„Darf nicht passieren“

Pendler-Frust nach Weichenpannen: Wie aus der S3 plötzlich eine S4 wurde

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Fahrgäste der S-Bahn-Linien haben immer wieder kuriose Erlebnisse.

Verspätungen und Zugausfälle sind bei der S-Bahn an der Tagesordnung. Manchmal wird es aber auch absurd – etwa wenn sich ein Zug wie von Zauberhand in eine Bahn einer andere Linie verwandelt.

Fürstenfeldbruck – Wenn Jenny Boshold mit der S-Bahn auf dem Heimweg ist, sitzt Mama Ute daheim in Olching vor dem Telefon. Oft dauert es nicht lang, bis es klingelt. Dann beginnt die frustrierende Routine: Die 20-Jährige erklärt ihrer Mutter, wo und warum sie mit der S-Bahn mal wieder nicht weiterkommt. Die Mama klemmt sich dann hinters Steuer und sammelt die gestrandete Tochter auf. „Abholen ist momentan mein Zweitjob“, sagt Ute Boshold und lacht – Galgenhumor.

Vergangene Woche war es mal wieder so weit. Doch der Grund, warum die Mutter diesmal spätabends den gemütlichen Fernsehsessel mit dem Fahrersitz im Auto tauschen musste, sorgt bei dem leidgeprüften Duo noch immer für Kopfschütteln.

Jenny Boshold stieg in München-Pasing in die S 3. Die fuhr sogar pünktlich um 22.49 Uhr ab. Lange währte die Freude darüber aber nicht. Der Zug stoppte auf freier Strecke. Gespannt warteten die Fahrgäste, warum es diesmal wieder stockt. Dann meldete sich der konsternierte Zugführer: „Jemand“ habe den Zug für eine S 4 gehalten und irrtümlich auf die Reise nach Geltendorf geschickt. Kurz darauf die nächste Durchsage: Man bleibe jetzt eine S 4. Wer Richtung Mammendorf wolle – und das waren wohl alle im Zug – müsse an der Leienfelsstraße aussteigen und mit der nächsten Bahn zurück nach Pasing.

Wartende wischen sich verwundert die Augen

Jenny und Ute Boshold

Die angehende Tanzlehrerin griff zum Telefon – und blieb in der Bahn sitzen. Ihre Mama holte sie schließlich in Eichenau ab – mit zwei Schicksalsgenossen, die auch nach Olching mussten.

Kurioses erlebte auch Klaus Hackbart aus Fürstenfeldbruck. Am Brucker Bahnhof wartete er auf die S 4 nach München. Zuerst krächzte eine Durchsage aus den Lautsprechern: „Vorsicht am Gleis 3, ein Zug fährt durch.“ Hackbart blickte nach Westen und sah eine S-Bahn kommen. „Soll meine Fahrt doch planmäßig verlaufen“, denkt er sich. Sie soll nicht.

Als die Bahn in den Bahnhof rumpelt, wischen sich die Wartenden verwundert die Augen. Über eine Weiche schlängelt sich der Zug auf Gleis 4 und bleibt brav stehen. Das Problem: Einen Bahnsteig gibt es dort nicht. Hilflos blicken die Fahrgäste aus dem Zug – in die ebenso verwunderten Gesichter der Fahrgäste am Bahnsteig. Die einen können nicht raus, die anderen nicht rein.

Keine Gefahr einer Kollision

Immerhin: Die Ansage mit dem durchfahrenden Zug hatte gestimmt. Mit Karacho donnert kurz darauf ein Regional-Express durch den Bahnhof – auf Gleis 3, wo eigentlich die S-Bahn hätte halten sollen. Die setzt sich übrigens planmäßig in Bewegung. Ohne Hackbart und die anderen Menschen am Bahnsteig.

Zwei fehlgeleitete S-Bahnen innerhalb einer Woche. Da ist sogar der S-Bahnsprecher überrascht – und der ist schließlich einiges gewohnt. „Das darf nicht passieren“, sagt er. In beiden Fällen habe der Fahrdienstleiter einen Fehler gemacht. In Bruck hätte es nämlich genau anders herum laufen sollen: Der Express auf Gleis 4, die S-Bahn auf Gleis 3. Gleiches gilt für die fehlgeleitete S 3 ab Pasing. Dort sei der Fehler aber nicht mehr nachzuvollziehen.

Gefährlich sei das Ganze nicht. Auch wenn Züge falsch geleitet würden, gebe das automatische Kontrollsystem den betreffenden Abschnitt nicht mehr für andere Züge frei. Die Gefahr einer Kollision habe nie bestanden.

Strafzettel wegen angeblichen Schwarzfahrens

Anette Zietsch

Über die S-Bahn geärgert hat sich auch Anette Zietsch. Schwarzfahren käme der Allingerin nie in den Sinn. Und doch hält die 71-Jährige einen Strafzettel in der Hand. 60 Euro soll sie zahlen. Weil sie ohne gültigen Fahrschein mit der S-Bahn unterwegs war. Das sei versehentlich passiert, sagt die Seniorin. Doch Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Diesen juristischen Grundsatz bekam die Allingerin zu spüren, als sie mit der S-Bahn nach München wollte. Oft macht sie das nicht. Deshalb hatte sie auch noch eine Streifenkarte aus dem vergangenen Jahr. Das Problem: Mit dem Fahrplanwechsel im Dezember sind auch die Preise wieder angestiegen. 

Zuvor gekaufte Karten gelten ab dem Wechsel nur noch drei Monate. Es kam, wie es kommen musste: Beim Germeringer Bahnhof Harthaus wollten Kontrolleure die Karte der Rentnerin sehen. Gnade kannten sie keine. Die Streifenkarte war verfallen. Anette Zietsch hatte keinen gültigen Fahrschein – macht 60 Euro. „Das ist schon hart. Ich muss jetzt 60 Euro zahlen, weil die Fahrt zehn Cent teurer geworden ist. Das steht doch in keinem Verhältnis“, sagt Anette Zietsch. Beim MVV kann man den Ärger verstehen. Die Kontrolleure hätten jedoch richtig gehandelt, sagt Sprecherin Beate Brennauer. Sie hätten keinen Spielraum. Brennauer weist darauf hin, dass nicht genutzte Fahrkarten gegen eine Bearbeitungsgebühr von zwei Euro beim MVV zurückgegeben werden können.

Lesen Sie auch: Keine andere Möglichkeit: So wurden Gilchinger ungewollt zu Schwarzfahrern (merkur.de).

Tobias Gehre

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