Interview mit Zitis-Präsident Wilfried Karl

„Hacker“-Bundesbehörde zieht nach Neubiberg: Wird hier dann im Geheimen gearbeitet? 

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Das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und das Bundesamt für Verfassungsschutz gehören zu den Kunden von Zitis.

Im Jahr 2023 soll die Bundesbehörde  Zitis auf den Campus der Bundeswehr-Uni in Neubiberg ziehen.  Präsident Wilfried Karl spricht über die Pläne.

Herr Karl, man sieht selbst hier im Gebäude in Zamdorf, wo Zitis derzeit untergebracht ist, noch Baustellen. Wie läuft’s denn mit den Planungen für den Umzug nach Neubiberg?

Wilfried Karl: Wir werden mit dem Forschungsinstitut Cyber Defence der Bundeswehr-Uni sehr eng zusammenarbeiten und in ein gemeinsames Gebäude ziehen, das wir gerade auf dem Campus der Uni planen. Der Plan ist, 2023 einzuziehen. Gerade findet die Auswahl des Generalunternehmers für die Bauplanung statt. Nächstes Jahr soll die Planung dann beginnen. Wir liegen im Zeitrahmen.

Zitis-Präsident Wilfried Karl

Wie und warum fiel die Wahl auf Neubiberg?

Karl: Die Bundeswehr-Universität baut CODE mit elf neuen Lehrstühlen auf, die alle im Themenbereich Cybersicherheit forschen. In der Cybersicherheitsstragie der Bundesregierung ist klar umrissen, was dazugehört. Zum einen Cyber Defence, zum anderen aber auch die Fähigkeit der Sicherheitsbehörden, ihre Aufgaben zu erfüllen. Die Gründung von Zitis ist dafür explizit erwähnt. 

Die Themen für diese beiden Bereiche überschneiden sich. Da macht es Sinn, das Rad nicht doppelt zu erfinden, sondern Synergien durch gemeinsame Forschung, Projekte und Labors zu nutzen. Es bietet sich natürlich an, dies an einem Standort zu tun.

Wird Zitis sichtbar sein in Neubiberg? Oder wird in dem neuen Gebäude eher hinter geschlossenen Türen und im Verdeckten gearbeitet?

Karl: Nein, überhaupt nicht. Ich bemühe mich, so transparent wie möglich zu sein. Ich möchte keine Mystifizierung unserer Arbeit. Dazu besteht überhaupt kein Grund. Wir hatten schon Bürger und Schulklassen hier bei uns in Zamdorf zu Besuch. Wir werden auch offen und transparent in Neubiberg präsent sein.

Die Behörde soll in Neubiberg mit 400 Mitarbeitern arbeiten. Wie weit ist der Aufbau von Zitis denn aktuell gediehen?

Karl: Wir haben vor etwas über einem Jahr bei Null begonnen. Es gab 120 Stellen, die wir besetzen können. Uns ist es gelungen – und ich bin stolz darauf –, bis jetzt mehr als 60 Stellen zu besetzen. Ich habe mal das Ziel ausgegeben, bis zum Jahresende 80 Mitarbeiter zu haben. Diesbezüglich sind wir auf einem guten Weg.

Obwohl Zitis im Raum München, dem IT-Standort Nummer eins in Deutschland, auf einem besonders angespannten Markt mit großer Konkurrenz agiert?

Karl: Das Problem bei der Suche nach Fachkräfte teilen wir mit allen. Wir haben aber gemerkt, dass sich Zitis erfolgreich aus der Masse der Arbeitgeber abheben kann. Wir bieten das Beste aus zwei Welten. Zum einen sind wir durch unsere Aufgaben sehr attraktiv, die sich an der vordersten Front der technologischen Entwicklung befinden. 

Zum anderen sind wir ein Start-up, in dem man aktiv mitgestalten kann. Das macht für viele den Reiz aus. Und wir sind keine etablierte Behörde mit über Jahrzehnte gewachsenen und starren Strukturen und Hierarchien. Wir bemühen uns sehr, vorhandene Hierarchien nicht zu leben. Man kann und soll auch als neuer Mitarbeiter mitsprechen und mitgestalten. Und wir bieten die Vorteile des Öffentlichen Dienstes: flexible Arbeitszeiten, das Eingehen auf individuelle Bedürfnisse und die Möglichkeit, Beamter zu werden.

Aber Unternehmen bieten eine deutlich bessere Bezahlung als eine Behörde, die an die Tarife des öffentlichen Dienstes gebunden ist. Und das in einem teuren Lebensraum wie München. Ist das nicht ein deutlicher Wettbewerbsnachteil?

Karl: Unser Tarifsystem ist durchaus konkurrenzfähig mit der Privatwirtschaft bei Junior- und Senior-Experten. Doch bei Fachkräften mit etwas mehr Berufserfahrung und in höheren Positionen in der Wirtschaft klafft die Schere deutlich auseinander. Da muss ich ehrlich sagen, dass der öffentliche Dienst bei der Bezahlung nicht konkurrieren kann. Wir können aber Zulagen bieten, die individuell vereinbart werden und einen erheblichen Teil des Gehalts ausmachen können.

Aber viel wichtiger ist das Gesamtpaket, das wir bieten. Natürlich muss man sich den Münchner Lebensstandard leisten können, aber es müssen auch das Arbeitsklima und die Aufgaben stimmen. Und da können wir mehr punkten als andere Behörden und die Privatwirtschaft in der Region.

Wissen Bewerber dieses Gesamtpaket zu schätzen? Wie gut läuft die Personalgewinnung konkret?

Karl: Ich will es nicht schönreden: Wir müssen uns um Fachkräfte bemühen. Bewerber könenn sich derzeit ihren Arbeitgeber aussuchen. Ich würde mich über mehr Bewerber freuen, aber das Schicksal teile ich derzeit mit allen im IT-Bereich. Und ich möchte betonen, dass wir aus keiner anderen Behörde aktiv Personal herausziehen. 

Wir werben um Personal wie jede andere Behörde auch. Jeder kann sich bewerben: Studienabgänger, Kräfte aus der Privatwirtschaft und auch aus anderen Behörden. Hier in Zamdorf können und wollen wir über die nächsten Jahre auf rund 250 Mitarbeiter wachsen, nach dem Umzug nach Neubiberg auf 400 Mitarbeiter.

Wäre dafür nicht der Aufbau von Zitis in einer preislich günstigeren Region sinnvoller gewesen?

Karl: Es ist ein Vorteil, dass wir in München sind. Es war eine bewusste Standortentscheidung, Zitis in einem Umfeld aufzubauen, in dem es sehr viel Forschung, Universitäten, aber auch Industrie gibt, die in unserem Tätigkeitsbereich arbeitet. München ist die Forschungsregion Nummer eins im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologie in Europa. Hier entsteht eine gewisse Fluktuation von Personal. Auch darauf baue ich.

Ebenso wie auf die Universität der Bundeswehr: Mit ihr zusammen bietet Zitis Studienplätze an. Jeweils zehn für einen Bachelorabschluss in Informatik und einen Masterabschluss in Cybersicherheit. Wir suchen die Studienbewerber in Kooperation mit der Uni aus, fördern sie, und sie verpflichten sich, hinterher fünf beziehungsweise drei Jahre für Zitis zu arbeiten. Das läuft sehr erfolgreich. Wir haben viele Bewerber – mehr als wir einstellen können. Das durch uns geförderte Studium sehe ich als sehr gute Möglichkeit, langfristig immer wieder neues Personal zu gewinnen.

Welche Leute suchen Sie denn?

Karl: Wir brauchen kreative Leute mit Gestaltungswillen. Wir brauchen Leute, die anpacken und nicht auf Zuständigkeiten beharren, die fit sind im technologischen Umfeld und seinen Entwicklungen. Inhaltlich suchen wir Informatiker, Mathematiker, Ingenieure, Computerlinguisten, Statistiker, aber auch Experten in Projektleitung und Verwaltung.

Die dann was genau tun? Was sind die Aufgaben von Zitis?

Karl: Zitis ist eine Stelle für Forschung und Entwicklung für die Sicherheitsbehörden in Deutschland. Unsere Kunden sind das Bundeskriminalamt, die Bundespolizei und das Bundesamt für Verfassungsschutz. Und über diese erreichen wir auch die Behörden der Bundesländer.

Das Neue an Zitis ist, dass wir behördenübergreifend arbeiten. Wir wollen aber auch ein Ansprechpartner für die Forschung und Industrie sein. Wir tun Dinge, die es so bisher noch nicht gab. Wir forschen in den vier Bereichen Telekommunikationsüberwachungstechnik, IT-Forensik, Verschlüsselung und Big Data beziehungsweise künstliche Intelligenz, also der Auswertung unstrukturierter Daten in großer Mengen. Alles Themen, die unter dem Begriff Cyber zusammengefasst werden können. Wir forschen und entwickeln, beraten, beobachten den Markt und geben Produktempfehlungen an unsere Kunden ab.

Eines ist ganz wichtig: Wir sind keine neue Polizei und kein neuer Nachrichtendienst. Wir entwickeln Produkte, wenden sie aber nicht selbst an und haben keine neuen Befugnisse. Darum brauchte es auch kein neues Gesetz zum Aufbau von Zitis.

Genau dafür gab es anfangs große Kritik. Die Grünen hatten Zweifel an der Verfassungskonformität von Zitis. Und es herrschte nicht nur in der Politik die Angst: Ihre Behörde schafft die Voraussetzungen für Massenüberwachung im großen Stil.

Ich glaube nicht, dass wir uns verstecken müssen. Die Kritik ist ein wenig abgeebbt, weil viele erkannt haben, dass Zitis keine neuen Befugnisse hat und keine neue Polizei ist, sondern Dienstleister für bestehende Sicherheitsbehörden. Und an deren Befugnissen hat sich nichts geändert. Ich habe auch das Gefühl, dass mittlerweile erkannt wurde: Zitis ist wichtig.

Warum?

Karl: Ein Beispiel: Allein für die Telekommunikationsüberwachung in Deutschland gibt es knapp 40 Behörden. Nun könnte jede Behörde selbst forschen, entwickeln und den Markt beobachten. Aber macht es nicht viel mehr Sinn, so eine Dienstleistung an einer Stelle zu konzentrieren? Es macht Sinn. Fachexperten, die es heute nicht mehr in rauen Mengen gibt, arbeiten an einer Stelle, können sich interdisziplinär austauschen und auf diese Weise Synergieeffekte nutzen.

Lesen Sie auch: Sowohl BND als auch die Bundeswehr suchen verzweifelt nach Hackern. Verteidigungsministerin von der Leyen und Verfassungsschutz-Präsident Maaßen haben schon Pläne, wie das gelingen soll.

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