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„So war es noch nie“: Bäckereien geht das Personal aus - Filialen müssen früher schließen

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Von: Stefan Reich

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Die Folgen des Personalmangels: Manche Filialen schließen derzeit früher, so auch die Kaffeemühle in Starnberg. Das machen Saskia Dietrich (l.) und Anna Savvidou mit Tafeln bekannt.
Die Folgen des Personalmangels: Manche Filialen schließen derzeit früher, so auch die Kaffeemühle in Starnberg. Das machen Saskia Dietrich (l.) und Anna Savvidou mit Tafeln bekannt. © Andrea Jakschs

Immer wieder stehen Kunden derzeit beim Bäcker vor geschlossenen Türen. Vor allem wegen Corona müssen Betriebe einige Filialen kurzfristig schließen. Unter Personalmangel leiden sie aber dauerhaft.

Landkreis – Telefoniert man dieser Tage mit Anton Lidl, muss man mit Unterbrechungen rechnen. Der Inhaber der gleichnamigen Bäckereikette mit Hauptsitz in Berg muss zwischendrin Personalfragen klären. Haben wir heute genug Verkäuferinnen? Müssen wir wieder eine Filiale am Nachmittag zusperren?

Coronafälle sorgen für Engpässe, sagt Lidl, ruft dann kurz in der Filiale an der Starnberger Maximilianstraße an. „Hier können wir heute den ganzen Tag auflassen“, berichtet er erleichtert. 110 Verkäuferinnen beschäftigt er für seine 14 Filialen, 25 sind gerade im Urlaub. „Und ich denke, 15 müssen danach mit positivem Coronatest erstmal zu Hause bleiben.“

Bäcker müssen Filialen zeitweise schließen - mehrere Gründe

Auch Julian Kasprowicz muss derzeit einige seiner 20 Bäckereifilialen im Landkreis Starnberg und Umgebung zeitweise schließen. „Und das, obwohl viele unserer Leute länger bleiben oder mehr Schichten übernehmen“, sagt Kasprowicz. „Gerade treffen eine Krankheitswelle, die Urlaubszeit und ein Klima, das günstig für wechselwillige Mitarbeiter ist, auf eine ohnehin dünne Personaldecke.“ Dass es im Sommer eng werde, kenne man. „Aber so war es noch nie.“

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Chronischen Personalmangel sieht Kasprowicz seit ein paar Jahren. „Wir haben dann zu Beginn der Corona-Pandemie erwartet, dass Leute aus der Gastronomie kommen. Aber das passierte nicht.“ Stattdessen sieht er Mitarbeiter in andere Berufe abwandern, die etwa Erzieherin werden. „Einige jüngere gehen in den Lebensmitteleinzelhandel. Es gibt da mehr Aufstiegschancen.“

Optionen zum Gegensteuern sieht er kaum. „Beim Gehalt ist nicht viel Luft. Ich würde gerne mehr in Mitarbeiter investieren, muss aber jetzt deutlich mehr für Material und Energie bezahlen.“ Es bleibe langfristig nur, Druck für das Personal rauszunehmen, sprich Arbeits- und damit Öffnungszeiten anzupassen. „Die Leute werden sich daran gewöhnen müssen, dass der Bäcker oder Metzger nicht mehr so lange auf hat. Auch die großen Lebensmittelketten werden da irgendwann umdenken müssen“, glaubt Kasprowicz.

Lebenshaltungskosten der Region könne Problem für Personalmangel sein

Dem Personal entgegenzukommen, hält Peter Sickinger für unerlässlich. Er unterhält im Würmtal sieben Bäckereifilialen. Von Corona-Fällen sei man weitgehend verschont geblieben, sagt er. Aber auch so liege die Personalstärke zwischen 15 und 25 Prozent „unter dem Ideal“.

Ein Problem sieht er in den Lebenshaltungskosten der Region. Entgegensetzen kann er nur ein gutes Arbeitsklima. „Wir wollen das Modell Familienbetrieb konsequent leben“, sagt er. Das beginne mit Rücksicht auf Arbeitszeit- und Urlaubswünsche und gehe bis zur Unterstützung bei der Wohnungssuche. „Gerade konnten wir auch helfen, einen Kita-Platz zu finden“, sagt Sickinger. „Aber alles hilft nicht, wenn ich Leute gar nicht zum Bewerbungsgespräch bekomme.“ Man habe auch auf professionellen Jobportalen geworben, für viel Geld, aber ohne Erfolg.

Bäckereien schließen: „Und bei fast 40 Grad will man lieber ein Eis als einen Zwetschgendatschi“

Einige Filialen schließt auch Sickinger derzeit nachmittags, aber nur, weil sich der Betrieb stellenweise gerade nicht rechne. „Im Würmtal sind jetzt alle im Urlaub. Und bei fast 40 Grad will man auch lieber ein Eis als einen Zwetschgendatschi“.

Mitarbeiter zu halten, ist auch für Peter Otto Kernaufgabe. Er ist der Chef der Bäckerei Krümel und Korn in Münsing, die auch in Berg eine Verkaufstelle hat. „Denn wir finden kaum neues Personal“, sagt er. Die meisten Mitarbeiter habe er vom Vorgänger übernommen und seitdem zum Glück halten können. Sein Rezept: flache Hierarchien und Wertschätzung. Im Moment ist es trotzdem eng, wegen Corona. In der Produktion arbeite man gerade mit halber Personalstärke.

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