"Ich war wohl zu ungeduldig"

Interview: Pötke räumt Fehler ein

Verrannt: Jörg Pötke war kein Freund von Diplomatie.

Taufkirchen - Der geschasste Bürgermeister Jörg Pötke räumt Fehler in der Personalführung ein - und erklärt sich im Interview:

Der Fisch stinkt vom Kopf her, sagen die Norddeutschen. Der gebürtige Hamburger Jörg Pötke (66) musste sein Chefbüro im Rathaus räumen, da sich die Mobbing-Vorwürfe aus Sicht der Landesanwaltschaft erhärtet haben. Der suspendierte Bürgermeister sieht sich zu Unrecht vorverurteilt.

Herr Pötke, Ihr Bild mit der Mobbing-Schlagzeile war auf den Titelseiten. Hat Ihr dickes Fell Risse?

Wenn mich das umwerfen würde, hätte ich nie in die Politik gehen dürfen.

Wie ist Ihr erster Tag als suspendierter Bürgermeister verlaufen?

Wie im Flug. Mit viel Arbeit. Bekanntlich bin ich nicht der Typ, der Rosen schneidet.

Wie sehen Sie persönlich Ihren Rausschmiss?

Noch handelt es sich um eine vorläufige Amtsenthebung. Ich bin wohl über meine Geradlinigkeit gestolpert.

Geradlinigkeit? Die Landesanwaltschaft spricht von Mobbing?

Das muss ein neutrales Gericht erst bestätigen. Die Landesanwaltschaft ist keine neutrale Instanz. Ihre Vorwürfe gründen sich auf die Aussagen von vier Beschäftigten, die jetzt eine gewisse Dynamik entfacht haben.

Sie waren der Chef von 90 Mitarbeitern. Welche Fehler haben Sie gemacht?

Ich habe wirklich Fehler gemacht. Sicher war ich zu ungeduldig und zu nassforsch. Ich habe mich wohl zu stark auf die Sacharbeit konzentriert, statt mich mehr um die Beschäftigten zu kümmern. Vor meinem Dienstantritt im Rathaus hat der Kommunale Prüfungsverband in einer Umfrage festgestellt, dass 60 Prozent der Mitarbeiter unzufrieden sind. Nicht ich habe die Belegschaft zerrissen: Sie war schon zerrissen. Das ist unter meiner Führung leider nicht besser geworden.

Was lief Ihrer Einschätzung nach in der Zeit vor Pötke falsch?

Die Mitarbeiter hatten zwei Häuptlinge, die alles entschieden haben: den Bürgermeister und den Hauptamtsleiter. Der Mittelbau und Eigenverantwortung fehlte. Wenn die Mitarbeiter heute krank werden, weil sie jetzt regelmäßig Post vom Chef erhalten, muss ich auf die freie Wirtschaft verweisen. Ich habe den Angestellten empfohlen, dort mal zu hospitieren. Man darf nicht vergessen, dass die Verwaltung aus Steuergeldern finanziert wird.

Die Belegschaft will Sie nicht mehr, Ihr politischer Name ist derzeit verbrannt. Warum ziehen Sie sich jetzt nicht zurück?

Ich möchte die Angelegenheit gerichtlich klären lassen. Wenn ich jetzt als Chef widerstandslos meinen Hut nehme, ist das quasi eine Anleitung für jede Verwaltung, einen unliebsamen Vorgesetzten aus dem Amt zu jagen.

Wie geht es mit Ihren politischen Mitstreitern aus der ILT weiter? Die ILT hat durch ihren vorläufigen Rückzug eine Stimme verloren.

Nicht die ILT, sondern der Gemeinderat verliert eine Stimme. Die ILT und ich haben souverän entschieden, ohne Zwang. Das war eine Neuerung, früher wurde nicht unabhängig entschieden. Ich bin stolz darauf, dass ich mich nicht verbiegen lasse.

Haben Sie noch Freunde? Aus der Politik? In Vereinen? Oder leben Sie jetzt in einem Vakuum?

Nein. Wer sich mit dem Virus Kommunalpolitik infiziert hat, weiß, dass der politische Raum nicht an ein Bürgermeister-Amt gekoppelt ist. Wer mich kennt, weiß genau, dass ich jetzt nicht abtauchen werde. Ich denke, in zwei Monaten wird das Eilverfahren über die vorläufige Amtsenthebung entschieden sein.

Ob als Bürgermeister oder Gemeinderat: Treten Sie zur Wahl noch mal an?

Das entscheidet die ILT.

Ein Rathauschef verdient gut. Bezieht der Beamte Pötke seine Bezüge weiter?

Weiß ich nicht.

Gibt es bei der vorläufigen Amtsenthebung wirklich nichts, dass Ihnen unter die Gürtellinie geht?

Doch. Mich hat enttäuscht und bestürzt, dass ich meinen Sessel mit sofortiger Wirkung räumen musste.

(ee)

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