Das Oberland bekommt einen Unverpackt-Laden

Der Gasthof verfiel seit Jahrzehnten - jetzt haucht sie ihm neues Leben ein

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Klein, aber fein: Jasmin Seitner-Spangenberg in ihrem Café und Dorfladen „Frei-Zeit“. Das alte Mauerwerk des früheren Gasthofes wurde zum Teil freigelegt. 

Der alte Gasthof in Bairawies stand seit den 1970er Jahren leer. Jetzt kehrt wieder Leben ein. Dank einer 31-Jährigen, die noch nicht lange dort wohnt.

Bairawies – Immer wieder ist Jasmin Seitner-Spangenberg an dem langsam verfallenden Gasthof in Bairawies vorbeigefahren. „Wie schön wäre es, wenn es hier noch einen Biergarten gäbe“, dachte sie sich häufig. Dass sie selbst es sein würde, die dem alten Wirtshaus wieder Leben einhaucht – davon hätte die in Bad Tölz aufgewachsene Sprachwissenschaftlerin nicht zu träumen gewagt.

Vor vier Jahren zog Seitner-Spangenberg mit Mann und Tochter von Thankirchen in den 220-Seelen-Ort Bairawies. Als 2015 im Gemeinderat und auf einer Bürgerversammlung über die Umbaupläne der Erben diskutiert wurde, horchte sie auf: „Ein Ladenlokal im ehemaligen Gasthof? Das wäre vielleicht etwas für mich.“ Nun sitzt die 31-Jährige an ihrem ersten eigenen Gasttisch an der Dorfstraße und freut sich auf die Eröffnung am 2. März.

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„Es geht anders: Ohne Massenkonsum und Müllberge“

„Frei-Zeit“ hat sie ihre Kombination aus Café, Dorfladen und Biergarten genannt. Das „Frei“ steht für „verpackungsfrei“: Als erste Unternehmerin im Oberland will Seitner-Spangenberg alle Waren unverpackt verkaufen – um den umweltbelastenden Plastikmüll zu reduzieren. Ähnliche Läden gibt es bislang nur in München oder Rosenheim. 

„Es ist mir ein Anliegen, ein Stückchen zu einer besseren Welt beizutragen“, sagt sie, lacht und gibt zu: „Das klingt ja wie bei Rosamunde Pilcher.“ Ohne als Moralapostel aufzutreten, wolle sie den Menschen zeigen: „Es geht auch anders: ohne Massenkonsum, Müllberge und riesige Supermärkte – netter, persönlicher und trotzdem nicht teurer.“ 

Behälter statt Plastikverpackungen

Entsprechende Lieferanten zu finden, von denen sie Waren wie Nudeln, Reis oder Toilettenpapier ohne störende Plastikumhüllung bekommt, sei allerdings gar nicht so einfach. Abgefüllt werde dann im Laden in mitgebrachte oder dort erworbene Behälter. Dazu soll es ein kleines Obst- und Gemüse-Angebot geben, Milch, Eier und Fleisch – letzteres allerdings nur auf Bestellung. 

Außerdem kann man im „Frei-Zeit“ ab 6.30 Uhr frühstücken und täglich wechselnde Mittagsgerichte, selbst gebackenen Kuchen oder Brotzeiten genießen. „Alle Produkte sind aus der Region und werden liebevoll zubereitet“, betont die Gastwirtin. „Um die fünf Euro“ will sie für das Mittagessen verlangen. Im Speiseraum hat sie 20 bis 30 Sitzplätze geplant, im Biergarten ab April je nach Bedarf bis zu 50 weitere. Unter den großen alten Bäumen, für deren Erhalt sich Seitner-Spangenberg und die Bairawieser Bürgerinitiative sehr eingesetzt hatten, soll ein Kinderspielplatz entstehen.

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Von der Staatsstraße schnell zu erreichen

Die engagierte junge Frau mit dem blonden Pferdeschwanz ist optimistisch, dass ihr Geschäft in dem 220-Seelen-Dorf ein Erfolg wird. Erfahrungen in der Gastronomie sammelte sie während ihres Studiums. Mit ihrem Steuerberater hat sie einen Businessplan erstellt: „Ein Frühstückslokal fehlt bisher in der Gegend. Und Bairawies ist von der Staatsstraße aus schnell zu erreichen.“ Die Dietramszeller seien es ohnehin gewohnt, ihre Besorgungen mit dem Auto zu erledigen. Auch der ein oder andere Tölzer, so hofft sie, biegt auf der Fahrt nach Norden kurz mal ab. Reich werden will sie mit dem Laden sowieso nicht, sagt sie: „Ich bin froh, wenn er sich einigermaßen selber trägt.“ Ihre Familie gibt ihr den notwendigen finanziellen und moralischen Rückhalt. Trotz der langen Öffnungszeiten – Donnerstag und Samstag bis 22 Uhr – hat sie vor, die Arbeit größtenteils selbst zu stemmen. „Dafür gönne ich mir den Dienstag als Ruhetag.“ Eine Nachbarin hilft ihr beim Kochen; zwei Minijobber will sie noch einstellen.

„Ich habe, soweit es geht, alles gebraucht gekauft“

Für die Eröffnung ist schon fast alles fertig. Die Küche steht, der Verkaufstresen ist aufgebaut, auch die Kuchenvitrine wartet auf ihren Einsatz. Nur der Gastraum ist noch etwas spärlich möbliert: Die meisten Tische und Stühle werden erst kurz vor dem großen Tag geliefert. „Ich habe, soweit es geht, alles gebraucht gekauft“, erzählt die Ladeninhaberin: „Nicht nur, um Geld zu sparen, sondern auch aus Gründen der Nachhaltigkeit.“ Ihr erster Gasttisch stammt aus einem Münchner Kunstatelier; zahlreiche Wurmlöcher und Gebrauchsspuren in der abgeschliffenen Tischplatte zeugen von einer turbulenten Geschichte.

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Von der Vergangenheit des mächtigen Gebäudes ist dagegen nicht mehr viel zu spüren. Das alte Mauerwerk wurde zwar teilweise freigelegt und ist jetzt in Ausschnitten im Gastraum noch sichtbar. Ansonsten aber hat die Erbenfamilie die Fassade der seit den 1970er Jahren leerstehenden Tafernwirtschaft komplett renoviert, den Rest abgerissen und neu aufgebaut. Im hinteren Teil entstanden Wohnungen. Seitner-Spangenberg ist ein bisschen traurig, dass die ortsprägende Stirnseite des Hauses aus finanziellen Gründen nicht – wie anfangs geplant – erhalten werden konnte. Sprossenfenster, eine runde Giebelluke und die aufgemalte Jahreszahl erinnern sie aber immer noch an das alte Gebäude, an dem sie vor über zehn Jahren zum ersten Mal vorbeifuhr. „Ich wünsche mir jetzt einfach, dass die Leute meinen Laden lieb gewinnen“, sagt sie. „Alles andere wird sich finden.“

Öffnungszeiten

Eröffnet wird der Dorfladen „Frei-Zeit“ am Freitag, 2. März, um 9 Uhr. Die Öffnungszeiten sind Montag, Mittwoch und Freitag von 6.30 bis 18 Uhr, Donnerstag und Samstag von 6.30 bis 22 Uhr und Sonntag von 8 bis 22 Uhr. Dienstag ist Ruhetag.

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