Psychisch Kranke hält Peiting in Atem

+
Vor allem an der Köglmühlstraße ist Cornelia B. Tag und Nacht unterwegs, schimpft, droht, wirft Fäkalien. Anwohner haben Angst um ihre Kinder.

Peiting - Beschimpfungen, Attacken, Zerstörungswut - eine psychisch Kranke hält Peiting und die Polizei in Atem. Besonders hat sie es auf eine Straße und deren Anwohner abgesehen. Die ganze Geschichte:

Vor allem die Anwohner der Köglmühlstraße leiden unter den Ausbrüchen, lassen ihre Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt im Freien spielen. Den Behörden sind die Hände gebunden. Eine wahrlich verrückte Geschichte - wäre sie nicht so furchtbar traurig für alle Beteiligten.

Rückblick: Ein sozial eingestellter Mann will Cornelia B. helfen nach ihrer Zeit im Marienheim. Er lässt sie zur Untermiete in seinem Reihenhaus an der Köglmühlstraße wohnen. Sein Sohn klagt die psychisch auffällige Frau später aus dem Haus.

Die Gemeinde muss in die Bresche springen. Cornelia B. bekommt eine Sozialwohnung am Uhrerskreuzweg. Die meiste Zeit des Tages verbringt sie allerdings in der Köglmühlstraße. Auf dem Fahrrad. Auf und ab fahrend. Wenn sie einen guten Tag hat, singt sie nur laut. An einem schlechten Tag beschimpft sie die Anwohner, bedroht manche von ihnen. Und wenn sie einen ganz schlechten Tag hat, dann passiert so etwas wie in der vergangenen Woche: Sie startet einen Zerstörungs-Feldzug durch Peiting, zerschlägt in einer Arztpraxis eine Glastür und die gemeindlichen Blumenkübel am Hauptplatz. Exkremente fliegen in einer Tüte in einen Garten an der Köglmühlstraße.

Die Anwohner dort haben längst nicht mehr nur ein mulmiges Gefühl, wenn Cornelia B. ihre Runden bei ihnen dreht. Nicht, weil man sie manchmal in zwei verschiedenen Stimmen mit sich selbst reden hört. Diese Frau sei zu vielem fähig, nicht einzuschätzen, ein seelisches Pulverfass, sind sich viele Nachbarn sicher. „Die gehört weit weg von Peiting“, sagt einer

Weit weg von Peiting: Das war Cornelia B. auch schon mal nach ihrer Zeit im Marienheim. Nachdem sie von der Polizei nackt zwischen Steingaden und Lamprecht aufgegriffen worden war, wurde sie in eine psychiatrische Anstalt gebracht. Dort behielt man sie. Doch an den Wochenenden, an Tagen, an denen sie „rauskam“, fuhr sie nach Peiting. Mit dem Zug. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Per Anhalter. Zur Köglmühlstraße.

Dort kennt man Cornelia B. Überhaupt kennt man die psychisch auffällige Frau in der Marktgemeinde. Von einigen traurigen Episoden. Zum Beispiel von der Osternacht 2009, als sie sich in der Kirche neben dem Pfarrer postierte, geistliche Posen mimte und sich aufregte, als die große Hostie an ihr vorüberging.

Die Zeit, in der Cornelia B. in der Klinik untergebracht war: „Da haben wir eine Zeit lang unsere Ruhe gehabt“, berichtet ein Anwohner der Köglmühlstraße.

Mit der Ruhe war es im August vergangenen Jahres vorbei. Cornelia B. ist zurück. Die erste, die das bemerkt ist Manuela S. „Ich habe sie vor meinem Küchenfenster gesehen. Sie hat geschrien und Blumen ausgerissen.“ Wegen der Kinder hat S. eine Kette vor ihrem Hof angebracht. Die wird von Cornelia B. einfach entfernt. Es hätte so schön sein können im Eigenheim in Peiting. Doch mit der familiären Idylle ist es für Manuela S. seit der Rückkehr von B. vorbei. Ihre Kinder lässt sie draußen nicht mehr aus dem Auge. So wie andere Eltern auch. Cornelia B. soll selbst zwei Kinder haben - und Kontaktverbot. „Das ist erschreckend, da hab ich richtig Angst gekriegt, als ich das gehört habe“, sagt S.

Cornelia B., sagen die Köglmühlstraßen-Bewohner, ist „unberechenbar“. Einer Drohung an eine Anwohnerin, sie solle besser „ein Messer im Rücken haben“, folgten eindeutige Signale. Die Frau hatte am nächsten Tag Besteck vor der Haustür liegen.

„Ist das nur ein Anfall? Was ist, wenn du zur falschen Zeit am falschen Ort bist?“, fragt Anwohner Jochen M. Dem Familienvater reicht’s. So wie vielen seiner Nachbarn auch. Immerhin 30 Familien aus der Köglmühlstraße haben sich bei einer Unterschriftenliste eingetragen, diese Bürgermeister Michael Asam überreicht. Das Ziel: Es soll endlich was passieren im Fall Cornelia B.

Es ist auch was passiert: Weil sich die Ereignisse am Wochenende zugespitzt haben, hat die Polizei die psychisch auffällige Frau am Samstagabend in die Psychiatrie in Landsberg einliefern lassen. Wenige Stunden später radelte sie schon wieder schimpfend durch die Köglmühlstraße.

Auch Polizeichef Rudolf Fischer kann da nur mit den Schultern zucken. Ihm sind - wie offenbar in diesem Fall allen anderen auch - die Hände gebunden. Ja, seit knapp zwei Jahren ist der Name Cornelia B. der Polizei in Schongau ein Begriff, räumt Fischer ein. Was sie tut, ist manchmal mit Verbal-Attacken verbunden. Manchmal mit Sachbeschädigung. „Das hängt immer vom Zustand ab.“ Und ja: Es laufen einige Strafanzeigen gegen die Frau. Doch bis sich in dieser Angelegenheit bei der Staatsanwaltschaft zumindest strafrechtlich was tut: Das kann dauern, deutet er an.

Jemand gegen seinen Willen in einer Nervenheilanstalt unterbringen, das ist „nicht so einfach“ in Deutschland. Eher schon fast unmöglich. „Für Unterbringungen wegen Allgemeingefährlichkeit ist das Amtsgericht zuständig“, erklärt Fischer. Doch das reagiert wiederum nur auf Antrag des Landratsamts. Es ist kompliziert. Und wird immer noch komplizierter.

Denn am vergangenen Wochenende hat der Psychiater offenbar festgestellt, dass Cornelia B. sofort wieder aus der Psychiatrie entlassen werden kann. „Jetzt wird es für uns immer schwieriger, diese Frau wegzubringen“, sagt Rudolf Fischer. Da müsse - um rechtlich im Rahmen zu bleiben - schon ein dringender Fall vorliegen. Cornelia B. müsste „selbst- oder gemeingefährlich“ agieren. Soll das heißen: Es muss erst etwas passieren, dann darf die Polizei eingreifen? Dazu sagt Rudolf Fischer nichts. Nur so viel: „So ist die Rechtslage - wir haben versucht zu helfen.“

Barbara Schlotterer-Fuchs

Auch interessant

Meistgelesen

Einbrecher fräsen sich in Elektromarkt
Einbrecher fräsen sich in Elektromarkt
Flugzeugteil auf Weide gestürzt - das sagt der Landwirt
Flugzeugteil auf Weide gestürzt - das sagt der Landwirt
Freund beim Sexspiel mit Kreissäge getötet - Urteil
Freund beim Sexspiel mit Kreissäge getötet - Urteil
Flugzeugteil kracht auf Feld - wie konnte das passieren?
Flugzeugteil kracht auf Feld - wie konnte das passieren?

Kommentare