Probleme werden öffentlich

Schwere Vorwürfe gegen den Ex-Polizeichef, der aber sieht sich als Mobbing-Opfer

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Da war die Welt noch in Ordnung: Alfred Holzer (r.) koordiniert im Dezember 2009 als Leiter der Polizeiinspektion Garmisch-Partenkirchen einen Einsatz mit seinem Kripo-Kollegen Bernhard Hoffmann.

Für Alfred Holzer ist es der „Endpunkt von jahrelangem Mobbing“. Wegen des Vorwurfs des Computerbetrugs mussten sich der frühere Garmisch-Partenkirchner Polizeichef und ein Kollege vor Gericht verantworten. 

Garmisch-Partenkirchen – Computerbetrug – ein schweres Vergehen, das im Raum stand. Eines, das aber so gar nicht haltbar war. Das hat sich in der Verhandlung vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen sehr schnell herausgestellt. Somit war der Freispruch für die Zuhörer – darunter etliche Polizeibeamte – im Sitzungssaal 1 auch nicht weiter verwunderlich. Ein Freispruch, auf den auch Staatsanwältin Katja Pröbstl plädiert hatte. „Der Sachverhalt, wie er in den Strafbefehlen steht, lässt sich nicht halten“, betonte die Vertreterin der Anklage. Dem konnte sich Richter Andreas Pfisterer nur anschließen: „Der subjektive Tatbestand ist durchaus grotesk“, meinte er. Den Vorwurf nannte Pfisterer „fast schon lächerlich“. Alfred Holzer, der frühere Leiter der Polizeiinspektion (PI) Garmisch-Partenkirchen, soll sich mit Hilfe eines computer-kundigen Kollegen durch eine nachträgliche Änderung im Zeiterfassungssystem 17 Stunden – der Staatsanwaltschaft zufolge im Wert von gut 500 Euro – erschlichen haben. Und das bei einem Beamten, bei dem „es ansonsten gar keine Auffälligkeiten gibt“.

Das hatte das Polizeipräsidium Oberbayern Süd in Rosenheim offenbar nicht so gesehen, als es das Landeskriminalamt (LKA) auf den vermeintlichen Betrug ansetzte. Wohlgemerkt ohne nach Bekanntwerden des Fehlers mit den Verursachern zu sprechen, was vor Gericht beide Angeklagten untermauerten.

Polizeipräsidium nimmt kommende Woche Stellung

Die generellen Hintergründe erklärt Präsidiumssprecher Stefan Sonntag auf Tagblatt-Nachfrage: „Wenn wir von einer möglichen Straftat hören, auch wenn es nur ein Verdacht ist, müssen wir das verfolgen lassen – und zwar von einer unabhängigen Stelle beim LKA. Wir würden nie etwas unter den Teppich kehren.“ Daher sei ein Prozess wie der gegen Holzer und seinen Kollegen „nicht ungewöhnlich“. Eine Stellungnahme zu dem konkreten Fall kündigt das Präsidium erst für kommende Woche an.

Während der Verhandlung wurde schnell deutlich, dass diese Geschichte nicht erst beim Neujahrsspringen 2016 angefangen hatte. Im Nachgang des Großereignisses, bei dem er aufgrund einer Erkrankung keinen Dienst tun konnte, soll Holzer besagten Computerbetrug begangen haben. „Gemeinschaftlich geplant“ mit dem Kollegen, hielt ihm Staatsanwältin Pröbstl bei der Verlesung der Anklage vor. Der Computer-Experte, der eigenen Bekundungen zufolge häufig helfen muss, wenn Kollegen mit dem Zeiterfassungssystem BayZeit nicht klar kommen, „ist ein Bauernopfer“, betonte Holzer. Er bedauere zutiefst, dass dieser in eine Sache reingezogen wurde, deren Ursache mehrere Jahre zurückliegt.

„Endpunkt von jahrelangem Mobbing“

„Jetzt sitzen wir vor dem Amtsgericht Garmisch-Partenkirchen und tragen innerdienstliche Probleme öffentlich aus“, sagte Holzer, der ohne Rechtsanwalt erschienen war. „Die hier vorgetragene Anklage ist der gegenwärtige Endpunkt von jahrelangem Mobbing. Ich bin aber auch froh, dass sich zum ersten Mal eine unabhängige Instanz damit befasst.“ So erhielt der 59-Jährige endlich die Gelegenheit, seine Geschichte öffentlich zu machen. Zum ersten Mal. Im Prinzip begann diese bereits im Rahmen der Polizeireform, in deren Zug aus der Inspektion Garmisch-Partenkirchen eine mit besonderen Einsatzaufgaben wurde. Damit verbunden die Vorgabe: Der Dienststellenleiter muss einer aus dem höheren Dienst sein. Das war Holzer 2008 noch nicht, allerdings standen dem Ersten Polizeihauptkommissar – fünf silberne Sterne auf den Schulterklappen – Aufstiegs-Möglichkeiten offen. Die hat er genutzt: Mittlerweile verfügt er als Polizeioberrat über zwei goldene Sterne.

Miteinander zwischen den PI-Leitern funktioniert nicht

Doch der Reihe nach. Auch bei der Ski-WM 2011 war Holzer noch nicht Gold dekoriert (merkur.de berichtete), weshalb ihm der aktuelle Inspektionsleiter, Polizeidirektor Thomas Kirchleitner, vorgesetzt wurde und er in der Folge als dessen Vize fungieren sollte. Lange währte dieses Miteinander nicht. „Nach der Ski-WM wurde ich zur Kripo nach Weilheim zwangsabgeordnet, begründet durch das zerrüttete Verhältnis zwischen mir und Herrn Kirchleitner“, erzählte Holzer jetzt vor Gericht. Das nicht funktionierende Miteinander bestätigt der PI-Leiter auf Tagblatt-Nachfrage. „Mehr sage ich zu den ganzen Vorgängen nicht“, betont Kirchleitner

Jegliche Zurückhaltung hat aber Holzer jetzt vor Gericht abgelegt. Ohne konkrete Aufgaben sei er 2011 dazu verdammt gewesen, seine Stunden in Weilheim abzusitzen: „Die Folge für mich waren massive Belastungsstörungen bis hin zur Gehirnblutung.“ Sein Sport, der Rückhalt von Familie, Freunden und Kollegen halfen ihm letztlich, gesund zu werden. Seit Herbst 2013 arbeitet Holzer wieder in Garmisch-Partenkirchen. Nicht mehr bei der PI, sondern als stellvertretender Leiter der Kripo. Ein Job, der ihm – wieder – viel Spaß macht. „Das Miteinander auf der Dienststelle ist sehr gut.“

Ein spektakulärer Mobbing-Fall wurde zuletzt in Geretsried öffentlich. Am dortigen Gymnasium wurde ein Lehrer über Instagram gemobbt. Ein Schülersprecher versuchte anschließend, Dinge in diesem Fall klarzustellen, wie merkur.de berichtete.

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