Er war Deutschlands erfolgreichster Bankräuber

Das neue Leben des Besenstielräubers

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Bei seinem 19. Überfall am 3. November 1998 wurde Harald Zirngibl geschnappt.

Mücnhen - Er war Deutschlands erfolgreichster Bankräuber. Sein Markenzeichen war Höflichkeit - jetzt hat er ein Buch geschrieben über seinen gescheiterten Traum. Seine Lebenserkenntnis ist eine bittere.

Nachdenklich ist er geworden. Und gelassener. Hat in den langen Jahren seiner Haft erkannt, dass Freiheit, Gesundheit und Zufriedenheit so ungleich viel wichtiger sind als Status, Macht und Millionen. In der Rückschau jedoch - da blitzen die Augen, da kommt das verschmitzte Lächeln zurück. Und da ist er dann wieder: Harald Zirngibl (59), Deutschlands erfolgreichster Bankräuber. 16 vollendete Überfälle, 73 Geiseln, 4,6 Millionen Mark Beute. Und das alles in gut sechs Jahren,  in denen der gefürchtete „Besenstielräuber“ in den 1990er-Jahren die Münchner Polizei an der Nase herumführte - bis er am Ende an seiner eigenen Überheblichkeit scheiterte. Darüber hat er jetzt ein Buch geschrieben: Ich war der Besenstielbankräuber -Mein gescheiterter Traum.

Der ausgebildete Industriekaufmann war Ende der 80er-Jahre durchaus erfolgreich in der Möbelbranche gewesen. Doch der Kaufmann aus Niederbayern wollte mehr. Viel mehr! Er versuchte sich in der Versicherungs- und Kapitalanlagenbranche, überhob sich finanziell, häufte immer höhere Schuldenberge an. Am Ende stand der finanzielle Ruin. Da sah er nur noch zwei Wege: „Selbstmord oder Bankraub!“ Gleich bei seinem ersten  Überfall am 23. März 1992 erbeutet er 122 000 Mark. Damit beginnt sein Leben auf der Überholspur. „Ich kann gar nicht mehr so genau sagen, wofür ich das Geld eigentlich ausgegeben habe. Ich

Das ist Harald Zirngibl heute.

wollte einen eigenen Strukturvertrieb aufbauen.“ Er leistet sich diverse dicke Autos und ein repräsentatives 350-Quadratmeter-Büro in der Münchner Innenstadt. Er wäscht das Geld über Konten in der Schweiz und in Liechtenstein, reist in die USA für lockende Golfgeschäfte, stürzt sich in alle möglichen Projekte, wird betrogen, versucht Fuß zu fassen im Reise-, Lotto- oder Telefongeschäft und probiert  in Spielbanken ein scheinbar sicheres Roulette-System. Sicher aber war am Ende nur der Verlust.

Und so reiste Zirngibl alle paar Monate wieder nach München,  neues Kapital heranschaffen. Frei nach dem Motto: „Jeden Tag macht wieder eine Bank  auf. Du musst nur die richtige finden.“ Der Erfolg steigt ihm zu Kopf. Er agiert zunehmend  überheblich: „Es hat mir Spaß gemacht, mich mit der Polizei zu messen. Heute denk ich mir oft: ,Mein Gott, bist du blöd gewesen.‘“ Er erfindet immer neue Maskeraden, Heftpflaster und mehrere Schichten Kleidung. Öfter auch dunkles Make-up und reichlich schwarze Wimperntusche auf Bart und Augenbrauen -  „um wie ein Südländer zu wirken“. Mit kleinen Beträgen an der Kasse gibt er sich nie zufrieden. Er fängt die Angestellten ab und zwingt sie in den Tresorraum. So ergattert er öfter mehrere 100 000 Mark, im Januar 1995 bei einer Bank in Fürstenried sogar satte 1,45 Millionen. Im Radio auf der Fahrt nach Berlin auf dem Weg zu einer Geschäftspräsentation vermeldet der Sender den spektakulären Überfall. „Hoppla, die reden ja über mich!“, denkt er stolz.

Seine Waffe war stets nur eine Gaspistole - „schon zu meinem eigenen Schutz“. Denn niemals wollte Harald Zirngibl einen Menschen verletzen. Das brachte ihm auch den Titel „Gentleman-Räuber“ ein. Er sagte stets „Bitte“ und „Danke“, bot einer schwangeren Kundin einen Stuhl an, beruhigte die Opfer: „Ich tue Ihnen nichts. Ich will nur das Geld aus dem Tresor.“ Heute sieht er’s anders: „Ich habe viele Menschen zutiefst erschreckt. Das tut mir sehr leid.“ Stets sperrte er die Angestellten hinterher in Nebenräumen oder Toiletten ein und klemmte die Klinken von außen unter anderem mit Besenstielen fest - daher der Spitzname „Besenstielräuber“.

Der Besenstielräuber in einer seiner Maskeraden.

Mehr als einmal war ihm die Polizei dicht auf den Fersen. Dabei machte er eine interessante  Beobachtung: „Ich saß mal eine Stunde lang auf einem Nadelbaum. Zwei Polizisten liefen direkt unter mir hindurch. Polizisten schauen niemals nach oben, wenn sie jemanden suchen.“ Vor Frauen hatte er bei den Überfällen mehr Respekt als vor Männern: „Die weiblichen Bankangestellten verteidigen wesentlich vehementer sogar noch das Geld, das ihnen gar nicht gehört.“ Zweimal explodierte in seinen Beute-Geldbündeln ein Security-Pack - Spezialtinte, die das Geld feuerrot einfärbt und unbrauchbar macht. Zirngibl aber fand heraus, dass sich die Tinte mit Nagellackentferner beseitigen ließ. Daher stammt sein alter Wahlspruch: „Geld macht glücklich - und manchmal rote Flecken.“

Beim 18. Überfall in Percha am Starnberger See endete am 3. November 1998 die Karriere des Serientäters. Er wird gefasst, sitzt eine über zehnjährige Haftstrafe ab. Nach seiner vorzeitigen Entlassung am 23. April 2009 zieht er zu seinem Vater (88) nach Niederbayern: „Wir sind ganz froh, dass wir uns haben.“ Dort hat er auch ein kleines Atelier, in dem er erotische Keramik-Skulpturen (www.erotic-sculptures.de) formt. Es gibt auch wieder eine Freundin in seinem Leben. Eine, die mit seiner Vergangenheit umgehen kann. Und die weiß, dass er sich geändert hat. Nicht jeder gibt ihm diese Chance. „Eine Arbeit zu finden, ist mit 59 Jahren sehr schwer. Ich war beim Arbeitsamt, habe ein Bewerbungsseminar bei der Volkshochschule und ein Praktikum bei einem Verein absolviert.“ Bei einer öffentlichen Veranstaltung setzten sie ihn an die Kasse - bis ihn einer erkannte: „Ich wurde sofort zur Abfallentsorgung  abkommandiert. Die hatten wohl Angst, ich haue mit der Kasse ab.“ Seine bittere Erkenntnis: „Die wahre Strafe kommt eben erst nach der Entlassung.“

16 Überfälle in sechs Jahren

Wenn das Geld knapp wurde, schlug Harald Zirngibl wieder zu - die Chronik der Überfälle:

24.2.1992: Volksbank Feldafing, Bankausspähung.

13.3.1992: wieder Volksbank Feldafing, Bankausspähung.

23.3.1992: Sparkasse Bernried, 122 000 Mark.

10.9.1992: Raiffeisenbank Feldafing, 61 000 Mark.

13.11.1992: Sparkasse Gelting, 82 310 Mark.

3.3.1993: Raiffeisenbank Wörthsee, 101 000 Mark.

8.6.1993: Sparkasse Viecht, 90 000 Mark.

3.9.1993: Raiffeisenbank Percha, 3500 Mark.

5.11.1993: Hypobank München, Mailänder Straße, 600 000 Mark.

1.7.1994: Vereinsbank München, Burgkmairstraße, 345 000 Mark.

3.11.1994: Raiffeisenbank Feldafing, 204 000 Mark.

9.1.1995: Hypobank Fürstenried, 1 445 000 Mark.

20.12.1995: Raiffeisenbank Sauerlach, 68 000 Mark.

19.1.1996: Raiffeisenbank Straßlach, 64 000 Mark.

26.2.1996: Hypobank München, Sendlinger Straße, 500 000 Mark.

4.4.1996: Stadtsparkasse München, Gärtnerplatz, Versuch.

22.1.1997: Hypobank München, Orleansstraße, 273 000 Mark.

8.8.1997: Commerzbank München, Am Schützeneck, 360 000 Mark.

17.3.1998: Sparda Bank, München, Spiegelstraße, Versuch.

20.3.1998: Hausbank München, Schleißheimer Straße, 300 000 Mark.

3.11.1998: Raiffeisenbank Percha, Versuch.

Gesamtbeute: 4 618 810 Mark.

Dorita Plange

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