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Hauskauf im Münchner Umland: Familien geben Traum auf – „Wie soll man das in einem Leben abbezahlen?“

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Von: Uta Künkler

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Gebaut wird zwar noch, wie hier an der Bajuwarenstraße in der Kreisstadt (Bild oben). Nur leisten können sich ein Eigenheim für eine Million Euro und mehr viele Familien nicht mehr.
Gebaut wird zwar noch, wie hier an der Bajuwarenstraße in der Kreisstadt (Bild oben). Nur leisten können sich ein Eigenheim für eine Million Euro und mehr viele Familien nicht mehr. Wer weder Grund noch Erbe hat, tut sich schwer – und das selbst mit einem bezahlten Job. © Hans Moritz

Durch die sprunghaft angestiegenen Zinsen ist die Immobiliensuche im Landkreis Erding noch aussichtsloser als ohnehin schon. Vier Familien erzählen, warum sie den Traum vom Eigenheim (vorerst) aufgeben.

Landkreis Erding – Teurer Grund, Baustoffmangel und jetzt auch noch große Sprünge bei den Zinsen: Für viele Familien wird es immer utopischer, im Landkreis Erding eine eigene Immobilie zu kaufen. Manche müssen diesen Traum ganz aufgeben. Vier Landkreisbürger erzählen von ihrer aussichtslosen Suche.

Immobiliensuche im Landkreis Erding: Die Familie mit Bedarf an Barrierefreiheit

Wenn Anna-Theresa Pielock von der Haussuche im Erdinger Land spricht, findet ihre Frustration viele Worte. „Sündhaft teuer“ sei es hier, klagt sie. „Nicht mehr leistbar“ sei Wohneigentum, „superärgerlich“ das Ganze, „verrückt“ irgendwie. Seit etwa einem Jahr durchforsten Pielock und ihr Lebensgefährte den Markt erfolglos nach Angeboten.

Auf ihrer Immobiliensuche habe sie sich schon oft „an den Kopf langen müssen“, sagt die 30-Jährige und erzählt von Bauwerbern, die sich beim Grundstückskauf gegenseitig hochbieten. Einmal sei ihr Kauf eines Einfamilienhauses aus den 1970er Jahren so gut wie fixiert gewesen. „Dann kam jemand aus Starnberg und hat einfach so 150 000 Euro mehr geboten“, erzählt Pielock. „Da hast du keine Chance mehr.“

Die Familie benötigt ein barrierefreies Haus

Die Familie benötigt ein barrierefreies Haus oder einen Altbau, der sich entsprechend umbauen lässt. Das jüngste der vier Kinder kam als Frühchen auf die Welt. Die heute Einjährige ist motorisch stark eingeschränkt. Ob Neubau, eine Bestandsimmobilie oder auch ein Haustausch – Pielock und ihr Partner haben schon alle Möglichkeiten durchgespielt.

Hauskauf wird schwierig: Die Wünsche haben sie schon heruntergeschraubt

Ihre Wünsche haben sie schon heruntergeschraubt. Ursprünglich schwebte der Verwaltungsangestellten und dem Chemie-Ingenieur ein Haus nahe seiner Familie in Dorfen vor. „Mittlerweile ist das relativ egal“, sagt die vierfache Mutter. Hauptsache in der Nähe der A 94 – Pielocks Lebensgefährte arbeitet in Vilsbiburg. In ihrem gemieteten Reihenhaus können sie wegen der besonderen Bedürfnisse der jüngsten Tochter nicht mehr lange bleiben.

Die Familie hat sich schon mal ein Haus durchrechnen lassen – „damit wir wissen, was wir uns leisten können.“ Durch die steigenden Preise sei diese Planung innerhalb eines Monats um zigtausend Euro teurer geworden, sagt Pielock. Und dann noch die steigenden Zinsen – „verrückt“, wiederholt sich die 30-Jährige.

Dabei hätten sie gut bezahlte, sichere Jobs. Dennoch sei das Thema Wohneigentum – barrierefrei und mit vier Kinderzimmern – für sie derzeit nicht machbar. „Bauen geht nur noch für Leute, die schon ein Grundstück haben.“

Hausbau und Bauzins: Die Besitzerin eines Baugrundstücks

Dass selbst dann so mancher Traum vom Eigenheim zerplatzt, davon kann Sabine Schnur (Name geändert) ein Lied singen. Die Beamtin aus Dorfen hat ein Baugrundstück von ihrer Familie überschrieben bekommen und im September 2021 mit der Hausplanung angefangen.

Die Zinsen sind davongaloppiert

Dann, als alles in trockenen Tüchern war, die Baugenehmigung bewilligt, die Statik berechnet und sogar schon die Küche gekauft war, seien plötzlich „die Kosten davongaloppiert“. Die Baupreise stiegen rasant und die KfW-Zinsen vervielfachten sich von ursprünglich 0,89 auf heute 3,1 Prozent.

„Der Zug ist abgefahren“, sagt Schnur. Jetzt liegen die Pläne erst einmal wieder in der Schublade und die 38-Jährige bleibt im Haus ihrer Familie. Es bleibe ihr nichts anderes übrig als abzuwarten. „Zum Glück gilt die Baugenehmigung vier Jahre lang.“

Eine einzige Enttäuschung sei das alles gewesen. Und teuer. 40 000 Euro hätte sie für die Vorbereitungen ausgegeben. Vorerst alles umsonst. „Das Ganze war unglaublich erschöpfend, richtiggehend traumatisierend“, sagt Schnur.

Immobilien in Dorfen: Die auf vier Köpfe gewachsene Familie in der engen Wohnung

Frustriert ist auch Cornelia Abbrancati. Sie wohnt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Dorfen. Vor zwölf Jahren hatte sich das Paar entschieden, in beider Heimatstadt eine Drei-Zimmer-Wohnung zu kaufen. Diese ist mit ihren 80 Quadratmetern für die mittlerweile vierköpfige Familie etwas zu eng.

Cornelia Abbrancati mit den Söhnen Alessandro (vorne) und Giuliano in Dorfen.
„Man ist auf verlorenem Posten, wenn man nicht geerbt hat“, sagt zum Beispiel Cornelia Abbrancati frustriert. Sie wohnt mit Ehemann Luigi und den Söhnen Alessandro (vorne) und Giuliano in Dorfen. Auch wenn ihre Drei-Zimmer-Wohnung für vier Personen eigentlich zu eng sei – die Hoffnung auf eine leistbare größere Wohnung hat die Familie fast aufgegeben. © Michaele Heske

Eine größere Wohnung oder ein kleines Häuschen in Dorfen, das wär’s, dachten sich vor eineinhalb Jahren die 37-Jährige und ihr Ehemann Luigi. Wegziehen käme nicht in Frage. „Ich liebe diese Stadt“, sagt die Marketing-Managerin. Das Paar sei in Dorfen fest verwurzelt. Und die sechs- und zehnjährigen Söhne sollten nicht aus dem Umfeld herausgerissen werden.

Preise für Häuser in Dorfen „abartig in die Höhe gegangen“

Doch dann seien die Preise „abartig in die Höhe gegangen“, erzählt Abbrancati. Aus der Wohnungssuche seien sie „erst einmal raus“, sagt sie. Dann müsse die Familie eben enger zusammenrücken, die Kinder würden sich weiterhin ein Zimmer teilen.

Bei den momentanen Preisen sei man „auf verlorenem Posten, wenn man nicht geerbt hat oder irgendjemanden kennt, der irgendjemanden kennt“. Ein Haus für eine Million Euro – „Wie soll man das in einem Leben abbezahlen?“, fragt Abbrancati.

Die einzige Chance seien da Grundstücke im Einheimischenmodell. Doch diese seien rar. „Wenn bei einem Baugebiet wie an der Mühlleite nur ein Bruchteil der Grundstücken im Einheimischenmodell verkauft werden, ist das für uns ein Schlag ins Gesicht!“, schimpft sie. Sie ist enttäuscht vom mangelnden Engagement ihrer Stadt.

Einheimischenmodell und Hausbau im Landkreis Erding: Das junge Paar mit Kinderwunsch

Im Einheimischenmodell sieht auch Stefan Hofmann (Name geändert) seine einzige Chance. Der 34-Jährige und seine Lebensgefährtin wollen eine Familie gründen. Dazu brauchen sie ausreichend Platz. Die beiden suchen in den Landkreisen Erding oder Mühldorf ein Eigenheim – sie arbeitet im öffentlichen Dienst in Erding, er ist Beamter in München. Seit vielen Jahren lebt das Paar zur Miete in einer Dachgeschoss-Wohnung in Unterschwillach, Gemeinde Ottenhofen. Sie fühlen sich dort wohl, engagieren sich im örtlichen Schützenverein.

Zinsen steigen „ins Unermessliche“

Da lag es nahe, sich um eines der geförderten Grundstücke am Schlehbach zu bewerben. Im Punktesystem hätten sie wohl gute Chancen. Jedoch sei dieser Traum mittlerweile schon so gut wie zerplatzt. „Wir hatten gehofft, dass nach der Entscheidung für das Baugebiet vor sieben Jahren alles schneller vorangeht“, sagt Hofmann. Aber dann verzögerte sich das Ganze. Corona kam und der Krieg in der Ukraine. Baustoffe wurden teurer, und schließlich stiegen die Zinsen „ins Unermessliche“.

Eine weitere Enttäuschung kam für Hofmann durch die Gemeinde: „Ottenhofen verbilligt die Grundstücke um 30 Prozent, ich hatte mit 50 bis 70 Prozent Nachlass gerechnet“, ist er frustiert. Bei rund 600 000 Euro Kosten lagen ihre Wunschvorstellungen ursprünglich.

Neuer Bodenrichtwert zum Jahreswechsel

Als zum Jahreswechsel ein neuer Bodenrichtwert festgelegt wurde, kalkulierte das Paar erneut. Ergebnis: „Wir müssen mit etwa 800 000 Euro rechnen – und das bei dem wuchernden Zinssatz.“ Der lange gehegte Traum ist ausgeträumt. Zu bauen sei voraussichtlich „nicht mehr realisierbar“.

Vielleicht entwickeln sich die Zinsen und die Grundstückskosten ja wieder in die andere Richtung, meint Hofmann. Vielleicht kommt ein Altbau daher, den der gelernte Zimmerer herrichten kann. Vielleicht. „Ich gebe jedenfalls nicht auf“, sagt Hofmann.

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