Pläne für einen Terroranschlag

Als Flüchtling getarnt: Soldat lebte in Erding

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Wilhelm-Weindler-Straße 26a: In diesem Erdinger Reihenhaus von Fritz Steinberger (auf dem Bild) lebte der Asylbetrüger mit mutmaßlich terroristischen Absichten

Der Oberleutnant der Bundeswehr, der sich als Flüchtling getarnt hat und im Verdacht steht, einen Anschlag vorbereitet zu haben, war über ein Jahr in Erding gemeldet. Von hier aus dürfte er in Richtung Wien abgetaucht sein, um an eine Waffe zu kommen.

Erding - Der Fall klingt nach einem gut ausgedachten Krimi: Ein 28 Jahre alter Soldat, der bei einem Bataillon der deutsch-französischen Brigade im Nachbarland stationiert ist, hat nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Frankfurt im Herbst 2015 als Flüchtling um Asyl ersucht – ausgerechnet bei den Behörden seiner eigenen Heimatstadt Offenbach.

Mit richtigem Namen heißt der Oberleutnant Franco A. In seiner zweiten Identität war er David Benjamin beziehungsweise Benjamin David. Dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gegenüber gab er an, er sei syrischer Christ, spreche aber kein Arabisch, dafür Französisch. Niemand schöpft Verdacht. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat Erkenntnisse, dass der Soldat extrem fremdenfeindlich ist. Mit einem 24 Jahre alten Komplizen könnte er ein Attentat vorbereitet haben. War das der perfide Plan?: Die entsetzte Öffentlichkeit hätte angenommen, ein Flüchtling hätte ein Attentat in dem Land verübt, das ihn aufgenommen hat.

Um den Jahreswechsel auf 2016 wurde David Benjamin nach Erding überwiesen. Er zog in die Asylbewerberunterkunft Wilhelm-Weindler-Straße 26 ein – in ein Mehrbettzimmer im ersten Stock. Auch die Hausnummer 26 wird als Flüchtlingsunterkunft genutzt.

Beide Häuser haben bis vor kurzem der Familie Steinberger gehört. Fritz Steinberger, jahrzehntelang SPD-Politiker und Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt, erinnert sich: „Das war ein eher ruhiger Typ, der nicht viel gesagt hat.“ Er gesteht: „Ein bisschen merkwürdig kam er mir schon vor. Wie ein Syrer schaute er eigentlich nicht aus.“

Ein Mitbewohner erklärt, dass ihm der falsche Syrer gesagt habe, er übernachte öfter in München. Gründe dafür habe er keine genannt. Dies könnte eine Schutzbehauptung gewesen sein. Denn in all den Wochen war der 28-Jährige regelmäßig bei seiner Truppe. Wenn er frei hatte, schlüpfte er in die Rolle des Flüchtlings – ein fast perfektes Doppelleben.

Asylhelferin Doris Kraeker erklärt: „Man hat uns damals gesagt, es käme ein Neuer. Ich habe aber niemanden gesehen. Das Landratsamt meinte, das habe so seine Ordnung.“

David Benjamin bekam den genau vor einem Jahr eingeführten Kommunalpass. Ausgerechnet dieses umstrittene Plastikkärtchen des Landratsamtes für den bargeldlosen Zahlungsverkehr half dem Bundeskriminalamt (BKA) und der Staatsanwaltschaft bei der Aufklärung. Dem 28-Jährigen können etliche Einkäufe mit dem Kommunalpass nachgewiesen werden – allesamt in Erding.

In die Wilhelm-Weindler-Straße bekam Benjamin David auch immer wieder Post, unter anderem von einer Krankenkasse, hat Steinberger beobachtet. „Ich bin alle paar Tage dort, um nach dem Rechten zu sehen.“

Laut Steinberger bekam der getarnte Soldat Ende Januar seine Anerkennung. Damit verlor er den Anspruch auf das Zimmer an der Wilhelm-Weindler-Straße. Für ihn wurde das Jobcenter Aruso zuständig. „Ich denke, dass er dann untergetaucht und direkt nach Wien gefahren ist“, analysiert Steinberger. Kurios: Erst vor ein paar Tagen hat er die Namensschilder des jetzt Festgenommenen entfernt.

In der Tat wurde der Hesse Anfang Februar in Wien ertappt, als er sich aus einem Putzschacht am Flughafen Schwechat eine für ihn dort deponierte Schusswaffe herausfischte. Sollte damit die Tat begangen werden?

Die Fahnder hängten sich an Benjamin Davids Fersen – mit Erfolg: Am Mittwoch wurde er in Hammelburg festgenommen. Am Donnerstag suchten Beamte des BKA mit Hilfe der Erdinger Kripo die Erdinger Asylunterkunft auf. Nach Informationen unserer Zeitung wurden einige Gegenstände beschlagnahmt. Sie werden nun ausgewertet.

Recherchen unserer Zeitung haben ergeben, dass der Pseudo-Syrer eine Ansprechpartnerin im Asylmanagement des Landratsamtes hatte. Auch ihr soll die falsche Identität nicht aufgefallen sein.

In den beiden Häusern, die Vater und Tochter Steinberger im Oktober 2014 ans Landratsamt für die Flüchtlingsunterbringung vermietet hatten, leben heute mehrere Asylbewerber aus Pakistan, Afghanistan, Iran, Irak, Kongo und Syrien. Beide Anwesen sind mittlerweile verkauft. Die Flüchtlingsunterbringung endet laut Steinberger im September dieses Jahres.

Steinberger kann über den Vorgang nur den Kopf schütteln, darüber, dass Benjamin David niemandem aufgefallen ist, und darüber, „zu was ein Berufssoldat fähig ist. Ich war platt.“ Der Schaden für die Truppe sei enorm, findet er.

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