Große Serie: Münchner Polizeiinspektionen

PI 46: Auf Einbrecherjagd im Würmtal

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Von oben sieht man mehr: Erster Polizeihauptkommissar Siegfried Janscha (li.) und Polizeiobermeister Daniel Blank an der Würm. 

Der Münchner Merkur und die tz starten ihre große Serie über die Münchner Polizei. Brennpunkte, Schwerpunkte und kuriose Fälle: Wir haben das für jedes Viertel zusammengefasst. Diesmal geht es vor die Stadtgrenze, nämlich ins Würmtal. 

Planegg - Viel Stil und Tradition, kaum Protz und Prunk, dafür ganz viel Natur – das entspricht dem Lebensgefühl im beschaulichen Würmtal. In vielerlei Hinsicht ist das Revier ein Paradies für die Planegger Polizei – eines mit schwarzen Flecken. Einbruchskriminalität ist Dauerthema. Und zweimal sorgte ausgerechnet das Würmtal in den vergangenen Jahren bundesweit für Schlagzeilen.

Begrüßung am Eingang: Das historische Polizeischild von 1949.

An der Planegger Schlossmauer neben der Amtmannstraße hängt seit mehr als 30 Jahren ein schlichtes Holzkreuz. Es ist stets frisch geschmückt, zur Zeit mit einem Mistelkränzchen mit blassblauen Blüten. Es erinnert an den 12. Mai 1986 – den Tag, an dem der kleine Felix auf seinem Fahrrad von einem Lkw erfasst und getötet wurde. Daniel Blank (40) war damals neun Jahre alt und lebte in Martinsried: „Wir waren geschockt. Die meisten Kinder durften danach nicht mehr mit dem Fahrrad zur Schule fahren.“ 

An der Planegger Schlossmauer hängt das Gedenkkreuz für Felix. Es ist stets risch geschmückt. 

So ist das im Würmtal bis heute: Das Leid des einen ist den anderen nicht egal und wird auch nicht vergessen. Einer der Gründe, warum Polizeiobermeister Blank gern als künftiger Kontaktbeamter dorthin zurückkehrte, wo er aufgewachsen ist: in „sein“ Würmtal. Und sicher auch einer der Gründe, warum mehrere schwere Verbrechen in den vergangenen Jahren hier die Menschen mitten ins Herz trafen und regelrecht lähmten – um sie am Ende enger denn je zusammenrücken zu lassen. 

Auf Streife: Man kennt sich im Würmtal. 

Einige Fälle lähmten die Gemeinschaft regelrecht

So war es, als in der Nacht zum 24. März 2011 die Schwestern Chiara (8) und Sharon (11) in Krailling ermordet wurden – von ihrem eigenen Onkel. Entsetzen auch, als der Polizist Martin S. (38) im Juli 2013 in Planegg seine Ex-Freundin Susanne T. (37) und dann sich selbst erschoss. Zurück blieb die kleine Tochter der beiden. Eine kaum zu begreifende Tragödie, „über die wir in unserer Inspektion viel gesprochen haben“, erinnert sich der Erste Polizeihauptkommissar Siegfried Janscha (60), seit 14 Jahren Chef der Polizeiinspektion 46 Planegg. „Der Kollege arbeitete nicht bei uns. Aber das macht keinen Unterschied.“ 

Hauptproblem sind die vielen Einbrüche

Die eigentliche Geißel des Würmtals sind die Einbrecher. 50 Einbrüche waren es 2014, im Jahr darauf sank die Zahl auf 40, doch im vergangenen Jahr stieg sie wieder leicht an. Die Bürger reagieren darauf höchst sensibel. Janscha: „Wir bekommen ständig Hinweise auf fremde Personen oder Autos.“ 

Das liegt wohl auch an zwei weiteren schweren Verbrechen, die das Würmtal schockten. Im Januar 2013 fasste die Planegger Polizei zwei Raubmörder, die als Bettler getarnt in den Villenvierteln von Gräfelfing und Planegg westlich der Bahnlinie herumspionierten. In Österreich hatten genau diese Einbrecher alte Menschen sadistisch gequält und eine Witwe (83) eiskalt erstickt. Im Mai 2014 zündete ein Einbrecher in Neuried nachts der schlafenden Bewohnerin (64) das Dach über dem Kopf an. Der selbe Mann (28) vergewaltigte in Herrsching eine Studentin, überfuhr sie im Wald und beging Selbstmord. Beide Opfer überlebten knapp. Das sind Verbrechen, die die Bürger auf lange Sicht ängstigen. In den Villenvierteln – hier wohnt sehr zurückgezogen allerhand Prominenz aus Film, Medien und Wirtschaft – haben die gut situierten Bürger technisch aufgerüstet. Und die Polizei fährt ständig Streife. 

An dieser Stelle wartete Siegfried Janscha 2003 auf einen Einbrecher. 

Von Mord und Totschlag blieb das Würmtal im Jahr 2015 verschont, auch die Sexualdelikte liegen konstant unter zehn Fällen, und die 60 Körperverletzungsdelikte wurden alle geklärt. 450 Diebstähle bearbeitete die PI Planegg im Jahr 2015 – Taschendiebstähle aus Einkaufswagen passieren öfter, auch Diebstähle aus Fahrradkörben. 140 Fahrräder verschwanden im Jahr 2015, überwiegend an den vier S-Bahnhöfen. 

Im Sommer geht es oft um Lärm

Schon jetzt rüsten sich die Planegger Polizisten für die ersten warmen Frühlingstage. Dann kommen wieder die Beschwerden wegen des Lärms und der Scherben in und an der Würm, denn die Jugend feiert gern und oft am Fluss. Und auch die Münchner kommen: zum Bergerweiher in Krailling, zum Planegger Wellenbad und an den Gräfelfinger Anger, wo die Biber im Winter wieder reihenweise Bäume flachgelegt haben. Von den 6400 Einsätzen des Jahres 2015 waren allein 300 wegen Ruhestörung – 180 davon allein im Juni, Juli und August. Weitere 1000 Mal rückten die Polizisten zu Unfällen aus. 141 Menschen wurden verletzt und eine Radfahrerin wurde im September beim Zusammenstoß mit einem Bus auf der Alten Olympiastraße in Neuried getötet. 

Idyll an der Würm: Im Sommer gibt es oft Probleme wegen Lärmbelästigung von draußen Feiernden. 

Ärger macht die Jugendkriminalität

Ein Ärgerthema ist der Vandalismus: 230 Sachbeschädigungen – vor allem Schmierereien – nahm die Planegger Polizei 2015 auf. Die Täter sind meist zwischen 16 und 25 Jahre alt, Alkohol spielt oft eine Rolle. Im Neurieder Jugendzentrum gipfelte der Vandalismus-Blödsinn in einem Lagerfeuer auf der Skaterbahn – so heiß, dass der Asphalt schmolz. 70 Fälle von Jugendkriminalität – überwiegend Drogendelikte, aber auch Diebstähle und Körperverletzungen – wurden im Jahr 2015 registriert. Ein Fall sorgte im Februar 2015 für Aufsehen: Zwei Handtaschenräuber schlugen in Lochham nachts um 23 Uhr eine schwangere Frau nieder. Die rasch gefassten Täter waren 14 und 15 Jahre alt. 

Während die Kinder in Planegg und Gräfelfing den Beamten zuwinken und manchmal mit einem kleinen Blaulichtgruß belohnt werden, ist das Verhältnis der Jugendlichen zur Polizei in den stadtnahen Gemeinden kühler. Blank: „Es gab Auseinandersetzungen, auch mit Anwohnern. Und wir sind immer mittendrin. Nichts geht mit der Brechstange. Das erfordert diplomatisches Geschick.“ 

Bilder: Auf Streife mit der PI 46 im Würmtal

Flüchtlinge wurden verteilt - Zahl der Einsätze sank

In den Würmtalgemeinden leben heute 600 Asylbewerber. Anfangs waren sämtliche Flüchtlinge in der Turnhalle des Planegger Gymnasiums untergebracht. Janscha: „Da war es laut, eng, ohne jede Privatsphäre. Es gab oft Streit.“ 50 Einsätze fuhr die Polizei dort in kurzer Zeit. Die Lösung: Dezentralisierung. Seitdem die Flüchtlinge übers Würmtal verteilt leben, sanken die Einsätze im gesamten Jahr 2016 auf 40 für alle Einrichtungen. 

Schandflecken, Campus-Flair & wann kommt die U-Bahn?

Ein paar Schandflecke gibt’s auch: Die von Schmierereien verschandelte S-Bahn-Unterführung in Lochham gehört dazu und auch das verkommene alte Hettlage-Gelände in Neuried. Beides oft bestreift von der Planegger Polizei – ebenso wie die Neurieder Trabantenstadt, in der ein erheblicher Teil der 8500 Neurieder Bürger lebt. Modernen Campus-Flair verströmt das Gewerbegebiet Martinsried, auf dem das Biozentrum der Universität ausgebaut wird. Kein Kriminalitätsschwerpunkt, dafür gehen hier oft Alarmanlagen los – zu 99,5 Prozent Fehlalarme. Den Martinsriedern wurde übrigens bereits 1979 eine eigene U-BahnStation versprochen. Wie man sieht – sieht man nichts.

Ein Schandfleck: Das verlassene Hettlage-Gelände in Neuried. 

Der Fall aus dem Zuständigkeitsbereich: 15-Jähriger ertrinkt in Weiher

Ein herzzerreißendes Drama zerstörte im Juli vergangenen Jahres die Sommeridylle am Kraillinger Bergerweiher – einem flachen See, in dem man fast überall stehen kann: Auf dem nur fünf Meter langem Stück vom Steg zur Badeinsel geriet ein 15-jähriger Bub plötzlich in Panik. Ein paarmal noch stieß er sich mit den Füßen am Grund ab und schnappte nach Luft. Dann ging er unter – und verschwand. Die Freunde im Schock. Planegger Polizisten stürzten sich in voller Montur ins Wasser, tauchten und tauchten bis zur Erschöpfung. Aber sie fanden ihn nicht. Ein Feuerwehrmann zog ihn schließlich heraus. Doch da war es zu spät. Der Bub starb im Krankenhaus. Er hatte in Krailling seinen Onkel besucht. Später erfuhren die Polizisten: Er war Nichtschwimmer gewesen und hatte sich nicht getraut, dies vor seinen Freunden zuzugeben.

Die Polizeiinspektion 46 in Zahlen

Entlang der Stadtgrenzen im Münchner Südwesten erstreckt sich ein 55,4 Quadratkilometer umfassendes Gebiet: das Würmtal – flankiert von der Lindauer (A96) und der Garmischer Autobahn (A95) und durchzogen vom gleichnamigen Fluss, der die Gemeinden Planegg/Martinsried, Gräfelfing/Lochham, Krailling, Neuried und Stockdorf miteinander verbindet: das Einsatzgebiet der Polizeiinspektion 46 in Planegg (Landkreis München). 45 000 Bewohner leben hier, bewacht von rund 50 Polizisten. Während Martinsried als Bio- und Gentechnologie-Standort ständig wächst und boomt, pflegt man in den anderen Gemeinden die bürgerliche Beschaulichkeit. Kriminalität und Unfälle gibt es auch hier. 6400 Einsätze (1300 davon Straftaten) fuhren die Planegger Polizisten im Jahr 2015.

Das sind die weiteren Folgen unserer Serie: 

Altstadt: Touristen, Taschendiebe und die Feierbanane machen der Polizei Arbeit.

Maxvorstadt: Das Studentenviertel kämpft mit Dieben und Rasern.

Pasing: Einbrecher und der Verkehr prägen die Polizeiarbeit.

Bogenhausen: Einbrüche machen einen Löwenanteil der Straftaten im Nobelviertel aus

Sendling: Der starke Verkehr beherrscht den Arbeitsalltag der Beamten

Au & Haidhausen: Tag und Nacht Einsätze in Haidhausen, am Ostbahnhof und in der Kultfabrik

Ramersdorf-Perlach: Streitereien, Ruhestörungen und Ladendiebstähle kommen hier oft vor.

Trudering-Riem: In der Messestadt trifft sich die Welt. Auch ein Ort sozialer Spannungen.

Westend & Ludwigsvorstadt: Das Südliche Bahnhofsviertel und der Gärtnerplatz halten die Beethoven-Wache auf Trab.

Giesing: Das Viertel der Geschichte und Geschichten. Fußball ist allgegenwärtig – auch bei der Polizei

Olympiapark: Hier sind die Schwerpunkte die vielen Veranstaltungen

Neuhausen: Einbrüche, Trickdiebstähle und das Strafjustizzentrum sind hier Schwerpunkte

Planegg: Grüne Idylle mit schwarzen Fleckchen. Einbrüche sind hier das Problem

Grünwald: Die Isar und ihre zahlreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten bestimmen den Arbeitsalltag der Polizei

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