Trotz Hilferuf

Polizei lässt bestohlenen Juwelier im Stich

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Der Juwelier Michael Kiau: Nach dem Überfall auf sein Geschäft riet die Polizei seinen Angestellten, die Täter selbst festzuhalten.

Grafing - Zwei Männer betreten einen Juwelierladen in Grafing (Kreis Ebersberg). Sie lassen sich Schmuck zeigen. Als sie wieder gehen, fehlen einige wertvolle Stücke. Die Angestellten rufen die Polizei und bekommen eine unfassbare Antwort.

Freitagnachmittag, der Grafinger Marktplatz ist voller Leute. Der Juwelier Michael Kiau (59) ist nicht in seinem Laden. Er ist krank. Ihn vertreten vier Verkäuferinnen, als zwei Unbekannte das Geschäft aufsuchen. Die vermeintlichen Käufer lassen sich eine halbe Stunde lang allerhand Schmuckstücke zeigen. Dabei fallen ihnen immer wieder Goldketten aus der Hand. „Eine meiner Verkäuferinnen hat etwas blitzen gesehen“, sagt Kiau. Die Ketten verschwinden offenbar in den Hosentaschen der Männer. Die Verkäuferinnen rufen ihren Chef an. Der sagt: „Sofort Polizei verständigen, kein Risiko eingehen.“

Der Raub trifft Kiau hart genug. Aber was dann passiert, verschlägt ihm die Sprache. Als seine Angestellten die Polizei in Ebersberg anrufen, kriegen sie statt der erhofften Hilfe nur eine schmale Auskunft. Gerade sei kein Fahrzeug frei, heißt es. Die vier Frauen sollten die Männer bitteschön festhalten, bis die Polizeibeamten eintreffen.

Inspektionsleiter Hendrik Polte bestätigte das gegenüber der Ebersberger Zeitung. „Unsere Kräfte waren gebunden bei einem Suizidversuch im südlichen Landkreis“, erklärt er. Das sei vorgegangen. Außerdem habe am Freitag noch gar nicht festgestanden, ob etwas gestohlen wurde.

Kiau: "Bin dem Auto noch nachgelaufen"

„Es ist schon einiges“, schildert Kiau seinen Verlust. Genaueres werde erst eine Inventur ergeben. Es gibt auch ein Video von den Vorgängen im Geschäft. Man kann die Männer erkennen. Nach dem Vorfall fährt der Juwelier mit seinem Sohn zu seinem Geschäft und sieht sogar einen der beiden Männer vor dem Laden stehen. Gegenüber steht eine Frau, die offensichtlich zu dem mutmaßlichen Diebesduo gehört. Sie fährt mit einem schwarzen Sharan mit britischer Zulassung vor, der Mann steigt ein, die beiden verschwinden. „Ich bin dem Auto noch nachgelaufen“, sagt Kiau.

Eine Geschäftsfrau aus Grafing wird auf die Vorgänge vor dem Juwelierladen aufmerksam, kann sich die Nummer des Fluchtfahrzeuges merken und gibt sie in ihr Handy ein. Kiau informiert die Polizei und erhält seiner Schilderung nach folgende Auskunft: „Das ist eine ausländische Nummer, das bringt nichts.“ Diese Auskunft hält Polte auf Nachfrage für „oberflächlich“. Natürlich sei die Polizei dankbar für „jedes Fragment und jeden Hinweis“. Was aber dabei herauskomme, so der Ebersberger Inspektionsleiter, sei „eine Halteranschrift irgendwo im Ausland. Akut nützt uns das nichts“.

Dass die Frauen den Rat bekamen, die mutmaßlichen Täter bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten, hält Polte für bedenklich – und gefährlich. „Wir raten selbst immer, in solchen Situationen die Polizei zu rufen. Da ist alles möglich.“ Auch Männer sollten keine Alleingänge wagen.

Der Juwelier Kiau sieht sich von der Polizei alleingelassen. „Ich hab’ geglaubt, mir haut’s gleich den Schalter raus“, sagt er. Er hat sich mit seinem Anwalt besprochen und behält sich rechtliche Schritte vor – „wegen unterlassener Hilfeleistung.“

Von Michael Seeholzer

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