Skandalöse Zustände in Fürstenfeldbruck

BRK-Heim: In zehn Wochen nur einmal geduscht worden

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Im Pflegeheim in Fürstenfeldbruck-Buchenau stehen 121 Pflegeappartements zur Verfügung.

Fürstenfeldbruck - Monatelang keine Dusche, falsche Medikamente, nur eine frische Windel pro Tag: In einem nagelneuen Altenheim in Fürstenfeldbruck herrschen offenbar skandalöse Zustände.

Zwei Sonnenterrassen, einen Sinnesgarten, ein modernes Farbenkonzept, das Demenz-Patienten bei der Orientierung hilft – das Seniorenwohnen Buchenau bei Fürstenfeldbruck hat viele Extravaganzen. Die Einrichtung des Bayerischen Roten Kreuzes ist praktisch neu, vor vier Monaten erst wurde sie eröffnet. „Alles hier ist picobello“, freute sich eine der ersten Bewohnerinnen Anfang März. Doch seither hat sich viel verändert: Pflegekräfte, ehemalige Angestellte aber auch Angehörige berichten von chaotischen Zuständen und groben Managementfehlern – die zum Teil gesundheitsgefährdend sind.

Auch beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) sind Beschwerden eingegangen – „da waren Dinge dabei, die schon sehr gehaltvoll waren“, sagte Heike Franzen-Krapoth. Der MDK kontrollierte das Heim am vergangenen Donnerstag. Die Ergebnisse des unangekündigten Besuchs werden in einem bislang geheimen Prüfbericht zusammengefasst. Ohne Details zu nennen, bestätigte der MDK, dass sich einige der kursierenden Vorwürfe bestätigt haben.

Knackpunkt ist offenbar der akute Personalmangel in dem Heim. Zahlreiche Pflegekräfte haben bereits nach kurzer Zeit wieder gekündigt, das Seniorenwohnen arbeitet inzwischen mit einigen – ungelernten und kaum eingelernten – Zeitarbeitskräften. Dass zwei Pflegekräfte für knapp 60 Senioren zuständig sind, ist keine Seltenheit. Das wirkt sich auf die Qualität der Pflege aus – denn die Heimleitung nimmt ungeachtet des Personalmangels weiter Neuzugänge auf.

Wie mehrere Zeugen unserer Zeitung berichten, warten diese zum Teil wochenlang auf eine Einordnung in Pflegestufen und folglich auch auf eine entsprechende Behandlung. Eine gehbehinderte Seniorin, die im Rollstuhl sitzt, sei in zweieinhalb Monaten nur ein Mal geduscht worden, andere seit Anfang März überhaupt nicht – in den Dokumentationsbögen hätten die Pflegekräfte die Leistungen aber trotzdem abhaken müssen. Andere Senioren hätten seit ihrem Einzug vor Monaten noch kein einziges Mal ihr Bett verlassen, manche Hilfsbedürftige würden 14 Tage dieselbe Kleidung tragen. Auch kein Einzelfall: Heimbewohner würden vom frühen Abend bis zum nächsten späten Vormittag nicht versorgt – zum Teil bekämen sie erst um 11 Uhr und später Frühstück, etwas zu trinken und eine frische Windel. Oft fehlten auf den Stationen Medikamente, weil die Bestellungen nicht rechtzeitig aufgegeben wurden. Auch falsche Medizin werde verabreicht, weil der Überblick fehle: Einem Senioren wurden Augentropfen gegeben, obwohl er gar keine braucht. Statt eines Herz-Medikaments wurde ihm beinahe eine Diabetes-Spritze gegeben – ein anderer Heimbewohner intervenierte rechtzeitig. Die Palliativpflege für eine Seniorin, die im Sterben lag, sei mehrmals vergessen worden.

Einige Angehörige überlegen bereits, ihre Verwandten aus dem Heim zu nehmen – doch es gibt auch Bewohner, um die sich niemand kümmert: „Es schaut schlecht aus für die, zu denen die Angehörigen nicht täglich kommen und die ihre Wünsche nicht äußern können“, sagt eine Pflegekraft. Obwohl einige engagierte Mitarbeiter mehrfach Alarm geschlagen haben, ändert sich offenbar nichts. Nach dem Kontrollbesuch durch den MDK habe der Heimleiter nur gut gelaunt gesagt: „Wir nehmen weiter Bewohner auf. Wenn wir damit fertig sind, legen wir uns selbst einen Aufnahme-Stopp auf.“

Die Heimaufsicht im Landratsamt weiß bereits von den Vorwürfen. „Wir warten den MDK-Bericht ab und prüfen gegebenenfalls ordnungsrechtliche Schritte“, sagte eine Sprecherin. In der Theorie wären das etwa ein Aufnahmestopp oder Auflagen zur Personalsituation.

BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk zeigte sich betroffen von den Vorwürfen. Er bestätigte nach interner Recherche die kritische Personalsituation: Derzeit seien 61 Bewohner im Heim. Theoretisch erfülle man mit 19 Vollzeitkräften (9 Fachkräfte, 10 Helfer) den Pflegeschlüssel – durch Krankheit, Kündigungen und Fortbildungen seien derzeit aber nur vier anstatt der neun Fachkräfte ständig da. „Wir haben nicht genügend Leute, um die Bewohner ordentlich zu versorgen“, sagte Stärk. Zum 1. August kämen drei neue Pflegekräfte und zwei Helfer. Er werde am Dienstagmorgen eine Empfehlung an den Heimleiter und die zuständige BRK-Tochter Sozialservice-Gesellschaft aussprechen, freiwillig auf die Aufnahme weiterer Senioren zu verzichten. Außerdem kündigte er Aufklärung an: „Wenn daran auch nur ein Funken Wahrheit ist, gibt es mit mir kein Pardon.“ Allerdings wolle er seinen Mitarbeitern die Gelegenheit geben, die Vorwürfe zu widerlegen. Pflegekritiker Claus Fussek fordert Konsequenzen: „Ich hoffe, dass das BRK nicht nur nach der undichten Stelle sucht, sondern sich wirklich etwas ändert.“

Von Carina Lechner

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