Neue Ergebnisse

Dieser Fund aus dem Umland bringt Forschern faszinierende Erkenntnisse

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Künstlich deformiert waren die Turmschädel (linkes Bild), die neben anderen knöchernen Überresten 1965 auch in Altenerding im Bereich der Merowingerstraße gefunden wurden.

Migrationswellen sind so alt wie die Menschheit. Das bestätigen Forschungsergebnisse unter anderem vom 1965 freigelegten Reihengräberfeld in Klettham. Im Frühmittelalter lebten hier sogar Menschen vom Schwarzmeer. Und: Zuwanderung war damals vor allem weiblich.

Altenerding - Als 1965 im Bereich der heutigen Merowingerstraße das Reihengräberfeld von Klettham durch Zufall von Buben entdeckt und später von Experten freigelegt wurde, war Erding auf einen Schlag in aller Archäologen Munde – und ist es bis heute. Die Erforschung des Gräberfelds geht nun schon ins sechste Jahrzehnt – immer wieder mit beeindruckenden Ergebnissen. So wie jetzt.

Ein internationales Forscherteam um Michaela Harbeck von der Staatssammlung für Anthropologie München, den Populationsgenetiker Joachim Burger von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz sowie Brigitte Haas-Gebhard von der Archäologischen Staatssammlung München haben Bevölkerungsgruppen untersucht, die um 500 nach Christus auf dem ehemaligen Gebiet des Römischen Reichs in Bayern gelebt haben. Dabei wurden neben Funden aus Straubing auch einige aus Altenerding unter die Lupe genommen – vom Gräberfeld. Harbeck und Burger sprechen von „verblüffenden Resultaten“.

Ausgewertet wurde das Erbgut von rund 40 mittelalterlichen Menschen aus Süddeutschland. Der Großteil, so Burger und Harbeck, sahen genetisch wie Mittel- beziehungsweise Nordeuropäer aus. „Eine Gruppe fiel aber völlig aus dem Raster“, schreiben sie.

Äußerlich auffällig waren die Turmschädel. „Eltern umwickelten den Kopf ihrer Kinder einige Monate lang nach der Geburt mit Bandagen, um die gewünschte Kopfform zu erreichen“, so Harbeck. Als Gründe kommen ihren Recherchen zufolge ein bestimmtes Schönheitsideal oder Gruppenzugehörigkeit in Frage.

Die Turmschädel von Altenerding sind nicht unbekannt. Harald Krause, Leiter des Museums Erding, erinnert daran, dass ein Exemplar 2015 in der Sonderausstellung zum 50. Jahrestag der Entdeckung des Kletthamer Gräberfelds gezeigt worden sei. Über den Ursprung des Brauchs in Europa gab es bislang nur Vermutungen. „Für viele galt die Hypothese, dass die Hunnen die Tradition der Schädeldeformation nach Ost- und Mitteleuropa gebracht haben“, erklärt Haas-Gebhard.

An diesem Punkt ist die Forschung nun einen großen Schritt vorangekommen. Die historisch-genetischen Untersuchungen haben nämlich ergeben, dass es sich bei den Turmschädeln um Frauen handelt, die um 500 nach Christus aus dem Schwarzmeerraum nach Bayern gekommen sein müssen. Einflüsse aus Zentral- oder sogar Ostasien sind laut Studie zwar vorhanden, die Menschen sollen aber den heutigen Bulgaren und Rumänen am ähnlichsten sein, sagt Burger. Der genetische Einfluss der Hunnen könne nur marginal gewesen sein.

Hinzu kommt, so die Münchner und Mainzer Wissenschaftler, dass diese Menschen dunklere Haare und Augen als die einheimische Bevölkerung gehabt hätten. Typisch seien blonde Haare und blaue Augen gewesen.

Schon bei dieser Gruppe fällt auf, dass Migration im frühen Mittelalter oft weiblich war. Es lassen sich laut Burger und Harbeck aber auch Personen nachweisen, die den heutigen Griechen und Türken am stärksten ähneln. „Und wieder waren es Frauen. Es ist ein einmaliges Beispiel von weiblicher Mobilität, die größere Kulturräume überbrückt“, so Burger.

Haas-Gebhard hat herausgefunden, dass sich die Schwarzmeer-Bayerinnen der neuen Heimat gut angepasst hätten. Darauf deuteten Grabbeigaben hin.

Die untersuchte Ära folgte auf das Ende des Römischen Reichs und der Zeit der Völkerwanderung. Es war die Zeit, in der viele Siedlungen gegründet wurden, die sich zu Städten entwickelten.

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