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Rätselraten am Weyarner Rathaus

Geheimes Zeichen in Sternsinger-Schriftzug entdeckt

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Spuren verwischen: Weyarns Bürgermeister Leonhard Wöhr hat einen Gaunerzinken im Sternsinger-Schriftzug an der Rathaustür entfernt.

Holzkirchen/ Weyarn - Weyarns Bürgermeister Leonhard Wöhr will an seinem Rathaus ein geheimes Zeichen entdeckt haben, das Bettler als Code nutzen - und ist darüber gar nicht begeistert. 

Das plötzlich mit Kreide aufgezeichnete zusätzliche Zeichen, das an ein Plus erinnerte, machte Leonhard Wöhr nervös. Ein Bürger hatte ihn darauf aufmerksam gemacht und ihn gewarnt. Und der ehemalige Polizeihauptkommissar wollte kein Risiko eingehen. Schon gar nicht, nachdem Bettler kürzlich in den Sitzungssaal gestürmt waren (wir berichteten). Deshalb hat der Bürgermeister das Plus, das sich nachträglich in den Sternsinger-Schriftzug „C+M+B“ am Weyarner Rathauseingang eingeschlichen hatte, weggewischt. Sein Verdacht: „Vielleicht war das ein Gaunerzinken.“ Also eine Markierung für Bettler, die so viel heißt wie: „Hier gibt es was zu holen.“

Inoffizielles Nachschlagewerk: Auch Bettler bedienen sich genau wie Einbrecher manchmal solcher Gaunerzinken, um Komplizen eine Botschaft zu hinterlassen. Eine Arbeitsgruppe der Uni Passau hat die Zeichen zusammengestellt (vergrößern).

In Weyarn ist, so wie im gesamten Nordlandkreis, die Bettlerwelle mittlerweile abgeebbt. Das erklärt Josef Lang, Leiter der Polizeiinspektion (PI) Holzkirchen. Wie berichtet, hatten vor einigen Wochen Bettler den Dienstbereich der PI überschwemmt und Bürger zuweilen aggressiv um Geld anschnorren. „Jetzt ist es viel ruhiger geworden“, meint Lang. In der vergangenen Woche habe es kaum Vorfälle gegeben.

Der Grund für diese Entwicklung: Zum einen habe sein Team die Bettler ständig im Auge. Und: „Sie kommen meist schubweise.“ Haben sie ein Gebiet ausgeschöpft, zögen sie weiter. Deshalb ist es laut Lang wichtig, dass Bürger nichts hergeben. „Auch wenn die Personen mitleiderregend aussehen.“ Schließlich stünden oft organisierte Banden dahinter, die ihre Helfer zu menschenunwürdigen Bedingungen ausbeuten.

Ob die Bettler über dem Rathaus tatsächlich einen Gauner- oder Bettlerzinken hinterlassen haben, kann Lang nicht mit Sicherheit sagen. Aber: „In der Polizeischule haben wir gelernt, dass es so etwas gibt“, erinnert er sich. Auch Wöhr waren diese Codes stets ein Begriff. Es handle sich dabei um eine Art Geheimsprache von Bettlern oder Einbrechern, die Gleichgesinnten Botschaften an Türen, Hauswänden oder Zäunen hinterlassen. Und die eigentlich nur Eingeweihte entziffern können. Diese Zeichen verraten, ob es sich lohnt, an einem Haus zu betteln oder einzusteigen, ob es gefährlich ist und wie man sich am besten verhält.

Ein Thema, das fasziniert und um das sich viele Mythen ranken, die im Internet kursieren. Aber es ist auch ein Thema, dem man sich wissenschaftlich nähert: Ein Team der Universität Passau hat „Moderne Zinken“ im Rahmen einer Arbeitsgruppe zusammengestellt. Demnach bedeutet zum Beispiel ein Minus „hier gibt es nichts“, ein umgedrehtes T heißt „alleinstehende Person“, die im Haus wohnt, und eine gezackelte Linie warnt angeblich vor einem bissigen Hund. Ein Kreuz rate Bettlern, sich gegenüber den Bewohnern fromm zu stellen, das kurble den Erfolg an.

Laut den Studenten tauchten im 16. Jahrhundert Vorläufermodelle in Europa auf, die sogenannten Mordbrennerzeichen. Diese „lieferten den Bandenmitgliedern Informationen darüber, wo und wann ein bestimmtes Haus überfallen, ausgeraubt und in Brand gesteckt werden sollte“, heißt es. Lang erzählt, dass bereits im Mittelalter das „fahrende Volk“, die „Nichtsesshaften“, eine Geheimsprache entwickelten, weshalb früher von „Zigeunerzinken“ die Rede war. Aber dieses Wort sei natürlich längst nicht mehr politisch korrekt und schüre Vorurteile.

Gaunerzinken sind der Polizei Holzkirchen trotz der vielen Bettler in letzter Zeit allerdings nicht vermehrt ins Auge gestochen. Heutzutage würden viele Banden zu modernen Mitteln greifen, um Komplizen zu informieren: „Per SMS“, sagt Lang. Trotzdem: Die Zinken sind unauffällig angebracht und werden meist gar nicht bemerkt. Und es gibt sie.

Wöhr ist froh, dass er den Zinken am Rathaus bemerkt hat, ganz gleich, was er genau bedeutet. „Es gibt ja kein offizielles Nachschlagewerk für Gaunerzinken.“ Doch Vorsicht sei besser als Nachsicht. Und die Bettler waren seitdem nicht mehr im Rathaus.

Von Marlene Kadach

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