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Antrag im Gemeinderat

„Delikater Wunsch“: Bewohner mit Handicap bitten Gemeinde um Bordell - Das sagt der Direktor

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Ein Bordell wird es in Peiting auch in Zukunft nicht geben.

Ein Antrag sorgte im Gemeinderat in Peiting kürzlich für Aufsehen: Einige Bewohner der Herzogsägmühle wünschten sich darin die Einrichtung eines Bordells - ein heikles Thema, über das wir jetzt mit dem Direktor der Einrichtung sprachen.

Peiting - Es war am Ende der jüngsten Peitinger Gemeinderatssitzung, als sich die Marktgemeinderätin Silvia Ruhfass-Bückle (Grüne) zu Wort meldete. Sie habe einen etwas „delikaten Wunsch“, der an sie von einigen Herzogsägmühler Männer an sie herangetragen worden sei, begann sie ihre Ausführungen und hatte damit sofort die Aufmerksamkeit des Gremiums für sich. Deren Anliegen sei es, ob die Gemeinde nicht in Peiting ein „Haus der freien Liebe“ einrichten könne, sagte Ruhfass-Bückle. Die Begründung: „Viele Herzogsägmühler finden keine Frau.“ Bei ihren Kollegen sorgte die Bitte für Schmunzeln. Es war schließlich Bürgermeister Michael Asam, der sich an einer objektiven Antwort versuchte. Leider könne die Marktgemeinde einen derartigen Wunsch nicht erfüllen, entgegnete der Rathauschef bedauernd. Für das horizontale Gewerbe gelten in Bayern strenge Regeln. In Gemeinden bis 30 000 Einwohner, worunter auch der Markt Peiting fällt, ist die Ausübung der Prostitution grundsätzlich verboten.

„Haus der freien Liebe“ - das sagt der Experte zum Thema

Mit ihrem übermittelten Wunsch nach einem „Haus der freien Liebe“ hat die Peitinger Gemeinderätin Silvia Ruhfass-Bückle in der jüngsten Gremiumssitzung wie gesagt für Aufsehen gesorgt. Wir unterhielten uns zum Thema mit Herzogsägmühl-Direktor Wilfried Knorr und sprachen über Sexualität von Menschen mit Handicap, die Herausforderungen, die sie mitbringt und warum ein Bordell keine Lösung wäre.

-Frau Ruhfass-Bückle hat im Peitinger Gemeinderat den Wunsch mehrerer junger Herzogsägmühler Männer mit Handicap nach einem „Haus der freien Liebe“ vorgetragen. Was sagen Sie dazu?

Wir kommentieren als Unternehmen grundsätzlich nicht die Stellungnahmen und Anträge frei gewählter Gemeinderäte.

-Die Bitte der Gemeinderätin, die selbst in den Herzogsägmühler Werkstätten arbeitet, hat einen ernsten Hintergrund, denn Sexualität von Menschen mit geistiger oder körperliche Behinderung ist ein sensibles Thema. Können Sie den Wunsch der jungen Männer, die sich schwer tun, eine Frau zu finden, verstehen?

Wilfried Knorr Direktor Herzogsägmühle

Selbstverständlich ist der Wunsch von Menschen mit Behinderung nach erfüllter Sexualität völlig nachvollziehbar. Das betrifft keineswegs nur Männer – auch Frauen suchen oft einen Partner, der mit ihrer Behinderung gut zurechtkommt. Und es gibt zudem viele Frauen und Männer ohne Behinderung, die sich schwer tun, einen Partner zu finden – insofern ist die Kopplung „Mensch mit Behinderung“ und „Haus der freien Liebe“ in sich nicht schlüssig.

-Das „Haus der freien Liebe“ in Peiting wird nicht kommen. Wäre ein Bordell Ihrer Meinung nach überhaupt eine Lösung für das angesprochene Problem?

Ob ein „Haus der freien Liebe“ ganz grundsätzlich eine gute Idee ist, weiß ich nicht – ohne Ausbeutung von Frauen und Vermarktung von Sexualität ist ein Bordell nicht leicht vorstellbar. Und die Bezeichnung „Haus der freien Liebe“ mit Bordell gleichzusetzen, mutet auch seltsam an – so frei ist das da gar nicht, weder für die bezahlenden Freier, noch für viele (nicht alle!) Frauen. Außerdem haben viele Menschen nicht einfach den Wunsch nach Sexualität, sondern nach Partnerschaft – und dieser tiefere, weiter reichende Wunsch ist mit einem Bordell überhaupt nicht zu erfüllen.

-Wie wird im Diakoniedorf mit dem Thema Sexualität von Menschen mit Handicap umgegangen?

Sexualität ist ein Grundbedürfnis jedes Menschen – und etwas Wunderschönes. Selbstverständlich hat auch in Herzogsägmühle jeder Mensch grundsätzlich das Recht auf erfüllte Sexualität, sofern das selbstbestimmt ist und niemanden schädigt. Allerdings wissen wir auch um die Verantwortung, die mit Sexualität einhergeht – das betrifft Formen des Missbrauchs, der Abhängigkeit und das gesamte Thema der Verhütung. Auch hier gilt: Behinderung stellt nur weiter gehende Herausforderungen an die begleitenden Pädagogen, etwa was Verhütung angeht – denn wir wissen alle, dass es ungewollte Schwangerschaften genauso auch bei Menschen ohne Behinderung gibt.

-Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung bedeutet, selber zu wählen, wie und mit wem Sexualität gelebt wird. Die Realisierung dieses Anspruchs ist für viele Menschen mit Behinderung aber nicht so selbstverständlich wie für Menschen ohne Behinderung. Zu welchen Problemen führt das für die Betroffenen?

Die Frage impliziert, dass es für alle Menschen ohne Behinderung ganz leicht wäre, zu bestimmen, mit wem und wie Sexualität gelebt wird. Das ist aber nicht der Fall! Menschen mit Behinderung finden unter Menschen mit Behinderung nicht leichter und nicht schwerer einen Menschen, den sie lieb haben. Was erschwert ist, ist die Verantwortungsübernahme, die mit Sexualität einhergeht. Da sind zum Beispiel die Themen Bindungsfähigkeit, Einfühlungsvermögen – mag die oder der andere das, was ich mag? – , Verhütung, Gleichberechtigung berührt. Daraus resultieren die Herausforderungen der begleitenden Fachkräfte. Zudem haben oft Eltern und Verwandte der Menschen mit Behinderungen Schwierigkeiten, die sexuellen Bedürfnisse und Betätigungen anzuerkennen und zu unterstützen.

-Wo liegen die Unterschiede zwischen Menschen mit einer geistigen oder einer körperlichen Behinderung, was die Fragen der Sexualität angeht?

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten – weil „die Menschen mit einer körperlichen Behinderung“ genauso wenig eine homogene Gruppe darstellen wie „die Menschen mit einer geistigen Behinderung“ – alle Menschen sind höchst unterschiedliche Individuen! Denken Sie an einen Menschen, der bei einem Unfall seinen linken Arm verloren hat – der ist genauso „körperbehindert“ wie ein Querschnittgelähmter. Ein spastisch Gelähmter wiederum hat ganz andere Voraussetzungen, Ressourcen und Einschränkungen wie ein Mensch mit ALS. Ganz grundsätzlich ist eine Einschränkung der intellektuellen Leistungsfähigkeit von großer Bedeutung bei den Fragen, die ich vorher bereits angeführt habe – Menschen mit körperlichen Einschränkungen können dagegen vor allem im Vollzug sexueller Handlungen sich als begrenzt erleben. Bei Menschen mit geistiger Behinderung sind oft Kommunikationsmöglichkeiten eingeschränkt; es ist für die Umwelt oft nicht leicht, sexuelle Bedürfnisse zu erkennen und auf diese adäquat einzugehen.

-Welche Hilfemöglichkeiten gibt es (Stichwort Sexualbegleiter)? Arbeitet man in Herzogsägmühle mit Sexualbegleitern zusammen? Wie sind die Erfahrungen?

Umfangreiche Erfahrungen mit Sexualbegleitern liegen hier nicht vor. Es gibt in Einzelfällen Fahrten mit Hilfeberechtigten zu Etablissements, die sexuelle Dienstleistungen auch für Menschen mit Behinderung anbieten. Natürlich leben Menschen mit Behinderung wie sogenannte Nicht-Behinderte sexuelle Bedürfnisse auch mittels Selbstbefriedigung und Konsum von Pornografie aus. Und manche Menschen können ihre sexuellen Bedürfnisse nicht ausleben. Auch das gehört zur Realität.

-Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung schließt das Recht auf Schutz vor sexuellem Missbrauch ein. Immer noch gehen Kriminologen davon aus, dass die Zahl sexueller Übergriffe bei behinderten Menschen höher ist als bei nicht behinderten. Ein Problem, das Sie bestätigen können?

Die wissenschaftlichen Studien, die es gibt, belegen ein erhöhtes Risiko für Menschen mit Behinderung, Opfer von Übergriffen zu werden – und zwar sowohl innerhalb, als auch außerhalb von Einrichtungen. Es ist deshalb für unser Konzept von besonderer Bedeutung, dass es für diese Menschen besondere Schutz- und Präventionskonzepte gibt. Obschon Übergriffe nur sehr selten vorkommen, muss jeder Fall zum Anlass genommen werden, bestehende Strukturen – auch mit externen Experten – zu hinterfragen und bestehende Schutzkonzepte zu überprüfen, um alles Mögliche zu tun, um Übergriffe bestmöglich zu verhindern. Ein Restrisiko im Sinne eines allgemeinen Lebensrisikos verbleibt aber leider immer.

Interview: Christoph Peters

Das ZDF hat in seiner Reihe „37 Grad“ über eine Sexualbegleiterin berichtet. Zum Beitrag in der Mediathek geht es hier.

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