Neue Schock-Studie: Mit 9 Jahren 1,5 Promille

+
Der Griff zur Flasche: Für viele Jugendliche gehört er zum Alltag.

München - Sie kippen den Alkohol hinunter bis zur Ohnmacht! Die Zahl jugendlicher Komasäufer in Bayern ist auf neuem Höchststand. Im vergangenen Jahr wurde sogar ein neunjähriger Bub eingeliefert - mit 1,5 Promille.

Im Jahr 2010 kamen nach neuesten Informationen der DAK 5331 Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus, umgerechnet fast 15 Kinder pro Tag! Im Klinik-Alltag zeigt diese Entwicklung ihr schockierendes Gesicht: Ein Münchner Oberarzt berichtet der tz, vergangenes Jahr sei ein 9-Jähriger mit 1,5 Promille eingeliefert worden (siehe Artikel unten).

Nach den bislang unveröffentlichten Zahlen des Statistischen Landesamtes stieg die Zahl im Vergleich zu 2009 nur leicht um 0,3 Prozent. „Seit 2003 sind die Klinik-Einlieferungen aber um insgesamt über 75 Prozent gestiegen“, sagt DAK-Landeschef Gottfried Prehofer, „Der neue Höchststand in Bayern ist alarmierend. Insbesondere weil andere Bundesländer Rückgänge verzeichnen.“

Die Mädchen stehen den Buben kaum nach: Demnach kamen 2010 insgesamt 3318 Jungen und 2013 Mädchen zwischen 13 und 20 mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus. Die Krankenkasse schreibt derzeit rund 1900 Schulen in Bayern an, um zur Teilnahme ihre Kampagne „bunt statt blau – Kunst gegen Komasaufen“ einzuladen.

Das erlebt ein Arzt in der Notaufnahme

Ein 9 Jahre alter Bub mit 1,5 Promille! Da war selbst der erfahrene Oberarzt Ludwig Schmid von der Kinderklinik im Klinikum Harlaching vergangenes Jahr geschockt. „Der Junge hatte auf dem Spielplatz mit Älteren Mixgetränke getrunken und kam ohnmächtig zu uns – er musste auf die Intensivstation.“

Das Thema Komasaufen werde zu einem immer größeren Problem. „In diesem Sommer kamen bis zu 10 Patienten pro Woche.“ In seine Notaufnahme, die nahe der Isarauen liegt, seien 2010 über 120 Kinder, meist 13- bis 15-Jährige, eingeliefert worden. „Vor zehn Jahren waren es vielleicht ein Sechstel.“ Schmid hat im Klinikalltag drei Trends bemerkt: „Einmal werden die Patienten jünger, 10- bis 12-Jährige sind keine Seltenheit mehr.“

Mittlerweile sei das Verhältnis von komasaufenden Mädchen und Jungen beinahe gleich: „Wenn Mädchen Gedächtnislücken haben, kann dies oft schwerwiegende Folgen haben, oft weiß keiner, was in der Zeit passiert ist.“

Ludwig Schmid, Oberarzt Kinderklinik

Der dritte Trend ist neu: „Die Kinder kommen mittlerweile fast immer alleine zu uns. Sie werden von Freunden einfach liegengelassen. Wenn Passanten bei der Rettungsleitstelle anrufen, sind die Kinder oft verschmutzt und schon in einem sehr schlechten körperlichen Zustand.“ Die Teenies kämen mit Unterkühlungen, mit Knochenbrüchen nach Stürzen, aber auch mit lebensgefährlichem Erbrochenen in der Lunge in die Notaufnahme. Mixgetränke, Bier, Wodka: 1,5 Promille sind auch bei den jüngsten Patienten keine Seltenheit. Vergangenes Jahr habe ein 13-Jähriger 2,8 Promille gehabt.

Keiner der jungen Patienten wird ohne ein Gespräch mit einem Suchtexperten entlassen. Dennoch kommt etwa jedes zehnte Kind wieder hierher in die Notaufnahme.

„Meiner Meinung nach ist Komasaufen immer eine Flucht. Es ist wichtig für Erwachsene, diese Jugendlichen nicht zu verurteilen, sondern Verständnis zu erlangen. Und das geht nur durch reden, reden, reden. Jugendliche sind immer öfter labil, weil familiäre Strukturen fehlen. Sie sind geltungsbedürftiger, das Ansehen in der Gruppe hat oft eine eine übergeordnete Bedeutung für sie. Diese Entwicklung ist alarmierend, aber nicht verwunderlich.“

Nina Bautz

Auch interessant

Meistgelesen

Bombenalarm am Gymnasium Tutzing: Abi-Prüfungen fanden statt
Bombenalarm am Gymnasium Tutzing: Abi-Prüfungen fanden statt
Ausgebrochene Stierherde: Sogar die Bergwacht sucht nach den Bullen
Ausgebrochene Stierherde: Sogar die Bergwacht sucht nach den Bullen
Flugzeugteil auf Weide gestürzt - das sagt der Landwirt
Flugzeugteil auf Weide gestürzt - das sagt der Landwirt
Freund beim Sexspiel mit Kreissäge getötet - Urteil
Freund beim Sexspiel mit Kreissäge getötet - Urteil

Kommentare