Festes Einkommen, aber keine Wohnung

„Eine Welt bricht zusammen“: Familie plötzlich obdachlos

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Düstere Zeiten: Nach einer Zwangsräumung ist eine Schlehdorfer Familie obdachlos geworden. 

Eine Schlehdorfer Familie aus dem Mittelstand findet sich unversehens in der Obdachlosigkeit wieder. Der Fall zeigt einmal mehr, wie gravierend die Wohnungsnot in der Region ist. 

Schlehdorf– Fester Job, zwei Kinder, eine Wohnung auf dem Land: Bis vor Kurzem sah das Leben von Anna und Friedrich K. (Namen geändert) noch völlig durchschnittlich und stabil aus. Obdachlosigkeit war ein Thema, das mit ihrer Situation nicht das Geringste zu tun hatte. Jetzt aber steht das Ehepaar ohne Wohnung da. Der Fall zeigt: Ein Problem, das bisher nur die Ränder der Gesellschaft und die größeren Städte zu betreffen schien, ist in der Mitte und auf dem Land angekommen.

Familie ist plötzlich obdachlos: Neuanfang in Schlehdorf

Sie seien „unverschuldet in Not geraten“ und wollten ihre Geschichte erzählen. Mit diesem Anliegen wendet sich das Ehepaar K. an die Redaktion des Tölzer Kurier. Was sie berichten, klingt zunächst nach Konflikten mit Nachbarn und Vermietern, wie sie häufig vorkommen.

Mit zwei Töchtern (heute 18 und 16) zieht das Paar 2013 aus einem anderen Bundesland nach Schlehdorf, in eine Drei-Zimmer-Wohnung mit 95 Quadratmetern in einem Mehrparteienhaus. Es ist ein Neuanfang, nachdem Friedrich K. (50) berufsunfähig geworden war. Nun hat er eine Anstellung in einem technischen Beruf gefunden. Das Gehalt reicht für den Unterhalt der Familie aus.

Familie in Schlehdorf: Sieben Monate reichen nicht, um neue Wohnung zu finden

Doch irgendwann kommt es zu Spannungen im Haus. Streit, Beschuldigungen. Die K.s sagen, ihnen sei der Mietvertrag fristlos gekündigt worden. Begründung: „Ruhestörung“. Die Familie wehrt sich. Im Mai 2018 kommt es zur Gerichtsverhandlung. Die K.s stimmen einem Vergleich zu. „Wir wollten dort ohnehin nicht wohnen bleiben“, sagen sie. Man einigt sich darauf, dass die Familie bis 31. Dezember auszieht. Sieben Monate, um eine neue Wohnung zu finden: Das sollte ausreichen, sind sie überzeugt.

Die Realität sieht anders aus. Das Jahresende naht, doch eine neue Bleibe in Schlehdorf und Umgebung ist noch immer nicht gefunden. Allzu weit weg wollen die K.s nicht. Die jüngere Tochter muss ihren Ausbildungsplatz in Murnau mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen. Die K.s bleiben, sehen nicht, was auf sie zukommt. Die Miete haben sie stets pünktlich bezahlt. „Wir können nachweisen, dass wir bei 85 Wohnungen angefragt haben“, sagen sie. Bei weiteren 15 bis 20 Angeboten hätten sie nicht einmal eine Antwort bekommen. Sogar über einen Wohnungskauf denken sie nach – entschließen sich aber nicht schnell genug.

Bis zuletzt sind die K.s überzeugt, sie seien vor einer Zwangsräumung geschützt. Doch am 24. April steht der Gerichtsvollzieher vor der Tür – mitsamt Möbelwagen. Die K.s fallen aus allen Wolken. Sie fühlen sich anwaltlich falsch beraten und informiert. Doch der Protest nutzt nichts.

Sie brauchen auf die Schnelle eine neue Bleibe. Fürs erste ziehen sie zu dritt in ein Hotelzimmer in Kochel – die ältere Tochter ist mittlerweile zu ihrem Freund gezogen. Familie K. ist verzweifelt.

Gemeinden hatten früher kaum mit dem Problem zu tun

Bevor Familie K. ganz ohne Dach überm Kopf dasteht, ist ihre Heimatkommune verpflichtet, für eine Notunterbringung zu sorgen. Im kleinen Schlehdorf ist dies „in meiner Amtszeit noch nie vorgekommen“, erklärt Bürgermeister Stefan Jocher. Die Gemeinde habe schon länger in Kontakt mit der Familie gestanden, auf ausgeschriebene Wohnungen hingewiesen. „Ob sie dann hingegangen sind, weiß ich nicht“, sagt der Bürgermeister. Das soziale Bauprojekt der Gemeinde mit vier Wohnungen kommt für die K.s zu spät. Es wird erst im Oktober fertig.

Die Aufgabe der Abwendung von Obdachlosigkeit bewältigt Schlehdorf zusammen mit den Kochler Nachbarn in der Verwaltungsgemeinschaft (VG). Auch Kochels Bürgermeister Thomas Holz sagt: „In den ersten sechs Jahren meiner Amtszeit habe ich mit diesem Thema kaum etwas zu tun gehabt.“ Heute gebe es bald monatlich einen Fall, in dem Obdachlosigkeit drohe. Das letzte Mittel, das der VG zur Verfügung steht, ist die Unterbringung in der Notunterkunft im alten Verstärkeramt. Dort leben nach Angaben von Nicole Lutterer, Geschäftsleiterin im Rathaus, bislang zwei Personen, eine seit zwei Monaten, die andere schon länger. Nach kurzer Zeit im Hotel kommt auch Familie K. dazu.

Für Robert Pölt, der bei der Caritas in Bad Tölz im Bereich Wohnungslosenhilfe arbeitet, ist der Fall der Familie K. zwar nicht gerade alltäglich – aber eben auch längst keine extreme Seltenheit mehr.

Familie steht plötzlich auf der Straße: Job leichter zu bekommen als Wohnung

„Die Wohnungslosigkeit ist in der Mittelschicht angekommen“, sagt er. Die Caritas habe es immer wieder mit Menschen zu tun, die einen Beruf haben, nicht verschuldet sind, ein Auto besitzen – aber einfach keine Wohnung finden. „Bei uns im Landkreis ist es definitiv einfacher, einen Job zu bekommen als eine Wohnung.“ Ob Familien, junge Leute oder Rentner: „Alle Alters- und Gesellschaftsschichten sind betroffen.“

Es sei symptomatisch für die aktuelle Wohnungsnot: Menschen, für die das Thema Obdachlosigkeit eben noch „ganz weit weg“ war, seien plötzlich betroffen. Es komme immer wieder vor, dass Menschen lange um eine Wohnung, die ihren Vorstellungen entspricht, „pokern“. Und den Mietmarkt unterschätzen. „Wer mit dem Problem noch nicht in Berührung gekommen ist, sagt sich: ,Sieben Monate sollten ausreichen, eine Wohnung zu finden.‘“ Doch gerade im unteren bis mittleren Preissegment gebe es „sehr wenige Wohnungen“. Besonders unglücklich sei es, wenn ein Mieter seine Wohnung kündigt, ohne schon etwas Neues zu haben. „Und dann kommt der Tag X, und eine Welt bricht zusammen.“

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Mit dem Verlust der Wohnung stürze häufig ein ganzes Kartenhaus ein. Keine Wohnung – das bedeute auch keine Meldeadresse. „Doch daran hängen viele Vertragspartner, wie Banken und Versicherungen.“ Ob von Gericht oder Jobcenter: Ohne Wohnung kein Briefkasten, in dem man wichtige Nachrichten empfangen kann. Eine Möglichkeit ist laut Pölt, dass sich Wohnungslose ihre Post ans Tölzer Caritaszentrum schicken lassen. Was bleibt in dieser Lage zu tun? Pölt kann dazu nur sagen: „Suchen und hoffen.“

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