Neue Bedürfnisse

Pädagogischer Quatsch? Grundschulen planen WC für das dritte Geschlecht - das sagt ein Experte

Drei Gemeinden im Landkreis München wollen ihre Grundschulen mit eigenen Toiletten für das dritte Geschlecht ausstatten. „Das ist pädagogisch gesehen Quatsch“, sagt ein Experte für Gender Studies.

Taufkirchen – Das dritte Geschlecht macht Karriere – in der Grundschule. In Pullach will der Gemeinderat im Februar entscheiden, dass in der neuen Grund- und Mittelschule eine eigene Toilette für das dritte Geschlecht („divers“) eingeplant wird. In der Stadt Garching soll in Plänen für die neue Grundschule eine Unisex--Toilette – zusätzlich zu denen für Buben und Mädchen – nachgetragen werden. „Die Gesellschaft muss reagieren“, findet Bürgermeister Dietmar Gruchmann (SPD). Und in Taufkirchen, wo gerade eine neue Grundschule gebaut wird, sollen ebenfalls zusätzliche Toiletten für divers eingeschätzte Kinder Platz finden. Dies werde gerade mit dem Architektur-Büro abgeklärt, sagt der Bauamtsleiter, der dem „wohlwollend“ entgegensieht.

Gender-Experte hält Unisex-Toiletten für sinnvoller

Stefan Hirschauer, Lehrstuhl-Inhaber für soziologische Theorie und Gender Studies an der Universität Mainz.

Müssen tausende von Schul-Klos nun auf breiter Front nachgerüstet werden? Noch sind es Einzelfälle – und wenn es nach Stefan Hirschauer geht, sollte das auch so bleiben. Hirschauer ist Lehrstuhl-Inhaber für soziologische Theorie und Gender Studies an der Universität Mainz. Er war auch Gutachter für das Bundesverfassungsgericht, bevor dieses 2017 verfügte, dass in Personenstandsregistern eine Regelung für die Personengruppe „divers“ eingetragen wurde. Von eigenen Toiletten für das „dritte“ Geschlecht hält Hirschauer nichts. „Das ist pädagogisch gesehen Quatsch.“ Er spricht von einer „Toiletten-Segregation“. Die Entscheidung der Gemeinden halte er für eine „Überreaktion“ – „wahrscheinlich ist das gut gemeint, aber hier wird ein vermeintliches Problem dramatisiert und künstlich hochstilisiert.“ Bei Grundschülern sei das Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit der Geschlechter gar nicht so ausgeprägt, wie man gemeinhin vermute. Allenfalls „Doktorspielen“ in Grundschul-WCs müsse man vorbauen.

Doch eigentlich seien Unisex-Toiletten die Lösung – Toiletten also, die von allen Geschlechtern gemeinsam genutzt werden können. „Moderne Unternehmen handhaben das schon so“, sagt Hirschauer.

Noch fehlt es an baulichen Richtlinien für Unisex-Toiletten

Bei Unisex-Toiletten sind sowohl WC-Schüsseln als auch Urinale räumlich getrennt integriert. Die baulichen Standards variieren, denn noch sind Unisex-Toiletten in den herkömmlichen Richtlinien nicht definiert. Auch die in Bayern gültige Schulbau-Verordnung schweigt dazu. „Sie wurde zuletzt am 17. August 2012 geändert, da war das dritte Geschlecht noch kein Thema“, sagt Wilfred Schober vom Bayerischen Gemeindetag. Auch der Dachverband, der Deutsche Städte- und Gemeindebund, hat noch keine Handlungsempfehlung für seine Mitglieder parat. Das Thema sei noch zu neu, meint ein Sprecher.

Nach der Entscheidung des Bundestags kurz vor Weihnachten, in Personenstandsregistern die Möglichkeit zum Eintrag eines dritten Geschlechts („divers“) vorzusehen, dürfte das Thema nun aber an Fahrt zulegen, glaubt Schober. „Solange es keine staatlichen Vorgaben gibt, ist jede Gemeinde in der Entscheidung frei“, sagt er. „Wir vermuten, dass das künftig eher ein Thema für weiterführende Schulen sein dürfte.“

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