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Bei München: Panzermine mit den Händen geborgen - Spektakuläres Video zeigt lebensgefährliche Sprengung

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Von: Josef Ametsbichler

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Einen spektakulären Räum-Einsatz machte eine Weltkriegsmine in Grafing nötig. Ein Kampfmittel-Experte barg das gefährliche Teil mit den Händen und ohne Schutzausrüstung.

Grafing – Wie ein gut gefülltes Getränketablett balanciert Torsten Thienert die 5,45 Kilo schwere Weltkriegsmine vor sich in seinen behandschuhten Fingern. Zielstrebig marschiert der 48-Jährige über den Sandwall am Grafinger Melak-Weiher – in Pulli, Arbeitshose und dunkler Kappe. „Wenn’s passiert, passiert’s“ hat der Bomben-Entschärfer zuvor gesagt. Dann hilft keine Schutzmontur mehr, gegen einen Sprengkörper, der dafür gemacht ist, zig Tonnen schwere Panzer auseinanderzureißen.

Der gefährlichste Moment: Kampfmittel-Räumer Torsten Thienert trägt, flankiert von seinem Team, die Panzerabwehrmine händisch vom Fundort zum für die Sprengung vorgesehenen Sandbett.
Der gefährlichste Moment: Kampfmittel-Räumer Torsten Thienert trägt, flankiert von seinem Team, die Panzerabwehrmine händisch vom Fundort zum für die Sprengung vorgesehenen Sandbett. © Stefan Roßmann

Es geht alles gut. Die Panzerabwehrmine liegt nun in einem zwei Meter hoch aufgeschütteten Sandbett und wartet auf die Zündung durch eine Ladung von rund 100 Gramm Plastiksprengstoff. Nur zuschütten können sie die Spezialisten vom Sprengkommando München nicht – der Zünder könnte verfrüht auslösen, eine Katastrophe verursachen.

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Radio- und Fernsehsender berichten von der Kampfmittel-Sprengung in Grafing

Der Moment der Explosion - wie ein Mini-Atompilz steigen Rauch und Feuer gegen den Grafinger Himmel.
Der Moment der Explosion - wie ein Mini-Atompilz steigen Rauch und Feuer gegen den Grafinger Himmel. © Josef Ametsbichler

Rund um den Melak-Weiher ist es still. In 200 Metern haben Stadt und Freiwillige Feuerwehr sämtliche Häuser evakuiert. Eine Handvoll Hartnäckiger, die vom Dachfenster aus filmen wollen, muss die Polizei vertreiben. Dann ist nur noch Vogelzwitschern und das monotone Röhren einer Grundwasserpumpe zu hören, bevor der Sprengmeister schreit: „Drei! Zwo! Eins! Zündung!“

Der vorbereitete Sandbunker für die Sprengung.
Der vorbereitete Sandbunker für die Sprengung. Die Mine muss mit der Hand transportiert werden. © Stefan Roßmann

Radio- und Fernsehsender sind am Dienstag nach Grafing gekommen, um die gezielte Zerstörung des bisher gefährlichsten Fundes bei der Räumung des munitionsverseuchten Weihers mitten im Wohngebiet zu dokumentieren. Eine Panzerabwehrmine 42, aufgrund langer Jahrzehnte im Schlick unberechenbar, vielleicht gefährlicher als sie fabrikneu war. Wie viele solcher Teile Torsten Thienert schon durch die Gegend geschleppt hat, weiß er nicht. „Zählen bringt Unglück“, sagt er, während er an seiner Zigarette zieht. Kampfmittelräumer haben Nerven wie Panzerketten. Nur abergläubisch sind sie.

Panzermine am Melak-Weiher in Grafing gesprengt: Der Mann, der mit dem Tod spazieren geht

Kein Wunder, wenn man wortwörtlich mit dem Tod in der Hand spazieren geht. „Die Munition redet mit dir“, sagt Thienert, der den Job lange genug macht, dass er weiß, wovon er redet. Die Lage im Boden, der Zünder, die Tatsache, dass man in eine scharfe Bombe nicht hineinschauen kann. „Du weißt, was du darfst und was nicht“, sagt der 48-Jährige.

Dass er lebendig unter den Bäumen am ausgebaggerten Weiherufer steht, ist der Beweis dafür, dass er bisher immer Recht gehabt hat. Die Mine abzutransportieren: zu gefährlich. Sie am Fundort zu sprengen: zu gefährlich. Sie mit dem Bagger umzulagern: zu gefährlich. Also muss der Chef mit den Fingern ran. „Jetzt machen wir Spaß“, sagt er noch, bevor er die Umstehenden vom Hof scheucht.

Erleichterung nach der Sprengung: Torsten Thienert hat den lebensgefährlichen Einsatz gemeistert.
Erleichterung nach der Sprengung: Torsten Thienert hat den lebensgefährlichen Einsatz gemeistert. © Stefan Roßmann

Explosion kilometerweit zu hören - Luftraum über Grafing gesperrt

Die Druckwelle der Explosion fährt um exakt 11.35 Uhr den Feuerwehrlern, Polizisten, Medienvertretern und städtischen Angestellten, die sich hinterm Schützenheim verschanzt haben, wie ein Boxschlag durch die Glieder und in die Ohren. Kilometerweit ist der Knall zu hören, bis nach Moosach, Eglharting oder zum Forsthaus Hubertus, schreiben Leser auf Facebook. Der Sandkrater spuckt erst Feuer, dann schwarzen Rauch.

„Ein Zeichen, dass das TNT komplett umgesetzt hat“, wird Thienert danach sagen, zufrieden an seiner Kippe ziehend. Den Baum, der über dem Loch zerzaust es das Geäst, die Vögel rundum schrecken hörbar auf. Über Grafing ist der Luftraum bis einen Kilometer Höhe gesperrt. Fliegendes Gestein könnte eine Gefahr für Hubschrauber und Flugzeuge bedeuten.

Ausgehobene Dachpfannen nach der Sprengung an einem Haus am Melak-Weiher in Grafing.
Ausgehobene Dachpfannen nach der Sprengung an einem Haus am Melak-Weiher in Grafing. © Stefan Roßmann

Schäden an umliegenden Häusern: Dachpfannen, Fenster, Rollladenkasten

Vom Himmel fliegt nichts. Die Druckwelle hat einige Dachplatten eines Nachbarhauses ausgehoben. Die Feuerwehr zählt eine Handvoll zerborstener Fenster, kaputter Rollokästen. Eine Haustür hat es aus den Angeln gedrückt. Versicherungssache für die Stadt, die die Räumung beauftragt hat, so der Konsens vor Ort.

Wenig später, gegen Mittag, tasten sich einige Frauen mit Kinderwagen zurück in die Wohnsiedlung. Die Feuerwehr hebt die Evakuierung samt Straßensperren auf. Der Spuk ist vorbei – für heute zumindest. Und die Grafinger dürfen hoffen, dass das die letzte Überraschung aus der Melak war – der Abgang mit dem großen Knall.

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