1. tz
  2. München
  3. Region

Freisinger erlebte das Olympia-Attentat hautnah: „Leichtigkeit war mit einem Schlag vorbei“

Erstellt:

Kommentare

Ein bewaffneter bayerischer Polizeibeamter in Trainingsanzug sichert am 5. September 1972 im Olympischen Dorf den Block, in dem Terroristen die israelischen Geiseln festhalten.
Ein bewaffneter bayerischer Polizeibeamter in Trainingsanzug sichert am 5. September 1972 im Olympischen Dorf den Block, in dem Terroristen die israelischen Geiseln festhalten. Der Freisinger Peter Spanrad (68) war damals hautnah dabei, 150 Meter entfernt in der Volleyballhalle. © Horst Ossinger

Peter Spanrad (68) erlebte das Attentat während der Olympiade in München hautnah als Sportzuschauer. Bis heute kann er diesen Tag nicht vergessen.

Freising – 50 Jahre ist das Ganze mittlerweile her, doch was er an jenem 5. September 1972 gemacht hat, weiß Peter Spanrad (68) noch heute ganz genau: Zusammen mit einem Spezl sitzt der damals 18-jährige Freisinger Schüler am Vormittag gerade in der extra gebauten Volleyballhalle mitten auf dem Olympiagelände, als die Stimmung auf einmal merklich umschlägt. Offizielle laufen hektisch herum, Verunsicherung macht sich in der Halle breit. Vieles wirkt plötzlich anders als an den unbeschwerten Olympia-Tagen zuvor.

Soziale Medien gibt es noch nicht – und so dauert es bis zum Ende des Volleyballspiels Bulgarien gegen Tunesien, bis die beiden jungen Freisinger auf der Straße vor der Halle erfahren, was sich da gerade ereignet hat – keine 150 Meter von ihnen entfernt in der Connellystraße. Die damalige Halle für die Volleyballvorrunde grenzt direkt ans Olympische Dorf. Und dort haben gerade Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer Freitag“ eine Wohnung der israelischen Sportler gestürmt. Eine Geiselnahme.

Peter Spanrad als 18-jähriger Volleyballer – und Gast bei Olympia ’72.
Peter Spanrad als 18-jähriger Volleyballer – und Gast bei Olympia ’72. © Privat

Niemand wusste, was genau passiert war

Es sind Schüsse gefallen, die beide Freisinger aber nicht gehört haben wegen des frenetischen Jubels in der Volleyball-Halle. „Es war sofort eine große Aufregung da“, erinnert sich Peter Spanrad, „alle waren vor der Volleyballhalle sehr verunsichert. Fragten sich, was da passiert sein könnte.“ Und: Niemand wusste zu der Zeit, wie man mit einer solchen Situation umgehen soll. Weder die Offiziellen wie Innenminister Hans Dietrich Genscher und OB Hans-Jürgen Vogel noch die Sportfans.

„Es gab ja null Erfahrung mit so etwas“, erinnert sich Peter Spanrad. Nach Hause fahren? Bleiben? Schutz suchen? „Wir waren extrem verunsichert.“ Die jungen Freisinger Burschen irren zunächst auf dem Olympiagelände herum, fahren dann aber doch zurück nach Freising. An Sport ist nicht mehr zu denken, die olympische Leichtigkeit ist weg. Zu Hause erfährt Peter Spanrad erst im Fernsehen, was vor ihrer Nase passiert ist: Es gab Tote, im Olympischen Dorf ist das Chaos ausgebrochen – das später am Flughafen in Fürstenfeldbruck noch viel größer werden sollte.

Die unbeschwerten Tage zuvor

Natürlich bestimmten das Attentat und die Geiselnahme dauerhaft die Erinnerungen von Spanrad an Olympia in München. Aber der heute 68-Jährige erinnert sich an das tolle Lebensgefühl die Tage zuvor. Als aktive Volleyballer – im Olympia-Jahr gehört der SC Freising sogar zu den sechs besten Teams in Deutschland – sind Peter Spanrad und seine Freunde ganz nah dran am Sport-Großereignis in München. Als Schüler ist Spanrad zwar noch zu jung, um selbst als Helfer mitzuwirken, dafür arbeiten andere Freisinger Volleyballer aktiv für das Veranstaltungs-Komitee. Sepp Schwarz etwa oder Robert Keilmann. Und über die kommen die jungen Freisinger Volleyballer recht einfach an günstige Karten.

Gemischte Erinnerungen an Olympia: Peter Spanrad heute.
Gemischte Erinnerungen an Olympia: Peter Spanrad heute. © Privat

Den jungen Freisingern war damals schon klar, dass sie gerade das größte Sportereignis der Welt miterleben. „Zu der Zeit war ja unvorstellbar, dass eine kleine Stadt wie München so etwas wie die Olympischen Spiele bekommt“, erklärt Spanrad. Er und seine Spezl nehmen daher alles mit, was sie bekommen können – für gerade einmal fünf Mark pro Karte. Sie gehen zum Volleyball, zum Schwimmen, zum Fußball, fahren in die heute legendäre Rudi-Sedlmayer-Halle zum Basketball. Und vor allem: Sie nehmen das einmalige Flair der Olympiade mit. „So etwas habe ich bis heute nicht mehr erlebt“, gesteht Peter Spanrad mit einem Leuchten in den Augen: Die heiteren Spiele, sie waren ein Ereignis von historischem Wert.

Die Welt war zu Gast in Bayern

Und: Es waren Olympische Spiele, die noch weit weg waren vom medialen Großereignis des 21. Jahrhunderts. „Olympia wirklich erlebt haben wir nicht bei den Wettkämpfen, sondern beim Spazierengehen durch den Olympiapark“. Zuschauer und Aktive, Sportler aus allen Herren Ländern, alles bunt durcheinander. „Wir saßen oft einfach nur da und haben das alles beobachtet“, erinnert sich der Freisinger. „Und an den Trainingsanzügen hat man dann ja recht gut erkannt, wo die Sportler herkamen.“ Auch das Olympische Dorf war weitaus weniger abgeriegelt, als man es von heutigen Spielen kennt.

Oft fuhren Spanrad und seine Freunde schon morgens nach München, weit vor dem Beginn der Wettkämpfe. Stiegen auf den heute noch bestehenden Olympiaberg, ließen sich von der Faszination treiben. „Etwas Neues für uns war auch diese Offenheit“, erzählt Spanrad. Allein die Architektur des Stadions, das viele Glas, das Weitläufige, dann aber auch die kurzen Wege, auf denen man fast alle Wettkampfstätten erreichen konnte. Bis heute kommt kein Olympiapark an den in München heran. „Die Welt war zu Gast in Bayern“, sinniert Peter Spanrad, „und ich bin wirklich froh, dass ich dabei sein durfte.“

Olympia war auch ein Motivationsschub

In Erinnerung geblieben sind Spanrad freilich auch die vielen Turniere. Etwa bei der Leichtathletik-Vorrunde im nigelnagelneuen Olympiastadion. Es wirkte schlicht gigantisch. „Keiner von uns kannte so etwas vorher“, schwärmt Spanrad noch heute. Und dadurch erhielt auch der Sport eine völlig neue Dimension, ob beim Sprint, Speerwurf oder bei den Staffelwettbewerben, die Peter Spanrad und seine Freunde nahezu täglich erleben konnten.

Purer Luxus war für Freisings Sport-Nachwuchs auch der Besuch der Volleyball-Vorrunde. Bei einer Sportart, die zur damaligen Zeit ein noch größeres Nischen-Dasein fristete als heute. An TV-Übertragungen und ausführliche Berichte war damals gar nicht zu denken. Deswegen saßen während der Vorrunden-Spiele auch fast nur Fachleute in den Hallen. „Bis dahin konnten wir ja nirgends sehen, wie Spitzen-Volleyball überhaupt aussieht“, sagt Peter Spanrad. Und es gab Volleyball-Stars hautnah zu erleben wie Stelian Moculescu, den Zuspieler der rumänischen Mannschaft, der das Turnier zur Flucht nutzte und später dann Deutschlands Nationaltrainer wurde.

Das olympische Volleyball-Turnier war für die jungen Freisinger auch ein Motivationsschub für die eigene sportliche Karriere. 1973 wurden Peter Spanrad und seine Mitspieler 3. Deutscher Meister mit der A-Jugend, spielten später sogar einige Jahre in der Zweiten Bundesliga mit dem Sportclub. „Olympia hat uns angetrieben, noch besser zu werden“.

Freising-Newsletter: Alles aus Ihrer Region! Unser Freising-Newsletter informiert Sie regelmäßig über alle wichtigen Geschichten aus der Region Freising – inklusive aller Neuigkeiten zur Corona-Krise in Ihrer Gemeinde. Melden Sie sich hier an.

Es ging weiter

Und doch blieb schließlich alles überschattet vom Attentat. Lange standen die kompletten Spiele vor der Absage, doch irgendwann kam der heute weltberühmte Satz „The games must go on“ von IOC-Präsident Avery Brundage. „Wir hätten es auch schade gefunden, wenn es nicht weitergegangen wäre“, sagt Spanrad. Zu sehr hatten die jungen Freisinger diese Spiele bis dahin aufgesogen, lebten fast wie in einer Olympiawolke, fuhren fast täglich mit der S-Bahn nach München.

Es ging also weiter, und doch waren es ab diesem 7. September andere Spiele als zuvor. Zwar gingen viele, auch Peter Spanrad, wieder zu den Wettbewerben, sahen weiterhin Volleyball-, Fußball oder Basketballspiele, sahen, wie Sportler aus der ganzen Welt um Zentimeter und hundertstel Sekunden wetteiferten. Doch in den Hallen und Stadien war die Stimmung gedrückter, und auch auf den Wegen rund um das Stadion konnte man spüren, dass dieser Terrorakt etwas mit den Menschen gemacht hatte. „Die Lockerheit und Leichtigkeit war weg“, erklärt Spanrad. „Es waren nicht mehr die Olympischen Spiele wie zuvor.“

Die Erinnerungen sind sofort wieder da

Nur wenige Monate später begann Peter Spanrad ein Lehramtsstudium in München – und das führte ihn im Fach Sport zurück zum ehemaligen Olympiagelände, auf das die Hochschulsportanlage mittlerweile umgezogen war. Wo 1972 die Sportstars rund um die Volleyballhalle trainierten, hatte sich nun die Sportfakultät einquartiert. Von der Haltestelle der U3 musste Peter Spanrad, um zu den Sportstätten zu kommen, durchs olympische Dorf und vor allem über die Connollystraße gehen – dort, wo Monate zuvor der Terroranschlag stattgefunden hatte. „Oft bin ich da mehrmals am Tag entlang gegangen“, blickt Peter Spanrad heute zurück: „Da waren die Erinnerung sofort zurück.“ Die Erinnerungen an das Chaos, an den Terror in 150 Meter Entfernung.

Auch fünf Jahrzehnte später fährt der 68-Jährige in den Olympiapark, bleibt an der später errichteten Gedenkstätte stehen. Dann ist er wieder da, jener Dienstag im September 1972.

Noch mehr aktuelle Nachrichten aus dem Landkreis Freising finden Sie auf Merkur.de/Freising.

Auch interessant

Kommentare