Neun und sieben Jahre unterwegs

Rätselhafte Briefe an den verstorbenen Mann

Lilo Berner

Olching - Ihr Mann Wolfgang ist schon vor längerem verstorben. Trotzdem fischte Lilo Berner an einem Tag gleich zwei Briefe für ihn aus dem Postkasten.

Was ist denn jetzt los, dachte die 73-Jährige. Neun und sieben Jahre waren die Umschläge unterwegs, nun landeten sie am gleichen Tag bei ihr. „Da hätte ich eine Schnecke beauftragen können, die wäre schneller gewesen.“ Kurioserweise steht die Olchingerin auch noch selbst als Absender auf den Kuverts.

Letzteres ist noch am leichtesten zu erklären: Wolfgang Berner war leidenschaftlicher Briefmarkensammler. Bei seiner Postfiliale um die Ecke war er Stammgast. Alle paar Wochen brachte er Briefe mit Sondermarken und achtete darauf, dass sie sorgsam abgestempelt wurden, als Absender fungierte seine Frau. Dann warf er die Kuverts ein und wartete, bis der Postbote sie ihm einige Tage später wieder brachte.

Das Prozedere hatte einen einfachen Grund: Ein ordentlicher Poststempel steigert den Wert von Marken. Auch am 3. Juni 2004 und am 4. Mai 2006 adressierte Berner Briefe an sich selbst. Nur dass er sie zu Lebzeiten nicht wieder sah. Jetzt wurde seine Witwe mit der verspäteten Post in der Filiale vorstellig. Dort könne man sich den Fall nicht erklären und habe wenig Interesse daran, meint sie.

Ganz anders als ihr verstorbener Mann. Briefmarken waren Wolfgang Berners Passion. Mit elf Jahren fing er an zu sammeln. Seitdem war er ständig auf der Suche nach gut erhaltenen Sondermarken. Immer wieder sortierte er sie mit größter Sorgfalt. Mehr als einmal im Leben zog er aus seinem Hobby praktischen Nutzen. Wurde das Geld mal knapp, brachte er schweren Herzens einige Marken zur Auktion nach München. 1970 finanzierte er so zum Teil sein Gästehaus in Geiselbullach. Auch Rechnungen wurden schon mal mit Marken beglichen.

Nach seinem Tod hinterließ der 79-Jährige seiner Lilo diverse Alben und viele Briefe. Die Witwe hat die meisten Marken an befreundete Sammler verschenkt. „Ich kann damit nichts anfangen und die freuen sich.“ Immer noch findet sie im Haus gezackte Schätze ihres verstorbenen Liebsten. Erst vor kurzem stöberte sie wieder zwei Alben mit 2-Pfennig-Notopfermarken aus Berlin auf.

Wie das mit den verspäteten Briefen zu ging, wird sich wohl nie mehr ganz klären lassen. „Wenn es tatsächlich ein Verschulden der Post ist, tut es uns furchtbar Leid“, so ein Sprecher des Unternehmens. Allerdings sei der Fall ziemlich rätselhaft. „Gerade wenn der Briefumschlag im einwandfreien Zustand ist und keine Gebrauchsspuren aufweist, ist ein Verschwinden eher unwahrscheinlich. Oft geraten Briefe einfach irrtümlich wieder in den Postverkehr.“

Nun muss sich Lilo Berner überlegen, was mit den beiden verspäteten Briefen passiert. Wegwerfen kommt jedenfalls nicht in Frage. Vielleicht dürfen sich wieder Freunde freuen. „Das ist schon eine Rarität: Zwei alte Marken, doppelt abgestempelt, so viele Jahre dazwischen und dann am selben Tag im Briefkasten.“

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