„Ein einziger Saftladen“

Pendler-Frust über S1, die unzuverlässigste Linie der Münchner S-Bahn

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Getrübte Stimmung am Bahngleis: Das ständige Warten auf die S1 frustriert viele Pendler.

Die S 1 ist die unpünktlichste Linie der S-Bahn München. Das hat vor kurzem eine Statistik ergeben. In der Merkur-Facebook-Gruppe „Meine S 1 kommt nicht“ und am Bahnsteig machen die Pendler ihrem Ärger Luft. Sie schimpfen über tägliche Verspätungen und die fehlende Einsicht der Bahn, dass sich daran etwas ändern muss.

Landkreis– Otto Bürger (79) hat sich erst vor Kurzem mächtig über die Bahn geärgert: Mit seiner Frau wollte der Oberschleißheimer Ortshistoriker nach München ins Theater gehen: „Aber die S-Bahn hatte 20 Minuten Verspätung, deshalb haben wir den ersten Akt verpasst“, erzählt er: „Da kannst nur noch die Schultern sinken lassen.“

Der 79-Jährige erlebt das immer wieder und sagt: „Die Strecke zwischen Freising und München ist einfach überbelastet – das ist die Wurzel allen Übels.“ Der Grund dafür: Den Bahnhof Oberschleißheim passieren nicht nur S-Bahnen, sondern auch Güter- und Schnellzüge, vermutet er: „Oft dürfen die überholen, und die S-Bahn muss warten.“ Bürgers Vorschlag: Ein dritter Bahngleis in Oberschleißheim. Außerdem ärgere ihn die Informationspolitik der Bahn – die Anzeigetafel am Bahnsteig Richtung München funktioniert schon seit einiger Zeit nicht mehr (wir berichteten).

Ab Juli wurde die S1-Strecke zwischen Feldmoching und Freising sechs Wochen gesperrt, um unter anderem Schienen und Weichen zu erneuern. Aber verbessert hat das die Pünktlichkeit der S1 nicht, kritisiert CSU-Gemeinderätin Gisela Kranz (48) aus Oberschleißheim. Sie fährt schon seit rund 30 Jahren mit der S-Bahn zu ihrem Arbeitsplatz nach München und sagt: „Ich finde, dass sich die Pünktlichkeit ständig verschlechtert.“ Die Störungs-Ansagen in der S-Bahn sind für sie Alltag: „Manchmal sind Leute im Gleis, es gibt Weichen- und Signalstörungen oder Probleme an der Schranke in Schleißheim, weil sie wegen des Autoverkehrs nicht schließen kann.“ Kranz hat Konsequenzen gezogen: „Wenn ich einen wichtigen Termin habe, dann nehme ich mindestens eine S-Bahn früher.“

Von der unpünktlichen S1 kann Anton Regensperger (51) aus Oberschleißheim zwar auch ein Lied singen: „Aber das ist es gar nicht, was mich am meisten stört“, sagt der Polizist: „Es sind eher die Defizite in der Kommunikation seitens der Bahn.“ Manchmal stehe er am Gleis und wartet ohne eine Durchsage, ohne Informationen an der Anzeigetafel: „Da weiß man dann nicht: Entfällt die S-Bahn oder kommt sie nur später?“ Gewissheit würde ihm weiterhelfen, dann könnte er zum Beispiel aufs Auto umsteigen.

Wenn Jan Miklis (55) aus Neufahrn über die Bahn spricht, fällt oft das Wort „Saftladen“. In der Facebook-Gruppe „Meine S1 kommt nicht, schreibt er: „Streiken. Preise erhöhen. Marodes Material. Inkompetentes Personal. Ein einziger Saftladen.“ Unter der Woche fährt er jeden Tag in die Arbeit zur Hackerbrücke und bilanziert: „Im Schnitt komme ich jeden zweiten oder dritten Tag 20 Minuten später an, als geplant“, und ergänzt: „Jeden Tag eine Weichenstörung, dabei wurde die Strecke erst im Sommer gesperrt zum Renovieren. Jetzt ist alles noch schlimmer.“ Resigniert stellt er fest: „Das ist ja wertvolle Lebenszeit, die ich mit den Verspätungen verliere.“

Er schlägt daher ein Entschädigungssystem wie in Frankfurt für die S-Bahnfahrer vor: „Da bekommt man mit einer Monatskarte für jede Verspätung über zehn Minuten eine Entschädigung.“

Silva Grohe (46) fährt seit viereinhalb Jahren mit der S1 von Neufahrn nach Oberschleißheim und sagt: „Zu 50 Prozent kommt die S-Bahn pünktlich, zu 50 Prozent nicht.“ Sie nervt vor allem das dichte Gedränge in der S-Bahn zu den Berufsverkehr-Zeiten, wenn sie nach Hause fährt: „Abends ist es gesteckt voll – das ist brutal, ich muss ab Moosach bis Lohhof stehen“, sagt sie: „Ich verstehe es nicht, warum man da keinen dritten Waggon anhängen kann.“

Jeder zehnte Zug zu spät

Die S1 ist die unpünktlichste Linie der S-Bahn München, das geht aus einer Auswertung des Bundesverkehrsministeriums hervor. Dafür wurden bundesweit die Werte sämtlicher S-Bahn-Netze für das Gesamtjahr 2017 und das erste Halbjahr 2018 veröffentlicht. Die S1 erreichte von Januar bis Juni 2018 in der Hauptverkehrszeit nur 92,3 Prozent Pünktlichkeit - das heißt, fast jeder zehnte Zug war mindestens sechs Minuten zu spät. Züge, die nur fünf Minuten zu spät eintreffen, werden als pünktlich gewertet. Ausgefallene Züge werden in der Statistik nicht berücksichtigt.

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