"Wie im Krieg": Einsatzfahrzeug zerstört

Puchheim: Raketen-Angriff auf die Feuerwehr

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Feuerwehrfrau Sandra Stadler (36): Als meine Kameraden auf der Drehleiter standen, um das Feuer im 8. Stock zu löschen, wurden sie plötzlich mit Raketen beschossen.

Puchheim - Balkonbrand im 8. Stock - als in der Silvesternacht um 23.17 Uhr bei der Feuerwehr Puchheim-Bahnhof der Alarm schrillt, sieht noch alles nach Routine aus. Doch dann folgt der blanke Horror.

Beim elfköpfigen Einsatz auf der 30 Meter hohen Drehleiter werden die Feuerwehrleute angegriffen! Ein Horde Feierwütiger feuert gezielt Silvesterraketen auf die Einsatzkräfte ab. Andere nehmen die Männer und Frauen mit Chinaböllern unter Beschuss - ein -Einsatzfahrzeug fängt sogar Feuer!

Thomas Rieck (Bankkaufmann, 53) ist ein besonnener Mann. Seit 13 Jahren ist er Kommandant der Puchheimer Feuerwehr (Kreis

Kommandant Thomas Rieck (53): „ Am Wagen wurden Unterbodenschutz und Leitungen zerstört“.

Fürstenfeldbruck). Er braucht lange, bis er Worte findet, die die Dramatik dieser Nacht beschreiben, dann sagt er: „Im Krieg kann’s nicht schlimmer sein!“ Zwei Tage nach der Horrornacht sind Rieck und seine Kameraden immer noch fassungslos. „Wir haben in den letzten Jahren natürlich schon gespürt, dass Polizei und Feuerwehr immer weniger Respekt genießen, aber so etwas...“ Rieck kann nur immer wieder den Kopf schütteln. Es sind viele Menschen auf der Straße, als die Feuerwehr drei Minuten nach dem Alarm am Brandort in Adenauerstraße eintrifft. Der Countdown zum Jahreswechsel läuft, die Straße ist voll, viele Anwohner testen schon ihre Böller - „und dann haben wohl einige gedacht: Jetzt kommt die Feuerwehr, jetzt gibt’s ein echtes Feuerwerk“, umschreibt Einsatz-leiter Stephan Stadler (33) die Stimmung.

Als er mit Kameraden die Drehleiter im parkähnlichen Hof der ringsumstehenden Hochhäuser in Stellung bringt, fühlt er sich wie ein Schauspieler auf der Bühne. Aus allen Fenstern verfolgt man den Einsatz. „Aber Gaffer und Schaulustige - das kennen wir ja. Das gehört heute ja schon fast mit dazu. So lange sie uns nicht behindern, können  und müssen wir mit ihnen leben“, so Stadler.

Froh, dass keiner verletzt wurde (li.): Stephan Stadler, Andreas Gierstorfer und Michael Arnold.

Er schickt einen Trupp ins Haus, um das Feuer von dort aus zu bekämpfen. Schnell haben die Einsatzkräfte die Flammen unter Kontrolle. Doch dann elektrisiert ein Funkruf der Kameraden von der 30 Meter hohen Drehleiter: „Wir werden beschossen!“ Kommandant Rieck traut kaum seinen Augen: „Tatsächlich haben aus der Menge - das waren so 60, 70 Menschen, die sich da im Park versammelt hatten -, einige gezielt mit Raketen auf unsere Kameraden geschossen.“ Dass niemand getroffen wird, ist reines Glück. Aber die Spuren der Raketen waren auch gestern noch sichtbar: „Bei uns im 9. Stock - einen Stock über dem Brand - haben einige Fensterscheiben durch die Hitze der aufprallenden Feuerwerkskörper regelrecht Brandblasen geworfen“, berichtet eine Nachbarin.

Fast gleichzeitig eskaliert die Situation auch vor dem Haus. Dort attackieren Randalierer die Feuerwehrler mit China-Böllern. Ein Mehrzweckfahrzeug fängt Feuer. Unterbodenschutz, Brems- und andere Leitungen werden komplett zerstört. „Wir mussten es außer Dienst stellen“, so Rieck. Aber das ist nicht das eigentliche Problem des Kommandanten - er sorgt sich um die Zukunft. „Es kann doch nicht sein, dass wir künftig Polizeischutz für unsere Einsätze brauchen!“ Apropos Polizei: Natürlich war auch eine Streife in der Silvesternacht vor Ort. „Doch was sollten die tun?“, so Rieck.

316 Einsätze hatte die Feuerwehr Puchheim-Bahnhof im letzten Jahr. Bisher waren die 80 aktiven Frauen und Männer immer hoch motviert. „Aber wenn du für die Leute nur noch der Depp bist“, so Stephan Stadler, „dann fragst du dich schon, warum du das in deiner Freizeit noch machen sollst.“ Nach den Raketenschützen fahndet inzwischen die Polizei.

TS/WdP

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