Politiker bei Bankraub geschnappt

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SPD-Gemeinderat Norbert J.

Oberhaching - Ein scheinbar erfolgreicher Unternehmer, SPD-Gemeinderat und angesehener Bürger der Landkreis-Gemeinde Oberhaching hat eine Bank überfallen. Aber warum? Das fragen sich auch seine Freunde.

Was bringt einen scheinbar erfolgreichen Unternehmer, SPD-Gemeinderat und angesehenen Bürger der Landkreis-Gemeinde Oberhaching dazu, eine Bank zu überfallen? Wegen ein paar 1000 Euro sein ganzes Leben zu ruinieren und seine Familie in großes Leid zu stürzen? Mit dieser Frage quälen sich seit einigen Tagen die politischen Weggefährten und Freunde des langjährigen SPD-Gemeinderates Norbert J. (60) herum. Mit Bestürzung haben sie erfahren, dass Norbert J. seit dem 19. Oktober in Ulm in U-Haft sitzt.

Am selben Tag hatte er in Lonsee (eine 4500-Seelen-Gemeinde im Alb-Donau-Kreis/Baden-Württemberg) eine Bank überfallen und sich dabei so dilettantisch angestellt, dass er bereits kurz nach der Flucht gefasst wurde.

Norbert J. ist ein Mann mit vielen Interessen und Talenten. Ein aufgeschlossener, liebenswürdiger und heimatverbundener Unternehmer, der bereits seine Kindheit in Oberhaching verbrachte. Er lernte Kunstschmied und arbeitete sich im Laufe der Jahre hoch. Vom Einkäufer bei einer Warenhauskette über den ­Vertriebsassistenten und Vertriebsleiter in großen württembergischen Verlagen bis zu seiner eigentlichen Berufung: Werbung, Marketing und Web-Kommunikation. Damit hatte er sich im Jahr 2002 mit einem Partner selbstständig gemacht.

Privat suchte der verheiratete, kinderlose Unternehmer aus Deisenhofen Entspannung beim Schwimmen, Skifahren und Bergwandern. All das ist nun vorbei.

Offensichtlich war es nackte Verzweiflung, die den Gemeinderat zu dieser sinnlosen Tat trieb. Am 19. Oktober um 16 Uhr fuhr er mit einem Mietwagen bei der Volks- und Raiffeisenbank in der Hauptstraße in Lonsee vor, schlug den Kragen seines Pullovers hoch, setzte die Sonnenbrille auf, wickelte den Schal um seinen Kopf und nahm ein mit Drähten gespicktes Kistchen in die Hand. In diesem Aufzug betrat er die Bank mit seiner „Bombe“ (natürlich nur einer Attrappe) und drohte scheinbar überzeugend: „Ich kann das hier alles explodieren lassen!“ Die Kassiererin jedenfalls riskierte nichts, übergab ihm sofort mehrere Tausend Euro und löste heimlich den Alarm aus. Sekunden später sprang J. in seinen dunklen Leihwagen und raste davon – offenbar so auffällig, dass sich ein Zeuge gleich das Kennzeichen notierte.

Nur zehn Kilometer weiter stellte ihn dann die Polizei. Im Auto fanden sich mehrere gestohlene Kennzeichen sowie die Maskierung und die Beute. J. ließ sich ohne jeden Widerstand festnehmen. Bei seiner Vernehmung schilderte der 60-Jährige der Kriminalpolizei Ulm später seine finanzielle Schieflage als Tatmotiv. Er gestand, vorher bereits mehrere Banken im östlichen Alb-Donau-Kreis ausgespäht zu haben. In der Gegend kannte er sich wegen seines beruflichen Engagements in früheren Jahren recht gut aus.

In Oberhaching löste die Nachricht eher Mitleid und Erschütterung denn Empörung aus. Der SPD-Kreisrat Erwin Knapek (68) sagte am Mittwoch traurig: „Norbert J. wirkte in letzter Zeit keineswegs verzweifelt. Ich bin total erschüttert, weil ich ihm das niemals zugetraut hätte.“ Rückblickend fiel Knapek allerdings auf, dass J. zwar sehr zugänglich wirkte, aber niemals Privates erzählte.

Bereits aus der U-Haft meldete sich Norbert J. letzte Woche telefonisch beim Oberhachinger Bürgermeister und legte offiziell alle öffentlichen Ämter nieder. Dabei brach ihm beinahe die Stimme.

Dorita Plange und Patricia Kania

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