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Abschiebung der Familie Esiovwa: „Die wurden einfach aus ihrem Leben gerissen“ ‒ Schüler starten Petition

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Von: Verena Möckl

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Mit einer Petition wollen Lehrerin Barbara Lauterbach, Stefanies Klassenkamerad Schamon Dawood, Oliver Burzawa, Shpetim Balaj und Emma Grasser von der SMV der Mittelschule Karlsfeld Stefanie Esiovwa und ihre Familie zurückholen.
Mit einer Petition wollen Lehrerin Barbara Lauterbach, Stefanies Klassenkamerad Schamon Dawood, Oliver Burzawa, Shpetim Balaj und Emma Grasser (von links) von der SMV der Mittelschule Karlsfeld Stefanie Esiovwa und ihre Familie zurückholen.  © vm

In der Mittelschule Karlsfeld formiert sich Widerstand. Sie wollen es nicht hinnehmen, dass ihre Mitschülerin Stefanie Esiovwa im Sommer nach Nigeria abgeschoben wurde.

Karlsfeld – Der Platz von Stefanie Esiovwa im Klassenzimmer der Mittelschule Karlsfeld ist leer. Seit fast einem halben Jahr. Solange ist es her, dass die Elfjährige in einer Nacht- und Nebelaktion mit ihrem Vater Nicolas, ihrer Mutter Faith Ilhobe und ihren Geschwistern Claudia (6) und Gabriel (10) nach Nigeria abgeschoben wurde.

Nach Abschiebung der Familie Esiovwa: Schüler fordern Rückkehr

„Das kann man doch nicht machen“, sagt Emma Grasser. Die 14-Jährige ist in der Schülermitverantwortung (SMV) der Mittelschule Karlsfeld. Sie und ihre Mitschüler wollen die Abschiebung der Familie Esiovwa nicht hinnehmen. „Alle Freunde haben seelisch mitgelitten. Sie wussten eine Woche lang nicht, wo Stefanie ist. Dann haben sie erfahren, dass die Familie am anderen Ende der Welt ist.“ In der Mittelschule Karlsfeld wird der Widerstand lauter. Die SMV startet heute eine Petition.

Darin bittet die SMV den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann und den Dachauer Landrat Stefan Löwl, die Familie Esiovwa zurückzuholen. Konkret geht es um ein humanitäres Visum und die rechtliche Prüfung der Abschiebung.

„Die wurden einfach aus ihrem Leben gerissen“

„Ich finde es dämlich, zu sagen, Menschen müssen in ihre ,Heimat’, nur weil sie eine bestimmte Hautfarbe haben“, sagt Emma Grasser. „Die Kinder sprechen fließend deutsch, leben hier seit Jahren. Da kann man doch nicht sagen, sie sollen wohin gehen, wo sie noch nie zuvor waren. Die wurden einfach aus ihrem Leben gerissen.“

Die SMV Karlsfeld ist nicht alleine mit ihrer Meinung. Einer der ersten Unterzeichner der Petition ist Michael Schrodi. Der SPD-Bundestagsabgeordnete wendete sich am Dienstagnachmittag mit einer Videobotschaft an die SMV Karlsfeld, in der er die Schüler in ihrem Vorhaben bestärkte.

Protest soll größer werden: Nach Unterschriftenliste gibt es jetzt eine Petition

Bereits beim Sommerfest sammelten Schüler Unterschriften für die Rückkehr von Stefanie und ihrer Familie. 200 Stück kamen damals zusammen. Mehr als Symbolcharakter hatte die Aktion allerdings nicht. „Das waren einfach zu wenig Stimmen“, sagt Barbara Lauterbach, Leiterin der SMV an der Mittelschule Karlsfeld.

Nun soll der Protest größer werden. Emma Grasser hat gemeinsam mit ihren Mitschülern Schamon Dawood, Oliver Burzawa und Shpetim Balaj an der Petition gearbeitet. Auch der Karlsfelder Jugendrat unterstützt die Petition. „Die Leute sollen darüber nachdenken: Boah, da ist auf einmal jemand weg, der hier auf die Schule gegangen ist!“

Stefanie Esiovwa und ihre Geschwister besuchen seit Kurzen eine neue Schule im Niger-Delta. Anfangs waren die Kinder fröhlich, dass sie endlich wieder in die Schule gehen dürfen, berichtet Julie Richardson vom Kinderschutz München den Schülern der SMV. Die Kinderpsychologin hat Gabriel Esiovwa betreut und steht mit der Familie nach der Abschiebung stets in Kontakt. Laut Richardson hielt die Freude über die neue Schule in Nigeria aber nicht lange. „Sie fühlen sich nicht wohl, haben teilweise sogar Angst, in die neue Schule zu gehen, seit sie beobachtet haben, wie Lehrer andere Schüler schlagen.“

Angst vor der neuen Schule in Nigeria haben Stefanie, Claudia und Gabriel Esiovwa (v. l.). Auch ihren Eltern geht es nicht gut.
Angst vor der neuen Schule in Nigeria haben Stefanie, Claudia und Gabriel Esiovwa (v. l.). Auch ihren Eltern geht es nicht gut.  © Privat

Auch um den Vater und die Mutter macht sich Richardson Sorgen. Nicolas Esiovwa muss seine Kinder jeden Tag zu Fuß in die Schule bringen, denn der Schulweg ist gefährlich. Das Problem: Die Beine des Familienvaters sind wegen seiner Autoimmunkrankheit stark angeschwollen. Medikamente und ärztliche Kontrolle wie in Deutschland bekommt er in Nigeria nicht. „Es macht mir die größten Sorgen, dass den Eltern was zustößt und die Kinder dann auf sich alleine gestellt sind“, sagt Richardson, die die Petition der SMV unterstützt.

„Es ist eine Unverschämtheit und eine Frechheit, was man von diesen anständigen Leuten verlangt“, sagt sie. Seit Monaten kämpfen sie und der Kinderschutz München mit Helferkreisen und der Seebrücke Dachau dafür, die Familie wieder nach Karlsfeld zu holen.

Jugendschützerin ist sich sicher: „Da wurde ein Fehler gemacht“

Der Ton gegenüber den Verantwortlichen für die Abschiebung wird bei Richardson derweil rauer. Sie habe keinen Respekt mehr vor solchen Leuten, sagte sie am Dienstag zu den Schülern der SMV in Karlsfeld. „Da wurde ein Fehler gemacht.“ Sie erwarte, dass dieser Fehler so schnell wie möglich rückgängig gemacht wird. Damit Stefanies Platz nicht länger leer bleibt.

Die Petition ist unter dem Link https://www.openpetition.de/petition/online/holt-stefanie-zurueck abrufbar. Auch Stimmen von Kindern und Jugendlichen zählen. Wer für die Familie spenden, möchte kann dies unter: www.betterplace.org/de/projects/111557-familie-e-aus-karlsfeld-soll-wiederkommen.

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