Bei Bürgerversammlung

„Populismus, Neid, Rechthaberei“: Bürgermeister zeichnet selten düsteres Stimmungsbild für seinen Ort

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Nur etwa 70 von 4900 Otterfingern kamen zur Bürgerversammlung in die Schulaula.

„Perfide Rollenspiele, Populismus, Neid, Rechthaberei“: Rathauschef Jakob Eglseder nahm kein Blatt vor den Mund, als er am Donnerstag in der Bürgerversammlung die politische Stimmung in der Gemeinde skizzierte. 

Otterfing – Das Interesse, aktuelle Gemeindepolitik aus erster Hand zu erfahren, hielt sich in Grenzen: Nur etwa 70 von 4900 Otterfingern kamen zur Bürgerversammlung in die Schulaula. Sie erlebten einen Bürgermeister, der nach der Vorstellung aktueller Themen seinem Herzen Luft machte. 

Er stelle fest, dass persönliche Animositäten und Selbstgefälligkeit das Klima im Dorf vergiftet hätten. „Das ist kein Dorf mehr“, raunte es dazu aus den Zuhörerreihen. Auch er selbst, räumte Eglseder ein, habe sich nicht immer vorbildlich verhalten. „Ich nehme mich da nicht aus.“

Konkret kritisierte der Rathauschef den kategorischen Protest mancher Bürger gegen jedwedes Wachstum, sei es gegen ein Sportzentrum, gegen neue Wohngebiete oder gegen die Ansiedlung von Firmen. „Da wird über Flächenfraß geschimpft“, sagte Eglseder, „aber manche vergessen dabei, dass sie selbst auf einer grünen Wiese ihr Haus gebaut haben“. 

Dieser Egoismus drohe den Zusammenhalt im Dorf zu vergiften. Das laufe unter dem Motto „Ich will was – und wenn andere auf der Strecke bleiben, ist mir das egal“.

Kein Verständnis habe er, wenn Stimmung gegen größere Gewerbebetriebe gemacht werde. „Sie tragen zum Wohlstand einer Gemeinde bei, bieten Arbeitsplätze, auch für Teilzeitkräfte.“ Aber das sei ja egal, „man hat ja seinen schönen Job in München“. Wachstum lasse sich in einem Ort nicht verhindern, „auch wenn es einem nicht schmeckt“.

Sachliche Argumente, klagte der Rathauschef, würden aus der Mode kommen. „Lieber läuft man Populisten und Gscheidhaferln hinterher“, ätzte Eglseder, „ehrliche Bürger werden für dumm verkauft.“ Er appellierte an die Otterfinger, dem Bürgermeister und Gemeinderat kritische Fragen zu stellen, „aber seien Sie kritisch auch gegenüber Dorftratsch.“

Eine durchaus kritische Frage stellten Manfried Doll vom AK Soziales und der Seniorenbeauftragte Joachim Tübcke. Sie erkundigten sich nach dem Senioren-Wohnprojekt, das vor zwei Jahren beschlossen worden war. „Wir werden öfter darauf angesprochen.“ 

Die Idee: Ein Investor baut und vermietet seniorengerechte Wohnungen, die Gemeinde stellt das Grundstück und bekommt Belegungsrecht. Zunächst seien zwei Standorte angedacht worden, sagte Eglseder. Ein gemeindliches Grundstücke am St. Georg-Platz sei zu klein, einen Entwurf auf der Thomawiese habe der Gemeinderat auf Eis gelegt.

Im Vorjahr schien sich ein Königsweg aufzutun. „Wir haben einen Bauträger, der neben dem Penny nicht nur ein Senioren-Wohnprojekt zu unseren Bedingungen bauen, sondern in den Bau auch einen Vollsortimenter-Supermarkt integrieren würde.“ Dass der Supermarkt mit bis zu 12 000 Quadratmetern Verkaufsfläche, darunter ein breiter Drogerie-Anteil, dort optimal platziert wäre, habe eine Studie belegt, die der Gemeinderat für 12 000 Euro in Auftrag gegeben hatte. Leider sei das Thema nur hinter verschlossenen Türen behandelt worden, beklagte Günter Schneider, Sprecher der Agenda 21 in einer Anfrage zum Thema Nahversorgung.

Eglseder konnte nicht weiterhelfen. Als Grundstücksnachbarn seien er selbst und Vize-Bürgermeisterin Ulrike Stockmeier von den Beratungen über die mögliche Ausweisung eines Sondergebiets neben dem Penny ausgeschlossen.

Im April 2017 habe dazu, ohne die beiden Bürgermeister, eine Gemeinderats-Klausur stattgefunden, die offenbar in eine Ablehnung des Projekts mündete. „Es wurde vom Gemeinderat jedenfalls nicht weiter betrieben“, stellte Eglseder fest.

Er selbst ließ durchblicken, dass er dieses kombinierte Supermarkt- und Seniorenprojekt als wichtigen Baustein für die Ortsentwicklung sieht. „Das könnte eine Art Otterfinger Marktplatz werden.“ Der Investor sei in der Region als zuverlässig bekannt. Die Mietpreise könne man bei acht bis zehn Euro festschreiben. „Und die Gemeinde könnte 20 Jahre lang vorschlagen, wer die Wohnungen bekommen soll.“

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