Betreuer klagen: Obdachlosen mangelt es an Motivation

Auch in der reichen Isartalgemeinde Pullach gibt es Menschen, die sich kein Dach überm Kopf leisten können. Sechs Erwachsene und zwei Kinder ohne festen Wohnsitz sind derzeit hier ansässig. Wie es ihnen geht, davon berichtete jetzt das zuständige Team der Arbeiterwohlfahrt dem Gemeinderat.

PullachZwei der Erwachsenen sind Frauen, vier Männer, erläuterte Projektmitarbeiterin Tanja Fees, die die Obdachlosenberatung in verschiedenen Gemeinden koordiniert, dem Gremium. Die Betreuung durch die AWO sei „relativ frisch installiert“. Landkreisweit gibt es 47 Menschen in den 27 Kommunen rund um München, die faktisch auf der Straße sitzen.

Wobei es im Speckgürtel rund um die Landeshauptstadt nicht gerade leicht ist, den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. Im Schnitt dauere es, erklären Fees und ihre Kollegin Constanze von Reinhard-Stoettner, 200 Tage, bis man wieder eine Wohnung anmieten könne. Im Schnitt bleibe ein Obdachloser 384 Tage in einer geförderten Unterkunft. Nur leider, in Pullach dauert das alles ungleich länger – was daran liegt, dass es die Wohnungssuchenden in der Gemeinde recht bequem haben. „Es ist ziemlich erschreckend, aber es gab hier auch mal eine Person, die 22 Jahre in einer Obdachlosenunterkunft blieb.“

Denn: Die Betroffenen müssen für die Bleibe, die an sich doch nur eine vorübergehende sein soll, kaum etwas zahlen. Nur 30 Euro im Monat werden von ihnen verlangt, „da ergibt sich kaum die Notwendigkeit, etwas zu verändern“, meinte Fees. Sie stelle auch bei den Klienten in Pullach einen „Mangel an Motivation“ fest. In Fürstenfeldbruck sieht das zum Beispiel ganz anders aus, da zahlt man für ein Bett in einem Dreier-Zimmer 600 Euro alle vier Wochen. „Hier in der Gemeinde hab ich kein Druckmittel“, fasste sie das Dilemma ihrer Arbeit zusammen.

Gemeinderat Arnulf Mallach, SPD, meinte, die Mieten, die in Fürstenfeldbruck von den Betroffenen verlangt würden, seien auch unangemessen. „Das kann es auch nicht sein.“ Bürgermeisterin Susanna Tausendfreund, Grüne, kündigte an: „Mit dem Thema werden wir uns beschäftigen, dieser geringe Satz wird seit Urzeiten verlangt, wir müssen uns etwas Neues überlegen.“ Etwa sei in Erwägung zu ziehen, ob die Obdachlosen mit Sanktionen belegt werden können, wenn sie Beratungstermine verweigerten. „Das alles nur auf freiwilliger Basis zu machen, das ist schwierig.“

Derweil präsentierte Tanja Fees dem Kommunalgremium noch ein wenig statistisches Material. In Pullach sind zwei der Betroffenen nach einer Trennung wohnungslos geworden, zwei hatten ein Räumungsverfahren am Hals. Zwei arbeiten, zwei bekommen Rente. Beratungsschwerpunkte seien das Finden einer Wohnung, die Klärung der finanziellen Situation, schlicht auch Alltagsbewältigung. Die Menschen werden begleitet, wenn sie auf Ämter müssen, und es wird auch mit ihnen an Perspektiven gefeilt. Allerdings geht aus dem Bericht auch hervor: Im Schnitt befinden sich die Betroffenen, die seit 2017 beraten werden, seit 2373 Tagen in der Unterkunft.

Rubriklistenbild: © dpa

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