Nachruf

Der Radl-Hermann: Ein Grantler mit großem Herzen ist tot

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Bekannt als Radl-Hermann: Hermann Herzberg wurde nur 64 Jahre alt.

Erding – Es gibt kaum einen alteingesessenen Erdinger, der ihn nicht kannte: den Radl-Hermann. Jahrzehnte lang hat er an der Roßmayrgasse Fahrräder repariert. In späteren Jahren war die Steinheilkunde seine Leidenschaft. Viele sahen ihn als eigentümlichen Grantler. Doch seine Freunde wussten: Er hatte ein großes Herz. Das hat plötzlich aufgehört zu schlagen. Hermann Herzberg starb im Alter von 64 Jahren.

Am vergangenen Freitag war er noch mit seinem guten Freund Walter Lehmer zusammengesessen. „Er hat mir seine neue Gitarre gezeigt“, erzählt Lehmer. Die beiden sahen sich oft. Sie kannten sich seit Hirschwirt-Zeiten.

Der gebürtige Münchner Hermann Herzberg war 1972 als 19-Jähriger nach Erding gekommen. Er hatte keine leichte Kindheit, wurde vom alkoholkranken Vater oft verprügelt. Als Jugendlichen steckte man ihn nach Birkeneck, eine von Ordensleuten geführte Erziehungsanstalt. Dort hielt es Herzberg, drogensüchtig und alkoholkrank, nicht lange aus.

In Erding kam er in der Bäckerei Graf unter und machte eine Ausbildung. Später arbeitete er bei einem Natursteinehandel und schleppte Findlinge. 1985 zog Herzberg an die Roßmayrgasse. Dort, in der umgebauten Garage des Schwankl-Hauses, lebte er fortan. Und hier kam er auch von seiner Sucht los. Zu Hausbesitzerin und Stoffhändlerin Katharina Schwankl († 1995), besser bekannt als Restl-Kath, hatte er ein enges Verhältnis. „Er hat immer Oma zu ihr gesagt“, erzählt Lehmer. Und: „Damals hat er auch mit dem Radl richten angefangen.“ Wie das geht, das hatte sich Herzberg bei Radl Fischer in Langengeisling angeeignet.

Er sah sich als Fahrrad-Mechaniker. Und als solchen kannten ihn die Erdinger. Viele kauften im Laufe der Jahre ein gebrauchtes Rad bei ihm oder brachten ihres zum Reparieren – mit kaputtem Licht oder plattem Reifen. Herzberg arbeitete sorgfältig und günstig. Die herrenlosen Räder bekam er vom Bauhof, von der Arbeiterwohlfahrt oder von Hausmeistern großer Wohnanlagen. Und sie standen in Reih und Glied vor seiner Wohnung an der Roßmayrgasse.

Herzbergs oft ruppige Art war nicht jedermanns Sache. Seine raue Schale war hart, doch der Kern weich. „Er war einfach ein herzensguter Kerl“, sagt Hermann Kraus jun. Er kannte Herzberg seit 14 Jahren. „Ich wollte ein altes Rad von ihm. Damals war er sehr abweisend.“ Doch Kraus bekam sein Rad – und die beiden freundeten sich an. Regelmäßig trafen sie sich, machten gemeinsam Musik, philosophierten am Lagerfeuer. „Der Hermann konnte gut Gitarre spielen. Das hat er sich selbst beigebracht. Er hatte bestimmt sechs oder sieben Stück daheim“, erzählt Kraus.

In den vergangenen Jahren widmete sich Herzberg mehr und mehr der Steinheilkunde. Sie faszinierte ihn. Er fasste Edelsteine, machte Amulette, kannte die heilende Wirkung von Amethysten, Bergkristallen und Co. Seine Kreationen waren gefragt. Jedes Jahr besuchte er die Edelstein-Messe in München. Da trug Herzberg schon mal einen Anzug. Die Erdinger kannten ihn eher in Jogginghose und T-Shirt.

Lehmer und Kraus ist es ein Anliegen, den Menschen die weiche Seite von Herzberg näherzubringen. „Er war nach außen sehr ruppig, dabei war er gütig und wahnsinnig gefühlvoll“, sagt Kraus. Oft habe Herzberg selbst gesagt: „De moanan alle, i bin a Grattler. Aber de hamm koa Ahnung.“

Kraft schöpfte Herzberg aus seiner Spiritualität. Er war gerne in der Natur, hat meditiert. Gläubig im klassischen Sinne war er nicht. Oder doch? Schließlich stammt auch dieser Satz von ihm: „Wennst ned weida woaßt, dann fragst an Herrgott. Mit dem konnst redn wia mit am guadn Freind.“ Lehmer und Kraus haben ihren guten Freund verloren.

Eine Nachbarin verständigte am Montag die Polizei, nachdem sie Herzberg tagelang nicht gesehen hatte. Der Einsatz sorgte für Aufsehen in der Stadt. Die Feuerwehr brach schließlich, wie bei Wohnungsöffnungen üblich, die Tür auf – und fand ihn. Hermann Herzberg lag tot in seinem Bett. Man geht von akutem Herzversagen aus.

Ein Termin für die Beerdigung steht noch nicht fest. 

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