernter Strumpfwirker aus Aue in Sachsen, hatte damit begonnen, in Isen Lebensmittel zu verkaufen. Zunächst am Gries in einem Teilbereich der Bürstenbinderei Liebhardt, dem jetzigen Friseurgeschäft Maier, später in der Dorfener Straße. Der Umzug in das ehemalige Hofwirtsgebäude am Oberen Markt bedeutete einen wichtigen Schritt: Endlich war genug Platz, um das Sortiment den gewachsenen Ansprüchen der Kunden anzupassen. Die Lage am Marktplatz war zudem zentral und gut erreichbar.

Für den Ausbau des Geschäfts sorgte Volker Neef, der im elterlichen Geschäft eine kaufmännische Lehre absolviert hatte. Er begann damit, mehrmals in der Woche nach München in die Großmarkthalle zu fahren, um Obst, Gemüse und anderes frisch einzukaufen. Und um die Sonderwünsche seiner Kunden zu erfüllen. Etwa nach Ziegenmilch oder italienischer Feinkost, heute in jedem Supermarkt erhältlich, in den 60er- und 70er-Jahren noch eine gesuchte Rarität. Ein Service, den die Isener schätzten, der für den Kaufmann aber bedeutete, in aller Frühe aufzustehen, um möglichst bald mit der Ware bei seinen Kunden in Isen zu sein. Früher, so erinnert er sich, sei er sogar am Samstag nach München gefahren. Wenn er in der Saison am Freitagabend keine Erdbeeren mehr hatte, aber am Samstag noch welche anbieten wollte.

Mit den Jahren hat Neef den Laden in seinem Haus vergrößert, zu seinen besten Zeiten waren in dem Edeka-Geschäft neun Frauen in Teilzeit angestellt. Unter Druck geraten ist das Geschäft vor allem durch das veränderte Einkaufsverhalten. Großeinkäufe werden heute im Discounter oder Supermarkt auf der grünen Wiese erledigt, nicht im Tante-Emma-Laden um die Ecke. Obwohl trotzdem noch viele Isener „so gut wie alles beim Neef gekauft haben“, wurden die Einkäufe immer kleiner. „Wenn die Leute etwas vergessen haben, sind sie halt zu uns gekommen“, sagt Hermine Neef.

Trotzdem geht man im Isener Rathaus davon aus, dass es weitergehen wird mit dem Geschäft. „Mit Herrn Neef jun. wurden vor nicht allzu langer Zeit hinsichtlich der Standortsicherung Gespräche über Konzeption und Sortimentsumstellung geführt. Ich kann nur begrüßen, wenn Nischen aufgetan oder andere Möglichkeiten gesucht werden, um den Bestand oder anderes geschäftliches Leben zu sichern“, sagt Bürgermeister Siegfried Fischer Für den Gemeindechef steht aber auch fest, dass Nachhaltigkeit nur gemeinsam mit anderen Nutzungen im Bereich der Bischof-Josef-Straße und des St. Zeno-Platzes erreicht werden könne. „Wir unterstützen das, wo wir können. Ein Problem ist für uns dabei, dass es in einigen Bereichen, zum Beispiel bei der alten Volksbank, keine konkreten Nutzungsabsichten gibt.“

Auch beim Isener Werbering hofft man, dass nach dem Umbau wieder ein Lebensmittelladen eröffnet. „Die Ladenbetreiber im Ortszentrum von Isen leisten einen enormen Beitrag, dass der Ort belebt ist und die Leute auch zu Fuß einkaufen können. Durch sein Geschäft hat Herr Neef nicht nur über Jahrzehnte mit großem Einsatz die Leute mit frischen Lebensmitteln versorgt, sondern auch vielen Menschen einen Ort der Begegnung geboten, um ins Gespräch zu kommen und Informationen auszutauschen“, sagt Werbering-Vorsitzender Stefan Böld. „Vor allem für ältere Leute ist die Kombination aus ,Einkaufen zu Fuß’ und ,Leute treffen’ sehr wichtig, denke ich.“

Auch in Miesbach macht ein Edeka zu. Dieser Mann muss seinen Edeka entnervt schließen - und kündigt Ermäßigungen an.

Anne Huber

Auch interessant

Meistgelesen

Schwerer Unfall: Porsche kollidiert frontal mit BMW - Mehrere Verletzte
Schwerer Unfall: Porsche kollidiert frontal mit BMW - Mehrere Verletzte
Südkoreaner rast mit geliehenem Sportwagen über A95 und kracht neun Mal in Mittelleitplanke
Südkoreaner rast mit geliehenem Sportwagen über A95 und kracht neun Mal in Mittelleitplanke
Flaschensammlerin findet Berührendes in ihrem Briefkasten - dann schlägt das Schicksal erneut grausam zu
Flaschensammlerin findet Berührendes in ihrem Briefkasten - dann schlägt das Schicksal erneut grausam zu
Zwei Afrikanerinnen in der S2 attackiert: Mutige Zeugen gehen dazwischen und beschützen sie
Zwei Afrikanerinnen in der S2 attackiert: Mutige Zeugen gehen dazwischen und beschützen sie

Kommentare