Olympia-Krise spitzt sich zu

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In München sind die Weichen für die Olympischen Spiele 2018 gestellt und alle Hürden genommen. Beim Partner Garmisch-Partenkirchen gefährdet ein erbitterter Grundstücksstreit den Erfolg der Bewerbung

Garmisch-Partenkirchen/München - Große Sorge um die Olympia-Bewerbung 2018! München muss machtlos zuschauen, wie sich die Krise im heillos zerstrittenen Junior-Partnerort Garmisch-Partenkirchen immer weiter zuspitzt.

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Garmisch will für Ski-WM Grundbesitzer enteignen

Die vergiftete Auseinandersetzung zwischen der Gemeinde und 59 Grundstücksbesitzern birgt so viel Sprengstoff, dass sie das sportliche Traumprojekt der Landeshauptstadt auf der Zielgeraden platzen lassen könnte. Einen kleinen Trost gibt es wenigstens: Die Ski-WM im Februar 2011, die Oberbayern als Schaufenster mit Blick auf eine erfolgreiche Olympia-Bewerbung dienen soll, ist nicht gefährdet. Das versicherten Vertreter der olympia-kritischen Landwirte: „Keiner meiner Mandanten ist gegen die Ski-WM“, erklärte Anwalt Ludwig Seitz von der renommierten Münchner Kanzlei Labbé & Partner am Freitag im tz-Gespräch.

Die Eiszeit im Garmischer Verhandlungsklima hatte am Donnerstag einen neuen Höhepunkt erreicht: Wie berichtet, geht Bürgermeister Thomas Schmid nun juristisch gegen den ersten widerspenstigen Landbesitzer vor. Er hat beim Landrats­amt einen „Antrag auf vorzeitige Besitzeinweisung“ eingereicht. So will Schmid den Einheimischen zwingen, eine Wiese für die Nutzung als Ski-Abfahrt herzugeben. Das Areal befindet sich im Zielbereich der Kandahar-Rennstrecke.

Die juristische Holzhammer-Attacke aus dem Rathaus spaltet den Ort mehr denn je: Während die Anhänger des Rathauschefs dessen „Durchsetzungskraft“ bejubeln, spucken seine Kritiker Gift und Galle. Schmids Vorgehen sei „Wasser auf die Mühlen der olympia-kritischen Landwirte, die Angst vor einer Enteignung haben“, sagte die Chefin der CSU-Rathausfraktion, Elisabeth Koch: „Jetzt sagen viele von ihnen: Wir haben’s ja schon immer gewusst: Wenn wir unser Land nicht freiwillig hergeben, dann werden sie es uns wegnehmen.“ In dasselbe Horn stieß Anwalt Seitz. „Das Vorgehen der Gemeinde zur Ski-WM ist für mich wie eine Blaupause für die Olympia-Bewerbung.“

Viele Garmischer glauben also, die juristische Attacke sei ein plumper Einschüchterungsversuch. Zumal ein Kompromiss im WM-Grundstücksstreit offenbar zum Greifen nahe scheint, wie Seitz erläutert: „Es gab am Freitag ein positives Gespräch mit dem Anwalt der Gemeinde. Ich bin mir sicher, dass wir für die Ski-WM zu einer Einigung kommen werden.“ An nichts anderem sei auch ihm gelegen, betont Bürgermeister Thomas Schmid gebetsmühlenartig: „Wir wollen niemandem seinen Grund und Boden wegnehmen!“ Es gehe lediglich um eine geduldete Nutzung für den Skisport, den sich die Gemeinde sichern müsse.

Doch gerade die widerspenstigen Grundstücksbesitzer trauen dem Bürgermeister nicht mehr über den Weg. „Dieses Vorgehen ist typisch Schmid. Dieser Mann hat noch nie mit offenen Karten gespielt, er sagt laufend die Unwahrheit“, wettert Wortführer Ignaz Streitel. Dem Bürgermeister attestiert er ein übersteigertes Selbstbewusstsein und einen herrschsüchtigen Verhandlungsstil: „Der Schmid hat so eine überhebliche Art. Er glaubt, er kommt gleich nach dem lieben Gott.“ Bei den Einschätzungen zu Olympia, so Streitel, gebe es allerdings einen himmelweiten Unterschied: „Wir bleiben bei unserem Nein zu Olympia: Dadurch würde unser Tal kaputt gemacht.“

Andreas Beez, Wolfgang de Ponte

Einflusslos: Kati Witt

Kati Witt besitzt zwar als ehemaliger Welt-Star großes internationales Renommee, scheidet aber für eine lokale Vermittlerrolle in Garmisch praktisch aus. Als Strahle-Frau aus den neuen Bundesländern hat ihr Wort bei den heimatverbundenen, sehr konservativen Grundstücksbesitzern so gut wie kein Gewicht.

Ungeschickt: Willy Bogner 

Willy Bogner hat den stolzen Garmischern schon in einer Frühphase der Verhandlungen das Kraut ausgeschüttet. In München sprach er herablassend von ein paar Dutzend „subventionierten Kühen“, um die es den Bauern gehe. In Garmisch tat er ihnen dann recht schön, mit dieser Doppelzüngigkeit schürte er tiefes Misstrauen.

Brüskiert: Sigi Schneider 

Sigi Schneider attestieren viele einen guten Job als Schlichter. Auch OB Christian Ude lobte sein „Fingerspitzengefühl“. Mit der aktuelle Garmischer Rathaus-Offensive wird er allerdings mächtig brüskiert. Denn Schneider hatte immer wieder versichert, es werde für Olympia niemand enteignet. Das glauben ihm viele nicht mehr.

Umstritten: Thomas Schmid

Thomas Schmid gilt als polarisierende Persönlichkeit. Für die Grundstücksbesitzer ist er wie ein rotes Tuch. Vor den letzten Verhandlungsrunden mit Minister Schneider hatten sie es zur Bedingung gemacht, dass der Bürgermeister nicht daran teilnehmen wird. Schmid selbst sieht aber überhaupt keinen Grund, seinen Stil zu ändern.

Bedeckt: Edmund Stoiber

Edmund Stoiber genießt im Werdenfelser Land nach wie vor einen Spitzen-Ruf. Er vertrat Garmisch als Stimmkreisabgeordneter im Landtag, gehörte der Delegation an, die 2006 in Portugal den Zuschlag für die Ski-WM erkämpfte. Im Ort heißt es, nur er könne den Karren noch aus dem Dreck ziehen. Aber bisher hält er sich bedeckt.

Machtlos: Christian Ude

Christian Ude schiebt mit Macht die Olympia-Projekte in München an. Umso ohnmächtiger muss er den Bürgerkrieg in Garmisch verfolgen. Ude drängt zur Eile: Noch sei zwar nichts verloren, aber spätestens in den Monaten vorm Vergabe-Kongress im Juli müssten der Streit beigelegt und die Grundstücke gesichert sein.

Standhaft: Ignaz Streitel

Ignaz Streitel gilt als mutiger Wortführer der Grundstücksbesitzer. Einen Kompromiss hält er für ausgeschlossen, die Winterspiele 2018 für eine Gefahr: „Olympia ist eine Nummer zu groß für uns.“ Diese Haltung will er trotz Anfeindungen beibehalten: „In einer Demokratie muss es möglich sein, Nein zu sagen.“

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