„Da stimmt was am System nicht“

Pflege zu teuer: Pensionär holt seine Frau wieder nach Hause

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Zärtlich nimmt Werner G. seine Irmgard in den Arm.

Inning am Ammersee - Weil das Heim für seine pflegebedürftige Ehefrau einfach zu teuer wurde, holte Werner G. seine Irmgard wieder nach Hause. „Da stimmt was am System nicht“, klagt er.

Liebevoll nimmt Werner G. seinen Schatz bei der Hand. Die Jukebox im Hintergrund spielt gerade ein Lied von Elvis Presley. Ehefrau Irmgard (79) lächelt und beginnt, sich vorsichtig zu bewegen. „Wir zwei waren früher recht gute Rock’n’Roll-Tänzer“, erzählt der 77-Jährige aus Inning am Ammersee. Früher – das war vor der Erkrankung. Seit einigen Jahren leidet Irmgard an einer schweren Demenz. Sie kann kaum mehr sprechen, muss versorgt werden. „Ich hatte sie daher auch ein Jahr lang in einem Pflegeheim“, sagt der Pensionär. Aber damit ist jetzt Schluss: Vor zwei Wochen holte er seinen Schatz wieder heim. Warum? „Weil uns die Kosten ruiniert hätten. Wer soll sich das noch leisten können?“

Die Deutschen werden älter – und das kostet. Knapp 340.000 Menschen in Bayern sind derzeit pflegebedürftig. Tendenz steigend. Zwei Drittel von ihnen werden zu Hause versorgt – von Angehörigen, zusammen mit ambulanten Diensten. Der Rest lebt im Heim. Die Pflegekasse übernimmt einen Teil der Kosten (abhängig vom Pflegegrad, siehe Tabelle unten). Studien zeigen, dass betroffene Selbstzahler jährlich im Schnitt rund 23.000 Euro an Betreuungskosten selbst begleichen müssen.

Werner und seine Irmgard im Urlaub in den 60ern. Später arbeitete der Bayer dann bei der Münchner Berufsfeuerwehr.

Welche Probleme das aufwirft, zeigt der Fall von Irmgard und Werner G. nur allzu deutlich. Eigentlich kann sich der der ehemalige Münchner Berufsfeuerwehrmann nämlich über eine schöne Pension bzw. Rente freuen. „Zusammen haben meine Frau und ich 2380 Euro im Monat zur Verfügung“, rechnet der Inninger vor. Er weiß, dass viele Menschen weitaus weniger im Geldbeutel haben. Die Ausgaben für das Pflegeheim in Herrsching lagen bei monatlich gut 3400 Euro. Eigentlich kein überteuertes Haus. Nach Abzug des Zuschusses vom Staat für die damalige Pflegestufe II seiner Gattin (1298 Euro) musste Werner G. jeden Monat somit 2135,80 Euro überweisen. „Das war fast die ganze Rente. Um überhaupt leben zu können, schrumpfte unser Erspartes immer mehr zusammen.“ Und das auch noch für eine Leistung, mit der er gar nicht zufrieden war. „Meine Frau wurde dort zusammen mit zwölf anderen Patienten von einer Kraft versorgt“, sagt Werner G. An den Wochenenden war die Station generell unterbesetzt. „Dem Personal mache ich keinen Vorwurf. Da stimmt was am System nicht.“

Fakt ist: Sparte man früher noch fürs Austragshäuserl, spart man heute für die professionelle Pflege. Die Lebenserwartung hat sich in den letzten hundert Jahren verdoppelt. Wer heute 60 Jahre alt ist, hat als Frau noch gut 20 Jahre vor sich. Als Mann immerhin noch 17. Und das bringt manchen Branchen viel Geld : Allein die privaten Träger im Pflegebereich machten letztes Jahr einen Jahresumsatz von rund 13 Milliarden Euro in Deutschland.

Wer im Alter Vermögen hat, muss sich klar sein: Das geht in die Pflege der eigenen Person – oder des Ehepartners. Wer nicht genug Rente bekommt, um für die Differenz zu zahlen – bei dem springt der Bezirk ein und übernimmt den Rest.

Seit 1962 sind sie verheiratet.

Werner G. pflegt seine Irmgard nun jedenfalls wieder selber. Damit er Einkäufe erledigen kann, auch mal einen Moment für sich hat, hat er eine Tagespflege organisiert. Da ist seine Frau dann jeden Tag für ein paar Stunden untergebracht. „Aber sonst kümmere ich mich um sie.“ Froh ist Werner, dass sich seine Irmgard noch bewegen kann. „Zum Glück ist sie noch nicht bettlägrig.“ Er weiß, dass es dann noch schwieriger wird, sie zu pflegen. „Aber irgendwie schaffen wir das schon.“ Dann nimmt er seinen Schatz wieder an die Hand und tanzt mit ihr. Ganz vorsichtig.

So viel zahlt die Pflegekasse

Wer viel Geld hat, bekommt nur das Allerbeste. Dieser Satz gilt auch für die Pflege. In einem „normalen“ Heim in München kostet die Versorgung eines Pflegebedürftigen mit „schwersten Einschränkungen“ (also somit bettlägrig) zwischen 3600 und 4000 Euro. Aber es gibt keine Grenze nach oben: So gibt es auch private Anbieter, in deren Einrichtung ein Platz mit bis zu 9000 Euro monatlich zu Buche schlägt. Hier kümmern sich natürlich mehr Pflegekräfte um weniger Patienten. Wichtig: Der Zuschuss der Pflegeversicherung bleibt natürlich immer gleich.

Seit diesem Jahr wird in Pflegegraden unterteilt (siehe Tabelle unten). Wer also mit dem höchsten Pflegegrad in einem Heim untergebracht ist, bekommt 2005 Euro der Kosten bezahlt. Wer hingegen daheim vom ambulanten Dienst gepflegt wird, 1995 Euro. Am günstigsten kommt die Kasse weg, wenn sich Angehörige alleine um ihren schwerkranken Liebsten kümmern. Dann zahlt die Kasse „nur“ einen monatlichen Zuschuss von 901 Euro – die „Geldleistung ambulant“. Neu ist der „Entlastungsbetrag“ von 125 Euro. Er kann beispielsweise zur (Ko-)Finanzierung einer teilstationären Tages- oder Nachtpflege genutzt werden.

Pflegegrad

Geldleistung ambulant

Sachleistung ambulant

Entlastungsbetrag ambulant

Leistungsbetrag vollstationär

PG 1

------------------

------------------

125 Euro

125 Euro

PG 2t

316 Euro

689 Euro

125 Euro

770 Euro

PG 3

545 Euro

1298 Euro

125 Euro

1262 Euro

PG 4

728 Euro

1612 Euro

125 Euro

1775 Euro

PG 5

901 Euro

1995 Euro

125 Euro

2005 Euro

Armin Geier

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