„Es flossen Tränen“

Regierung steckt Sexualstraftäter in Asylheim - Junge Familien müssen dafür ausziehen

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Hier wohnen ab jetzt keine Familien mehr, weil Platz für einen Sexualstraftäter geschaffen wurde: Oberdinger Asylunterkunft.

Vier junge Familien mussten aus der Oberdinger Flüchtlingsunterkunft ausziehen, weil ein Sexualstraftäter aus dem Senegal nach seiner Haft dort wohnt. Asylhelfer und Kommunalpolitik sind entsetzt.

Oberding – Mit Unverständnis reagieren Oberdings Politiker und Asylhelfer auf das Vorgehen der Regierung von Oberbayern in der Flüchtlingsunterkunft Oberding, die an der Flughafentangente Ost unweit des Kauflands im Erdinger Westen liegt. „Unsere vier Familien mussten die Asylunterkunft gestern verlassen“, berichtete ein bedienter Bürgermeister Bernhard Mücke am Dienstagabend im Oberdinger Gemeinderat. 

Da galt noch als Gerücht, was die Regierung am Nachmittag auf Nachfrage unserer Zeitung bestätigt hat: Die Familien müssen weichen, damit auf der Anlage an der FTO ein Asylbewerber untergebracht werden kann, der zuletzt mehrere Jahre wegen eines Sexualdelikts in Haft verbracht hat.

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In einer Pressemitteilung des Landratsamts fordert Landrat Martin Bayerstorfer zusammen mit Mücke und Erdings OB Max Gotz, dass die Regierung ihre „falsche Entscheidung unmittelbar revidiert“. Gegen die Unterbringung eines Intensivstraftäters werde es aus den Gemeinden und dem Helferkreis erheblichen Widerstand geben. Die Betreuung eines Intensivstraftäters sei den Ehrenamtlichen keinesfalls zuzumuten.

Regierungssprecher Martin Nell erklärt, dass der Straftäter in einem Asylheim untergebracht werden müsse, auch wenn er abgeschoben werden soll. Es sei rechtlich nicht möglich, Asylbewerber zuvor auf unbestimmte Zeit in Haft zu nehmen. Es handelt es sich dem Vernehmen nach um einen Senegalesen, dessen Heimatland sich dagegen sträubt, ihn wieder aufzunehmen.

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„Die beteiligten Behörden haben alle in Betracht kommenden Unterkünfte sorgfältig geprüft“, berichtet Nell. „Sie kamen zum Schluss, dass die Gemeinschaftsunterkunft Oberding noch am ehesten die von der Justiz geforderten Eigenschaften aufweist.“ Entsprechend den Vorgaben hätten die Frauen mit ihren Familienangehörigen verlegt werden müssen. So befinden sich nun noch rund 90 alleinstehende Männer in den vier Containern.

Auch wenn das Ganze rechtlich so stimmen mag, für die Asylhelfer ist es ein Schlag ins Gesicht. Gemeinderätin Andrea Hartung, die sich im Helferkreis federführend engagiert, sieht die Integrationsarbeit zerstört. Gehen musste zum Beispiel eine alleinerziehende Afrikanerin mit ihrer sechsjährigen Tochter. „Ihre Betreuerin ist noch total fertig“, sagt Hartung. Es seien Tränen geflossen. Die Tochter der Alleinerziehenden habe erst einen Platz für die Katharina-Fischer-Schule zugesprochen bekommen, andere Kinder seien an die Offene Ganztagesschule in Oberding gegangen. Betroffen seien insgesamt zehn Personen aus Afghanistan, Iran und Afrika.

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Am Mittwoch vor einer Woche haben die Familien den Bescheid bekommen, demzufolge sie am Montag die Unterkunft verlassen müssten, berichtet Hartung. „Wenn sie nicht gegangen wären, wäre die Polizei gekommen“, sagt sie. Wie die Familien in ihre neue Unterkunft in München gekommen sind, „das interessiert die Regierung einen Scheißdreck“. Mit sechs Pkw hätten die Asylhelfer die Familien in die Landeshauptstadt gebracht. Jeder habe zweimal fahren müssen – wegen des ganzen Gepäcks.

Derweil steht die Informationspolitik der Regierung unter Beschuss. Mücke sagte im Gemeinderat, dass er sowie Bayerstorfer und Gotz lange keine Auskünfte bekommen hätten. Trotz zahlreicher Telefonate lag ihnen der Grund für den Auszug der vier Familien bis gestern Nachmittag nicht vor. Für eine inhaltliche Auskunft hätten die Behörden eben mehr Zeit benötigt, so die Erklärung von Regierungssprecher Nell.

Und der Bescheid, mit dem den Familien mitgeteilt wurde, dass sie ausziehen müssen, erreichte Hartung zufolge nur den Helferkreis. „Jeder dreht jetzt am Rad – Gotz, Mücke, Bayerstorfer. Hätte ich keine E-Mail geschickt, wüssten sie heute noch nichts.“

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Hartung sieht die Gefahr, dass durch die Ankunft des Straftäters die gesamte Unterkunft in Verruf geraten könnte. Die 90 weiteren Bewohner würden so stigmatisiert. Zumal derzeit in Deutschland ohnehin ein Rechtsruck vorhanden sei. Alles werde auf die kleinen Gemeinden abgewälzt, beschwert sich Mücke. „Wenn man die Kommunen und Asylhelfer so demotiviert, wer soll das dann noch machen?“ Zudem sei der Bescheid „blödsinnig“ gewesen. Den Familien sei mitgeteilt worden, sie sollten sich binnen zwei Wochen bei ihrer neuen Unterkunft melden. „Aber am Montag mussten sie schon raus.“

Gemeinderat Johann-Peter Haun meinte in der Sitzung am Dienstag: „Das ist eine absolute Frechheit.“ Zumal unter den rund 15 Aktiven im Helferkreis viele Frauen seien.

Wenn der Ex-Häftling da ist, gelten für ihn strenge Auflagen: Er steht unter Führungsaufsicht, bekommt auch eine Fußfessel und darf die Unterkunft in der Nacht nicht verlassen. Ein Sicherheitsdienst wird rund um die Uhr auf ihn aufpassen.

mas

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Kommentare

Jean Sack
(0)(0)

"Die Betreuung eines Intensivstraftäters sei den Ehrenamtlichen keinesfalls zuzumuten."

- Das spricht ja Bände. Dachte, hier wäre jeder willkommen?! Ist doch wohl klar, dass unter den Asylsuchenden auch Kriminelle dabei sind. Oder war das den Ehrenamtlichen und den sonstigen Würdenträgern etwa nicht bewusst?! So was.

bikinigirlAntwort
(1)(0)

was ich weniger glaube, dafür sind die deutschen behörden zu blöd - um es klar auszudrücken...

Chrisi
(0)(0)

Früher hatte ich Respekt vor unserem Staat. Jetzt lache ich nur noch über ihn! :-))